TCM: Kontroverser Kassenschlager aus Fernost

29. Januar 2014
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Mehr als die Hälfte der Europäer sucht Hilfe in der Alternativmedizin, die traditionelle chinesische Medizin (TCM) macht einen nicht unerheblichen Teil davon aus. Lest hier, worum es bei der TCM geht und welche gegensätzlichen Standpunkte sie befördert.

“Ich persönlich, als Arzt, der die westliche Medizin gelernt hat, glaube nicht an die Traditionelle Chinesische Medizin, da ihre Wirkungsweise wissenschaftlich nicht erklärbar ist und sie dadurch nicht verstanden werden kann.” Das sagt Dr. Chun-Qiu Chen, Oberarzt am Department für gastroenterologische Chirurgie am „Tenth People’s hospital“ in Shanghai, China, im Gespräch mit DocCheck. Seine Aussage trägt dem Umstand Rechnung, dass die TCM in ihrem Ursprungsland ambivalent betrachtet wird – ein Blick auf ihre historische Entwicklung hilft dabei weiter.

TCM ist eine Heilkunde, die sich, so wie die westliche Medizin auch, über Jahrtausende entwickelt hat – archäologische Funde alter Schriften lassen den Ursprung der TCM recht exakt auf 200 v. Chr. zurückdatieren. Wie alles, veränderte die Zeit auch die TCM über die Jahrhunderte – zu Beginn des 20. Jahrhunderts schlussendlich stand sie als Sündenbock für die miserable Lage des Reiches der Mitte da, dessen Selbstachtung durch massive politische Niederlagen gegen europäische Kolonialmächte und das kleine Japan deutlich geschwächt war. Paul Unschuld, Sinologe und Medizinhistoriker, beschreibt in diesem Aufsatz in detaillierter Art und Weise die Entwicklung der TCM. Heute ist wichtig, zweierlei Dinge zu verstehen:

Zum einen besteht ein grundlegender Unterschied in der Denkweise: Die westliche Schulmedizin versucht das Werden, Sein und Vergehen von Krankheit durch Analyse der kleinsten Dinge zu erklären und über diesen Weg die Gesundheit zu fördern. Die TCM jedoch teilt die zu beschreibenden Objekte in Gruppen ein – beispielsweise gibt es 8 Diagnoseprinzipien, angefangen beim Äußeren und Inneren, Hitze und Kälte, Fülle und Leere etc. Diese Gruppen stehen untereinander in ganz bestimmten Beziehungen, die TCM beschreibt nun die Gesetzmäßigkeiten dieser Relationen.

Zum anderen ist der heute verwendete Begriff „Traditionelle Chinesische Medizin“ ein Produkt, das sich mehrere chinesische Regierungen des vergangenen Jahrhunderts ausgedacht haben – sie pickten sich dabei diejenigen Rosinen aus dem Kuchen der opulenten Lehre der TCM heraus, die am besten zum naturwissenschaftlichen Verständnis des Westens passten und verkauften sie sehr erfolgreich an westliche Gelehrte – zu ihrer eigenen Überraschung.

Grundbegriffe richtig einordnen

Für das Verständnis der TCM ist auch die richtige Einordnung der Grundbegriffe „Yin und Yang“ sowie des „Qi“ unabdingbar. Yin und Yang, das sind zwei Kräfte, die sich gegenüber stehen, sich aber doch aufeinander beziehen, versinnbildlicht werden sie oft durch das „Tajitu“, ein schwarz weißes Diagramm. Vereinfacht gilt: Yin = schwarz = passiv, kalt, feucht; Yang = weiß = aktiv, heiß, trocken. Herrscht ein harmonischer Gleichgewichtszustand zwischen diesen gegensätzlichen Kräften, fließt das Qi, eine Art Lebensenergie, und der Mensch ist körperlich gesund sowie seelisch ausgeglichen. Wird dieses Gleichgewicht gestört, sei es von außerhalb oder aus dem Inneren des Körpers, kann das Qi nicht mehr frei fließen und die Krankheit bricht aus.

