Fremdgänger: Metformin lässt Neurone wachsen

24. August 2012
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Bei Erkrankungen des Nervensystems oder dessen Verletzung ist die Anregung der Neurogenese eine Option, die aber praktisch bislang kaum umsetzbar war. Hoffnung auf neue Hirnzellen erweckt nun das Diabetes-Medikament Metformin.

Das Diabetes-Medikament Metformin hemmt die Glukoneogenese in der Leber und triggert mit dem gleichen Mechanismus ganz nebenbei einen Stoffwechselweg, der Stammzellen des Gehirns zu Nervenzellen werden lässt, so eine kanadische Untersuchung. Damit könnte Metformin ungeahntes Potential für die Therapie neurologischer Erkrankungen haben.

Zwei entscheidende Wirkungen – ein Stoffwechselweg

Freda Miller und Mitarbeiten vom Hospital for Sick Children in Toronto, Kanada, hatten bereits in einer früheren Untersuchung den Stoffwechselweg identifiziert, über den Metformin die Neurogenese anregt. Sie fanden heraus, dass ein Molekül namens CREB-bindendes Protein oder kurz CBP benötigt wird, um die Entwicklung embryonaler Nerven-Precursorzellen anzuregen. Aktiviert wird das Protein durch ein anderes Molekül, die atypische Proteinkinase C, kurz PKC.

Diesen als PKC-CBP bezeichneten Stoffwechselweg konnten andere Wissenschaftler der John Hopkins Universität in Baltimore derweil als Trigger für die Wirkung des Metformins in der Diabetestherapie ausmachen (Cell 2009).

Die Vermutung von Miller, dass Metformin neuronale Stammzellen zu Nervenzellen werden lässt, bestätigte sich an Stammzellen von Maus und Mensch in Nährmedien. Die Versuche ergaben, dass die Anzahl der sich aus den Stammzellen entwickelnden Neurone unter Metformin annähernd doppelt so hoch ist wie bei Kontrollen. An lebenden Mäusen zeigte sich bereits nach zwölf Tagen ein Anstieg neuer Neuronen im Hippocampus um 30 Prozent. Der Hippocampus gilt als Anker der Erinnerung.

Reparaturmechanismen verantwortlich?

Tatsächlich schnitten Mäuse mit einer Injektion von 200 mg Metformin pro Kilogramm während 38 Tage in Labyrinthtests zur Untersuchung der räumlichen Erinnerung signifikant besser ab als Mäuse, die nur eine Kochsalzlösung erhielten. Der kognitive Nutzen von Metformin ließ sich bereits mehrfach bei Alzheimer-Patienten beobachten und ergab sich auch in einer Studie aus dem Jahr 2008. Diese Beobachtungen waren aber bislang auf den blutzuckersenkenden Effekt zurückgeführt worden. Nach jetzigem Kenntnisstand könnten jedoch Reparaturmechanismen im Nervensystem verantwortlich sein, was Metformin für neurodegenerative Erkrankungen, aber auch Patienten mit anderen Hirnerkrankungen und -verletzungen interessant macht.

Vorteil ist, dass das Medikament bereits zugelassen ist und klinische Studien ohne Zeitverzögerung beginnen könnten. Interessant ist überdies der mögliche Einsatz des Medikament in der Frühphase der Alzheimererkrankung, besonders auch bei Patienten mit zusätzlichem Diabetes mellitus.

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Medizin

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11 Kommentare:

Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Ich hatte bei Einnahme wegen Diabetes nach Metformin Bauchkrämpfe und Schmerzen mit Durchfällen und konnte das Medikament nicht weiternehmen.-

#11 |
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Medizinjournalist

Zu Beitrag 2 (Prof.Dr. Lücker):
Es mag ja für Sie als Prof. Dr. “egal” sein, ob “Neurone oder Neuronen”, aber es sollte auch für Sie gelten, die Rechtschreibung ernst zu nehmen: “verifizieren” schreiben nicht nur “Semantikfans” k l e i n , und “patentferei” ist auch nichts für “Dudenfans”!
Lassen Sie sich an einen Ausspruch von Karl Kraus erinnern, welcher besagt:
“Den Rätseln ihrer Regeln, den Plänen ihrer Gefahren nahezukommen, ist ein besserer Wahn als der, sie beherrschen zu können.” In diesem Sinne Herr Prof. Dr. Lücker!

