Deutscher Herzbericht: Ein Mann, ein Stent

5. Februar 2014
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Der Deutsche Herzbericht 2013 gibt einen tiefen Einblick in die Seele der deutschen Herzmedizin. Und in die Seele des deutschen Herzpatienten. Denn der will invasiv behandelt werden. Vor allem, wenn er männlich ist.

Im deutschen Gesundheitswesen ist der Deutsche Herzbericht, der mittlerweile von der Deutschen Herzstiftung in Kooperation mit den Deutschen Gesellschaften für Kardiologie (DGK), Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) und Pädiatrische Kardiologie (DGPK) herausgegeben wird, ein ziemliches Unikum. Keine andere Fachdisziplin investiert so viel Arbeit, um die eigenen erbrachten Leistungen transparent zu machen. Was man sich bei anderen Disziplinen mühsam in den Datenbanken des AQUA-Instituts und diverser klinischer Register zusammenklauben muss, die Herzspezialisten liefern es frei Haus.

Transparenz macht stark

Das macht natürlich einerseits angreifbar. Die Kardiologen beispielsweise kriegen regelmäßig eins auf den Deckel, weil sie im internationalen Vergleich so katheterfreudig sind und weil die genauen Zahlen im Herzbericht bis auf die dritte Stelle hintern Komma nachgelesen werden können. Andererseits ist der Deutsche Herzbericht aber auch ein hervorragender Beleg für die These, dass Transparenz letztlich diejenigen stärkt, die sie praktizieren. Die Botschaft, die den Herzbericht alljährlich implizit begleitet, ist immer die gleiche: Wir wissen, was wir tun. Wir kommunizieren es offen. Und wir glauben, dass wir es begründen können.

Starten wir mit Thema Herzkatheter und den nackten Zahlen. Bekanntlich gibt es über den Nutzen der perkutanen Intervention bei der stabilen Angina pectoris seit einiger Zeit sagen wir mal Diskussionen. Pars pro toto kann hier eine im Dezember 2013 publizierte Metaanalyse gelten, in die fünf randomisierte Studien mit über 5.000 KHK-Patienten mit stabiler Angina und – in 4000 von 5000 Fällen – positivem Ischämietest eingeflossen sind. Die Patienten erhielten entweder  eine Revaskularisation oder eine medikamentöse Therapie. Ergebnis: Über einen Zeitraum von fünf Jahren gab es nicht nur keinen statistisch signifikanten Unterschied bei der Mortalität und der Rate der nicht-tödlichen Herzinfarkte. Auch bei den ungeplanten Revaskularisationen und (!) bei der Angina pectoris-Symptomatik wurde das Signifikanzniveau nicht erreicht, wenngleich es hier einen Trend zugunsten der Intervention gab.

Nur jeder vierte Stent landet in einer Frau

In den USA haben diese und ähnliche Daten – Stichwort COURAGE-Studie – dazu geführt, dass die Zahl perkutaner Koronarinterventionen (PCI) deutlich zurückging. Und in Deutschland? Der Deutsche Herzbericht liefert die eindeutige Antwort. 2012 wurden in Deutschland hochgerechnet 337.171 PCI durchgeführt, ein Plus von 2,7 Prozent. Das ist ein Allzeithoch. Auch der Anteil von Patienten, die einen medikamentenfreisetzenden Stent bekommen, war mit 68 Prozent im Jahr 2012 so hoch wie nie. Im Jahr zuvor waren es 54 Prozent. Gefragt ob er aus der hohen PCI-Quote eine Überversorgung ableiten würde, antwortete Professor Dr. Christian Hamm ausweichend: Eine Überversorgung sei schwer nachzuweisen, so der DGK-Präsident: „Von der Fachgesellschaft aus wollen wir Qualität besser messbar machen und haben deswegen mehrere Qualitätsoffensiven gestartet. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung in Deutschland einen sehr hohen Anspruch hat.“ Vor allem Männer, hätte er noch hinzufügen können. Denn dieser Unterschied ist tatsächlich eklatant: Nur etwa jeder vierte Stent in einem deutschen Koronargefäß landet beim weiblichen Geschlecht. Die Sterbeziffer der KHK dagegen ist seit vielen Jahren für Männer und Frauen auf etwa dem gleichen Niveau, wobei die Männer – auch das zeigt der Herzbericht – ihre Infarkte eher zwischen dem 55 und 75 Lebensjahr haben, während es bei den Frauen jenseits der 70 erst so richtig losgeht.

Herzchirurgie: In strammen Schritten Richtung 100

Diskussionsstoff findet sich im Deutschen Herzbericht auch an vielen anderen Stellen. So boomt die Elektrophysiologie weiterhin gewaltig – trotz aller Beteuerungen, wonach der Hype angeblich schon wieder abklinge. Tatsache ist: Im Jahr 2012 wurden in Deutschland hochgerechnet 52.441 elektrophysiologische Untersuchungen durchgeführt, ein Plus gegenüber 2011 von knapp 20 Prozent. Die Ablationen schossen in ähnlichem Umfang in die Höhe, auf jetzt 57.012. Was die Zahlen auch zeigen ist, dass es in der Elektrophysiologie – anders als beispielsweise bei der TAVI – kaum High-Volume-Zentren gibt. Etwa 200 Einrichtungen in Deutschland bieten dem Herzbericht zufolge Ablationen an. Rund 40 Prozent davon führen unter 100 Ablationen pro Jahr durch. Mehr als 75 Prozent der Einrichtungen liegen unter 300. Nur fünf Einrichtungen kommen auf über 1000 Eingriffe pro Jahr, nur eine auf über 2000.

In dieser Ausführlichkeit neu sind die strukturellen Auswertungen im Deutschen Herzbericht 2013. Sie gibt es beispielsweise in der Herzchirurgie eine hohe Altersdynamik. Mittlerweile sind mehr als 10 Prozent aller herzchirurgischen Patienten älter als 80 Jahre, mehr als doppelt so viel wie noch vor einigen Jahren. Mehr als die Hälfte aller herzchirurgischen Patienten ist älter als 70 Jahre. „Trotzdem ist es uns gelungen, die Komplikationsrate bei unseren Operationen konstant zu halten“, betonte DGTHD-Präsident Professor Dr. Jochen Cremer.

Frustrierend bleiben die weiterhin erheblichen Unterschiede in der Herzmedizin zwischen den Bundesländern. „Von einer gleichmäßigen Versorgungslandschaft kann in Deutschland nicht gesprochen werden“, konstatiert der Herzbericht nüchtern. Das gilt sowohl für die Morbidität als auch für die Mortalität. Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern liegen bei der altersbereinigten stationären Morbiditätsziffer rund ein Sechstel über dem Bundesdurchschnitt. Alle anderen östlichen Bundesländer außer Sachsen und Berlin liegen ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt. Noch ausgeprägter sind die Unterschiede zwischen Ost und West bei der altersbereinigten Sterbeziffer. Hier liegen die neuen Bundesländer teilweise um mehr als 30 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

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2 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Der antimännliche Akzent trotz deutlich höherer Inanspruchnahme von “Gesundheitsleistungen” bei Frauen allgemein, klingt etwas deplaziert.
Wann werden in Deutschland endlich Männer wegen ihrer kürzeren Lebenserwartung gefördert?

#2 |
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Interessant, dass sowohl hier eine überdurchschnittliche Mortalität in den neuen Bundesländer festgestellt wurde, als auch in der Publikation des DKFZ eine schlechtere Überlebenschance für Krebspatienten in wirtschaftlich schwachen Landkreisen festgestellt wurde.

#1 |
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