Das Qi, das also für das Wohlbefinden so bedeutend ist, wird korrekt mit „Speisedampf“ übersetzt, jedoch wird jede Beschreibung des Wortes seiner Bedeutung nicht gerecht und ist als symbolisch zu verstehen. Vorstellen kann man es sich wie eine allgegenwärtige Energie, die die Natur und damit auch den menschlichen Körper durchfließt, sie ist verantwortlich für Gleichgewicht, Harmonie und Gesundheit. Die Kanäle im Menschen, entlang derer das Qi fließt, werden in der TCM „Meridiane“ genannt, wichtig sind vor allem die 12 Hauptmeridiane. Kommt es zu Störungen im Fluss des Qi, so verursacht dies Ungleichgewicht und Krankheit. Durch Manipulation an bestimmten Punkten dieser Leitungskanäle, zum Beispiel in Form von Akupressurmassage oder Akupunktur, fließt das Qi wieder ordentlich – das Equilibrium ist wieder hergestellt.

Von Studien und teuren Ausbildungen

Interessant ist: Die Akupunktur als Heilmethode wird in Deutschland relativ gesehen häufiger durchgeführt als in ihrem Ursprungsland. Die Therapeuten haben generell eine teure und mehrmonatige Ausbildung zum Akupunkteur hinter sich, und das, obwohl die GERAC-Studien zum Schluss kamen, dass es keinen Unterschied mache, wohin man die Nadeln am Körper platziere. Gleichzeitig veranlassten diese Studien eine Aufnahme der Akupunktur in die deutschen Kassenleistungen bei Knieschmerzen ausgelöst durch Gonarthrose und chronischem Kreuzschmerz. Da also die TCM nun einen integralen Bestandteil der Krankenversorgung in Deutschland darstellt, haben auch die Universitäten reagiert und bieten kostenpflichtige Ausbildungen zum TCM-Therapeuten an:

Die TU München bietet einen 3-jährigen Masterstudiengang in TCM an. Bedingungen: Absolvierung eines zweistufigen Eignungsverfahrens und 4.200 Euro Kursgebühr pro Semester. In Heidelberg kann man bei der deutschen Gesellschaft für TCM binnen 2 Jahren einen Master of TCM machen. Die dortige Ausbildung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Universität in Porto. Das heißt, dass man entweder im schönen Portugal studieren kann (Kosten 1.500 € pro Jahr) oder die Kurse in Deutschland belegt, die Kosten hierfür hängen von den belegten Kursen ab. Die Medizinische Universität in Wien hat ebenfalls einen Master für TCM im Angebot – Kostenpunkt: 3,200 € pro Semester bei einer Studiendauer von 5 Semestern. Egal wo man die Ausbildung macht, die Diplome sind staatlich anerkannt. Aufgrund der zunehmenden Integration der TCM in das Gesundheitssystem, ist anzunehmen, dass die Jobchancen sehr gut sind.

TCM als Sehnsuchtsmedizin?

„Die TCM verfolgt eine holistische Betrachtungsweise des Menschen. Zudem wird immer betont, dass die Natur als Ursprung der Therapieformen gilt. In China glauben viele, vor allem ältere, Menschen daran, in Shanghai und Beijing gibt es eigene TCM-Universitäten, die meisten Städte haben eigene TCM-Spitäler“, schildert Doktor Chen die Lage in China. „Ich glaube, dass dieser TCM-Boom Teil der derzeitigen, von der oberen Bevölkerungsschicht getragenen, ‚Wohlfühl-Bewegung‘ ist, ähnlich dem Trend, Yoga zu betreiben oder sich laktosefrei zu ernähren. Eine Ausbildung zum TCM-Therapeuten würde ich nicht machen, sie kostet viel und es gibt keine wissenschaftlich-fundierte Basis dafür”, meint Monika, Medizinstudentin in Zürich. Bemerkenswerterweise hat die Pekinger TCM-Universität als einziges Lehrkrankenhaus außerhalb Chinas die TCM-Klinik im bayrischen Bad Kötzting ausgewählt, überhaupt hat sich vor allem die Akupunktur als Teilgebiet dieses Gedankenkonstrukts weltweit als Therapieform durchgesetzt – erstaunlich. Denn die erwähnte ganzheitliche Betrachtungsweise findet man auch bei der Weltgesundheitsorganisation, seit 1948 definiert sie Gesundheit als “state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity”. Ebenso ist das biopsychosoziale Modell der Relation zwischen Gesundheit und Krankheit in der westlichen Schulmedizin weit verbreitet – es scheint, als würde die TCM eine Sehnsucht der Bevölkerung nach einer leichten, naturbezogenen, harmonischen Therapieform befriedigen.