#10 |
  2

ZU Nr. 8: Metformin allein verbessert nur die Insulinwirkung, macht allein keine Hypoglykämien

#9 |
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Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Bitte bei METFORMIN nicht Wirkungen und Auswirkungen verwechseln. Der beträchtliche Anteil der Patienten mit unangenehmen alltagsbeinträchtigenden Nebenwirkungen wird hier nicht erwähnt. Zusammenhang mit dem Eingriff in den Hirnstoffwechsel?

#8 |
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200mg/kg? iv? im? intraperitoneal? …auf jeden Fall wäre die Dosis bei einem 70 kg schweren Menschen um fast das 10-fache höher als in der Diabetestherapie! Was nutzen mir 30% mehr Neuronen, wenn ich dauernd in der Hypoglykämie bin.

#7 |
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Prof Neunmalklug??

#6 |
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Fast zu schön um wahr zu sein.
Insbesondere da es den oft multimorbiden Patienten mit einem Medikament gleich zwei Krankheitrn beeinflußt. Das spart potentielle Wechselwirkungen. Wir haben viele Alte mit Alzheimer und Diabetes mellitus. Die Einschränkung der Anwendung durch andere im Alter häufige Organerkrankungen(Leber, Niere) ist nicht so dramatisch. Nur bei stärkeren Schäden dieser Organe sind einsatzbegrenzende Nebenwirkungen wahrscheinlich. Da ist Alzheimer doch klar das größere Übel. Und ob für die Zielpatienten überhaupt eine Laktazidose droht, warten wir besser erstmal ab: es ist bisher noch nicht einmal klar von welcher Dosierung Metformin wir denn in der Praxis ausgehen müssten.

#5 |
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Dr. med Paris Schmidt
Dr. med Paris Schmidt

der einsatz des metformin wäre wichtig primär bei der diabetische neuropathiie zu untersuchen

#4 |
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Yvonne Böttcher
Yvonne Böttcher

Sehr interessant,dieser Beitrag!Danke!
Jedoch sollte nicht außer Acht gelassen werden,dass Metformin bei bestimmten Krankheitsbildern nicht angewendet werden sollte da u.a. Die Gefahr einer Laktatazidose nicht zu unterschätzen wäre,wenn auch selten,kommt es vor.Patienten mit Atemwegs,Nieren und Leberschäden sollten gänzlich ebenso von Metformin Abstand nehmen.Unbestritten hat Metformin Vorteile auch für “nicht-Diabetiker-“.Bezüglich der Therapie von Alzheimer,denke ich muss noch viel geforscht werden und nicht allein nur auf medikamentöse Therapie das Hauptaugenmerk liegen.Es ist nun einmal bekannt,dass Alzheimer nicht a typisch verläuft,diagnostiziert werden kann,da viele Krankheitsbilder auch im neurologisch diagnostizierenden Bereichen ähnliche Merkmale aufweisen können.Es sollte vermehrt ganzheitlich betrachtet werden um auch Psyeudo Alzheimer/Dementielle Verläufe ausschließen zu können,ein wichtiger Bestandteil der Untersuchungen könnte ggf.auch ein sorgfältiger Hormon Check Aufschluss bringen.Auf dem medizinischen Seketor bin ich zu laienhaft,dennoch wollte ich gerne meine Auffassung teilen,die aber auch Erfahrungswerte mit einbringen…

#3 |
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Egal ob Neurone oder Neuronen, wenn sich diese zarten Befunde in einer soliden Klinischen Prüfung Verifizieren(validieren für Semantikfans) lassen sollten, würde daraus ein Blockbuster!
Metformin ist wahrscheinlich patentferei und dann bekäme man nur ein Anwendungspatent, aber auch das nur vielleicht. Das ist die Schwierigkeit.

P. Lücker

#2 |
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Medizinjournalist

Neuron (von griechisch ¿¿¿¿¿¿ ne¿ron ¿Nerv`). Da das Wort wie Elektron aus dem Griechischen kommt, halte ich die Pluralform “Neuronen” für sinnvoller, auch wenn der Fremdwörterduden die Pluralform “Neurone” im Nom.Pl. zulässt.

#1 |
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