Motorik: Wie Gedanken Bewegungen steuern

15. Januar 2014
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Wissenschaftler sind dem Phänomen nachgegangen, wie Gedanken Bewegungen verursachen. Sie untersuchten, wie durch magnetische Hirnstimulationen Intentionen, d. h. bewusste Bewegungsabsichten, aufgedeckt werden können.

Haben Menschen einen freien Willen? „Das ist eine philosophische Frage, die sich mit naturwissenschaftlichen Methoden unserer Meinung nach wohl nicht beantworten lässt“, meint der Bewegungswissenschaftler Prof. Volker Zschorlich von der Universität Rostock. Er ist gemeinsam mit dem Physiologen Prof. Rüdiger Köhling dem Phänomen nachgegangen, wie Gedanken Bewegungen verursachen. „Es war ein Zufallsexperiment, das uns zielgerichtet zur Forschung führte, wie durch magnetische Hirnstimulationen Intentionen, also eine bewusste Bewegungsabsicht des Menschen, aufgedeckt werden kann“, sagt Zschorlich.

„Durch ein Hirnstimulations-Experiment fanden wir Hinweise dafür, dass bewusste Intentionen der Bewegungsausführung vorangehen und deren Richtung und Kraft vorgeben.“ Ohne Bewegungsintention hingegen lassen sich durch die gleichen schwachen Magnetstimulationen nur ungerichtete Muskelzuckungen auslösen, die zudem zu schwach sind, um echte Bewegungen der Hand zu bewirken. Die Studie liefert einen starken Hinweis dafür, dass eine bewusste Bewegungsintention bereits im Verlauf der Bewegungsvorbereitungsphase aufgebaut wird – und zwar vor der Bewegungsausführung.

Bewusste Intention vor der Bewegung

Das Experiment, so die beiden Rostocker Wissenschaftler, unterstreiche die Bedeutung bewusster Bewegungsintention: „Es gibt zumindest unter unseren Versuchsbedingungen eine bewusste Intention vor der Bewegung“, verdeutlicht Zschorlich. „Das klingt banal, ist aber umstritten“, sagt der Wissenschaftler. Diskutiert wurde sowohl von philosophischer wie auch neurobiologischer Seite unter anderem auch, ob das Gehirn nach oder während der Bewegungsausführung erst eine bewusste Intention konstruiert, quasi eine Erklärung für das Handeln nachliefert. „Der Diskurs geht sogar so weit, dass einige Kollegen den freien Willen als Handlungsbasis des Menschen negieren“, so Zschorlich. Die Forschung der zwei Wissenschaftler, die innerhalb des interdisziplinären Departments Ageing of Individuals and Society der Universität Rostock kooperieren, deckt einen neuen Ansatz auf dem Weg zum Verstehen des Zusammenhangs zwischen Willen und Handlung auf. Weitergehende Studien belegen allerdings auch: „Es gibt viele externe Einflüsse, die die Motorik beeinflussen“, so Zschorlich über die bereits laufenden Folgeexperimente.

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Im Labor der Bewegungswissenschaft werden Studierende mit neuesten Entwicklungen der Motorik und Biomechanik vertraut gemacht, wie hier Julian Albrecht (li.) durch Prof. Dr. Volker Zschorlich; © Universität Rostock

Zeigen, wie Motorik am Menschen funktioniert

Der Bewegungswissenschaftler kann jetzt nach zweieinhalbjähriger Forschung zumindest nachweisen, dass Menschen vor einer Bewegung des Körpers eine Intention bewusst wahrnehmen. Diese Ergebnisse, da ist Zschorlich sicher, werden möglicherweise sogar in anderen Bereichen wie der Rechtswissenschaft eine Diskussion auslösen, geht es doch im Strafrecht auch häufig um die Abgrenzung zwischen bewusster Handlung und durch äußere Einflüsse gesteuertes Handeln. Und es gibt einen zweiten Aspekt der Rostocker Forschung, der zeigen wird, wie Motorik am Menschen funktioniert. Wenn Menschen durch schwere Infarkte, Blutungen, Verletzungen oder degenerative Erkrankungen des Gehirns oder des Hirnstamms ihre Körperbewegungen nicht mehr kontrollieren und mit der Umwelt nicht mehr kommunizieren können, besteht die Herausforderung, die Beziehung zwischen Intention und Bewegungsausführung zu verstehen“, sagt Zschorlich. Das ist der Weg, damit diese Patienten irgendwann über technische Hilfsmittel sich wieder bewegen können.

Hoffnung für bewegungseingeschränkte Patienten

Langfristiges Ziel der beiden Forscher ist es, „die Grundlagen dafür zu erarbeiten, durch bewusste und absichtsvolle Gedanken hervorgerufene Hirnaktivität zielgerichtet zum Beispiel in Steuersignale für technische Hilfsmittel umzuwandeln, damit bewegungseingeschränkte Patienten mit der Umwelt kommunizieren und einfache Handlungen selber auszuführen können. Bisher gelingt dies nicht sehr spezifisch und vergleichsweise langsam; die Hoffnung ist, dass die jetzt eingesetzte Technik die Prozesse deutlich beschleunigen kann. (Text: Wolfgang Thiel)

Originalpublikation:

How Thoughts Give Rise to Action – Conscious Motor Intention Increases the Excitability of Target-Specific Motor Circuits
Volker Zschorlich et al.; PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0083845; 2013

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3 Kommentare:

@1: Na, so eingebildet bin ich nicht, dass ich glaube, mein Bohren in der Nase sei ein WELTGESCHEHEN. Meine Nase gehört mir, und da hat niemand anderes drin zu bohren als ich. Und der SCHÖPFER, denk’ ich mal (so denn ich es bin, der da denkt!), dürfte wohl Wichtigeres zu tun haben.
Freilich: wenn der nun auch noch meine Gedanken denkt und mein Jucken in der Nase als das Seine empfindet…

#3 |
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Dr. med.vet. Jan C. Soehring
Dr. med.vet. Jan C. Soehring

Die Gedanken sühünd frey …

#2 |
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Wenn i c h der Könner “meiner”Fingerbewegung sein sollte,dann wäre ich geradezu ein Magier! Man beachte:jegliche Bewegungsäusserungen “meines” Körpers sind
WELTGESCHEHEN ,meine Wenigkeit nimmt gedanklich (vorerst stümperhaft)an ihm Teil.Die Bewegung selbst besorgt die Welt,sprich der Schöpfer,der i c h aber nicht bin.

#1 |
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