„Das Argument, dass eine Therapie nur wirkt, wenn man daran glaubt, ist für mich – und ich denke, für jeden, der naturwissenschaftlich denkt – nicht nachvollziehbar. Die Placebo-Kontrolle ist dazu da, um dies auszuschließen”, äußert sich eine ehemalige Kommilitonin zu diesem Thema. „Aber das Gros der Bevölkerung sieht das nicht ein, aus diesem Grund ist die Alternativmedizin, die TCM eingeschlossen, als additives, auf keinen Fall jedoch als substituierendes, Therapieschema zur evidence based medicine für mich okay.“

TCM – Populär und kontrovers

In diesem Vortrag schildert Doktor Henry Johannes Greten, der Vorsitzende der deutschen Gesellschaft für TCM, seine Betrachtungsweise: Er argumentiert vor allem damit, dass bei vielen Patienten das Korrelat zwischen Krankheit und dem menschlichen Körper nicht messbar sei – genau darauf gehe die TCM ein, wieder taucht das Motiv der ganzheitlichen Betrachtungsweise des Patienten auf. Diese Art der Heilkunst unterstütze des Weiteren vor allem die autochthonen Heilungskräft des Körpers. Überraschend ist, welche volkswirtschaftliche Bedeutung dieses Faches zu haben scheint: Die TCM mache in Deutschland bereits mehr Umsatz als zum Beispiel die HNO-Heilkunde oder die Dermatologie, die Wachstumsrate liege bei 22 % jährlich – so zumindest Greten. Auf welche Quellen er sich bei diesen quantitativen Aussagen in seinem Vortrag bezieht, gibt er jedoch nicht an.

Die historische Entwicklung der TCM ist somit äußerst erstaunlich, angesichts ihrer enormen Verbreitung hierzulande kommt vermutlich jeder Mediziner während seiner Laufbahn früher oder später mit ihr in Kontakt. Eines steht aber in jedem Falle fest: Kontroverse Meinungen ruft die TCM allemal hervor und spaltet somit die Lager.

48 Wertungen (3.23 ø)

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4 Kommentare:

Gast
Gast

Herr Hubmer,

die ersten Aufzeichnungen der Akupunktur datieren aus 2000 v. Chr , die ersten dokumentationen sogar auf etwa 4000 v Chr. Na sie haben da so einiges durcheiander gebracht.

#4 |
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drhala
drhala

Wenn die Schulmedizin “versagt”, hat der Patient ein Recht, alle möglichen sich bietenden Chancen in Anspruch zu nehmen um geheilt zu werden. Die Schulmedizin sollte Ihn dabei sogar unterstützen, ihn zugleich jedoch auch vor Illusionen warnen.
Gibt genügend Krankheitsbilder, denen wir heute immer noch relativ machtlos gegenüberstehen. Ich nenne ein Beispiel, weil ich damit direkt konfrontiert bin, familiär. MDS
Es gibt therapeutische Ansätze, befriedigend sind sie nicht. Als naturwissenschaftlich erzogener, realistisch denkender Mensch, muss ich mich damit abfinden. Als familiär betroffener kann ich das nicht und wäre gar nicht böse, wenn ich aus Richtung TCM ein Angebot bekäme. Man braucht sich dieser Verlockung nicht zu schämen. Schließlich hat die Medizin Jahrhunderte von der Empirie gelebt und sich erst in der letzten Zeit zu einer Wissenschaft entwickelt.

#3 |
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Student der Humanmedizin

Ein interessant gewähltes Thema, allerdings enthält der Artikel eine ganze Reihe an fundamentalen Fehlern:

1.)
Die westliche Medizin hat sich nicht über Jahrtausende entwickelt. Ihre Entwicklung begann erst zur Zeit der Renaissance mit der deskriptiven Anatomie als erster Disziplin.
Physiologie und Biochemie entwickelten sich erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts ganz allmählich, v.a. aus der beobachtenden Physik und der Chemie heraus.

