Schlaganfallpatienten: Visuelle „Hot Spots“ im Blick

24. Januar 2014
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Patienten mit beeinträchtigtem Sehvermögen durch Glaukom, Schädigung des Sehnervs oder einen Schlaganfall können mit einer visuellen Restitutionstherapie Sehfunktionen teils wiedererlangen. Forscher widmeten sich nun der Frage, welche Faktoren den Erholungsgrad bestimmen.

Im interdisziplinären Journal „Restorative Neurology and Neuroscience“ wurden aktuell Ergebnisse veröffentlicht, dass die Wiederherstellung der visuellen Funktionen vor allem von der Aktivität der nach Schädigung verbliebenen Bereiche mit Restsehfähigkeit abhängen. Dabei haben sowohl die lokale neuronale Aktivität als auch die Aktivität in der unmittelbaren Umgebung Einfluss auf die Wiederherstellung visueller „Hot Spots“. Damit konnte gezeigt werden, dass die Wiederherstellung der visuellen Funktionen durch teilweise überlebende Nervenzellen vermittelt wird.

Forscher des Instituts für Medizinische Psychologie und des Instituts für Informatik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg führten in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen eine retrospektive Analyse von Gesichtsfeldtests von 32 Schlaganfallpatienten mit Hemianopsie (Verlust der Sehkraft in der Mitte des Gesichtsfelds) vor VRT und mindestens sechs Monate danach durch. Bei diesem Test wurden visuelle Reize auf einem PC-Monitor präsentiert, welche der Patient bei Erkennen durch das Drücken einer Taste bestätigen musste.

Als Ergebnis entstand eine Gesichtsfeld-Karte mit normal sehenden Bereichen, blinden Bereichen und solchen mit Restsehfähigkeit (reduzierte Sehfähigkeit). In diesen „Bereichen des Residualsehens“ war die Reaktionszeit langsamer bzw. die richtige Antwort erfolgte nur gelegentlich. Eine wiederholte Stimulation durch ein tägliches 60-minütiges Training mittels visueller Restitutionstherapie (Vision Restoration Therapy, VRT) zielte auf diese Bereiche mit Restsehfähigkeit ab, um deren Leistung zu stärken.

„Hot Spots“ und „Cold Spots“ definiert

Als „Hot Spots“ wurden jene Bereiche definiert, die zunächst im Gesichtsfeldtest vor VRT (baseline) beeinträchtigt waren, sich dann aber nach dem VRT-Training erholten. Dagegen wurden Bereiche, die sich durch VRT nicht erholten als „Cold Spots“ definiert. Von fast 11.000 visuellen Punkten der 32 untersuchten Patienten konnten 688 als Hot Spots definiert werden, während 3.426 den Cold Spots zugeordnet wurden. Der Mittelwert der absoluten Verbesserung durch VRT-Training betrug 6 Prozent.

Die Forscher verwendeten eine Computer-basierte Data-Mining-Technologie zur Auswertung großer Datenmengen, um herauszufinden, welche Merkmale der vor dem VRT-Training erstellten Gesichtsfeldkarten eine Vorhersage der Wiederherstellung des Sehens ermöglichen. Sie untersuchten verschiedene topographische Merkmale und fanden heraus, dass Gesichtsfeldbereiche eine höhere Wahrscheinlichkeit zur Bildung von Hot Spots besaßen, wenn sie in der baseline eine höhere lokale Restsehfähigkeit hatten, mehr Restaktivität in einer räumlich begrenzten Umgebung (5 Grad Sehwinkel) zeigten und näher am blinden Fleck (Scotoma) angeordnet waren.

Besondere Rolle für Reststrukturen

„Unsere Ergebnisse unterstreichen die besondere Rolle dieser Reststrukturen bei der Wiederherstellung des Sehens, das höchstwahrscheinlich durch überlebende Zellen im teilweise geschädigten Hirngewebe vermittelt wird“, so Prof. Bernhard A. Sabel vom Institut für Medizinische Psychologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Prof. Sabel glaubt, dass die starke visuelle Stimulation während des VRT-Trainings die Wiederherstellung des Sehens durch Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die teilweise geschädigten Sehfelder verbessert. Eine tägliche Wiederholung dieses Trainings hilft bei der Aufmerksamkeit und somit bei der Erholung des Sehverlusts. „Dieses neue Verständnis erlaubt es uns, nun ein Sehtraining im Internet anzubieten“, sagt Prof. Sabel.

Originalpublikation:

Local topographic influences on vision restoration hot spots after brain damage
Bernhard A. Sabel et al.; Restorative Neurology and Neuroscience, DOI: 10.3233/RNN-139019; 2013

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3 Kommentare:

Dr. med. Erwin Störmer
Dr. med. Erwin Störmer

Ich habe einige Jahre in der neurologischen Reha gearbeitet. Dort erhielten die Patienten mit Hemianopsie ein sog. ELEX-Training und nicht selten erweiterte sich der Gesichtsfeldradius hierunter. Allerdings spielte nicht selten die Frage eines begleitenden Neglectphänomens hier mit hinein, gerade bei ausgedehnteren oder polytopen cerebralen Läsionen, die die Carinaregion deutlich überlagerten.

Ich kenne aber auch zwei Patienten aus meinem persönlichen Umfeld, die nach Wochen und Monaten noch über Verbesserungen ihres Gesichtsfeldes berichteten. Diese hatten corticale Hemianopsien nach ischämischem Insult im Posteriorstromgebiet, bekamen aber kein Gesichtsfeldtraining. Für mich ist unklar, ob der subjektiven Verbessung nicht ein unbewußter Optimierungsprozess der alltägliche praktizierten Blick- und Spähmotorik, by forced use, zugrunde liegt.

#3 |
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Sehr guter Artikel und eine wirklich wichtige Forschung, wenn sich die Ergebnisse in der praktischen Durchführung bestätigen lassen.
Dr. Antje Beyer-Koczorek

#2 |
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Bezieht sich die Untersuchung auch auf Patienten mit Formen der Makuladegeneration?

#1 |
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