Abzugrenzen ist die westliche Medizin DEUTLICH von der volkstümlichen Heilkunde sowie der militärischen Heilkunde.
Diese sind zwar durchaus älter, beruhen aber im Wesentlichen auf trial & error und haben nichts mit einer strukturierten Heilkunde zu tun (wenngleich einiges daraus Einzug in die naturwissenschaftliche Medizin gefunden hat).

2.)
Die TCM ist nur EINE Betrachtungsweise eines kulturellen Gesamtzusammenhangs. Aus anthropologischer Sicht stellt sie eine Ausdrucksform der kulturellen Gegebenheiten dar.
Daher finden sich Ying / Yang und das Konzept des Qi eben nicht nur in der Heilkunde, sondern in allen Bereichen des Lebens: Kultur, Küche / Ernährung, Kampfkunst, Beruf und Sozialverhältnisse.

Das völlige Auslassen dieses Zusammenhangs erweckt einen geistes- und naturwissenschaftlich unzureichenden Eindruck – und ist aus sinologischer Sicht so auch nicht haltbar.

3.)
Akupunktur als Einzeldisziplin wurde inzwischen mit naturwissenschaftlichen Prinzipien experimentell untersucht.
So ließ sich herausfinden, dass die entsprechenden Punkte fokale Zonen für freie (und teilweise korpuskuläre) Nervenendigungen sind, deren Reizung zu einer erhöhten Freisetzung von durch neurogene Entzündung aktivierte Entzündungsmediatoren führt, welche u.a. durch aufsteigende Rückkopplung der beteiligten Nerven bspw. auf das Rückenmark wirken.
Die Reizung von Nerven, die sympathische und parasympathische afferente Fasern tragen führt zur Rückkopplungen im vegetativen Nervensystem.

Die analgetische Wirkung scheint in Verbindung mit einer gleichzeitigen Aktivierung mehrerer fokaler Zonen zu stehen, welche auf die Torkontrolle der hypothetischen Schmerzbahn (eine faktische Schmerzbahn kann mangels konkretem anatomischem Korrelat noch nicht dargestellt werden) wirken.

Ob und inwieweit das bestimmte Wirkungen erklären kann oder nicht, muss an anderer Stelle geklärt werden. Ebenso können interindividuelle Unterschiede problematisch sein.
Das gilt allerdings für die klassische Pharmakologie der modernen Medizin ebenso (mancher Wirkstoff wirkt bei dem einen, aber bei dem anderen nicht).

Dass jedoch überhaupt keine Erkenntnisse vorliegen, ist schlicht falsch.
Selbst die Aussagen des Vorsitzenden der dt. Gesellschaft für TCM sind letztlich nicht sinnvoll formuliert.

Insgesamt wirkt der Artikel als wäre er auf wenige Quellen gestützt komponiert worden.

#2 |
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Das mag ja sein:
“Ebenso ist das biopsychosoziale Modell der Relation zwischen Gesundheit und Krankheit in der westlichen Schulmedizin weit verbreitet – es scheint, als würde die TCM eine Sehnsucht der Bevölkerung nach einer leichten, naturbezogenen, harmonischen Therapieform befriedigen”.
Tatsache ist jedoch auch, dass sich die “westliche” Medizin zu stark nach kausalanalytischen Gesichtspunkten ausgerichtet hat und die psychischen Belastungsfaktoren und allgemein die komplexe Psyche des Menschen bei “organisch anmutenden Erkrankungen” komplett vernachlässigt. So ist die TCM bei chronischen und funktionellen Störungen oft eine gute Alternative, da hier auch die Emotionen als pathogene Faktoren gelten. Und scheinbar hilft sie.
Die TCM funktioniert in unserer Gegenwart in China, neben der Schulmedizin, warum soll sie also auch nicht bei uns funktionieren?
Ich sehe da eher die Ignoranz bis zur Arroganz der “Schulmedizin” als Problem.

#1 |
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