Die Rezept-Zombies kommen

14. Januar 2005
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Macht die Arzt-EDV Doktoren zu willenlosen Erfüllungsgehilfen der Pharmaindustrie? Ökonomen sehen Milliardenschäden, Funktionäre wettern eifrig. Viele Ärzte dagegen sind gelassen und nutzen lieber Gratisprogramme mit Voreinstellungen als kostenpflichtige ohne. Hinter der Debatte steckt ein Kampf um die ewig knappe Ressource im Gesundheitswesen: Das Geld.

Das Thema ist schon länger auf der Agenda und hat kurz vor dem Jahreswechsel auch die Publikumspresse erreicht: Die Praxis-EDV, für die meisten Ärzte mittlerweile unverzichtbares Hilfsmittel im Verordnungsalltag, wird bekanntlich von einigen pharmazeutischen Firmen als Marketinginstrument genutzt. Konkret geht es um das, was passiert, wenn ein Arzt in seiner EDV bei einem Patienten eine Arzneimittelverordnung auslöst. Im Idealfall sollte dann eine Liste mit allen gleichwertigen Präparaten erscheinen, das billigste oben, das teuerste unten. Im Großen und Ganzen stimmt das auch. Doch gibt es bei firmengesponsorten Programmen, und das sind die meisten, eine Reihe kleiner Kniffe, die dem jeweiligen Sponsor Vorteile verschaffen sollen und das wohl auch tun.

In tiefen Schichten wunderbar verborgen

Die Beispiele sind zahlreich und teils sehr subtil. So gibt es Programme, bei denen die Liste immer mit einem Präparat des Sponsors beginnt. Um zu den günstigeren zu kommen, muss der Bildschirm erst mit einem kaum sichtbaren Pfeil nach oben gescrollt werden. Gängig ist der automatische Ausschluss von “aut idem” bei Sponsorpräparaten. Auch wird bei Pop Up-Meldungen, die den Arzt zum Umstieg auf ein Sponsorpräparat überreden sollen, häufig die den Sponsor begünstigende Antwort mit Return vorbelegt. Das intuitive Wegklicken des Fensters führt also zu einer Antwort im Sinne des jeweiligen Sponsors. Gängig sind auch eine vorbelegte Hausapotheke, in der Sponsorenpräparate bevorzugt werden und automatische Substitutionen durch bestimmte Re-Importe. Viele dieser Tricks können irgendwo im Programm vom Arzt rückgängig gemacht werden, doch wer schon einmal versucht hat, die Voreinstellungen von Windows zu ändern, der weiß, wie mühsam so etwas mitunter sein kann. Außerdem kommen abgeschaltete Voreinstellungen bei den regelmäßigen Updates häufig wie von Geisterhand wieder. Die Prozedur muss dann jeweils wiederholt werden. Das alles ist im Prinzip bekannt, und von Ärzten, die von dieser Praxis insofern profitieren, als sie für eine gesponsorte EDV weniger Geld hinblättern müssen, ist immer wieder zu hören, dass sie wohlwollende Hinweise nicht bräuchten. Die Gegenseite, darunter nicht wenige Ärztefunktionäre, berichtet dagegen von gar nicht so wenigen Ärzten, denen nicht klar sein soll, dass und wie versucht wird, sie zu beeinflussen. Diese These führte zu einer sehr umstrittenen Hochrechnung des Bremer Gesundheitsökonomen Gerd Glaeske, der angibt, voreingestellte Praxissoftware koste die Sozialkassen eine Milliarde Euro im Jahr. Solche Rechnungen freilich kranken daran, dass es kaum möglich ist, den Einfluss der unterschiedlichen Marketingmaßnahmen klar voneinander abzugrenzen. So gibt es zwar Zahlen, die zeigen, dass der Marktanteil der Sponsorfirmen in Arztpraxen, die mit gesponsorter Software arbeiten, höher ist, als in jenen, die das nicht tun. Doch müssten hier noch die unterschiedlichen Facharztgruppen und regionale Verteilungen herausgerechnet werden, was in der Praxis schwierig ist.

Die Politik hinter dem Klick

Sollten Arzneimitteldatenbanken also kontrolliert oder zertifiziert werden? Die meisten halten das für übertrieben. Es schadet aber sicher nichts, einmal einen kurzen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Nach Angaben des Vereins für werbefreie Praxis-Software (vfwps), von dem alle folgenden Zahlen stammen, teilen sich die drei Generikafirmen Ratiopharm, Hexal und Stada rund die Hälfte des deutschen Generikamarktes. Diese drei Firmen sind auch die wesentlichen Player beim Sponsoring von Praxis-EDV, zusammen mit den drei Re-Importeuren Emra-Med, Eurim-Pharma und Kohl-Pharma. Die Firmen zahlen im Allgemeinen 100 bis 180 Euro pro Quartal und Arzt an die EDV-Hersteller, die diese Einnahmen an ihre Nutzer in Form reduzierter EDV-Gebühren weitergeben. Üblicherweise unterstützen je ein Generikahersteller und ein Re-Importeur eine Softwarefirma. Die Kosten pro pharmazeutischem Unternehmen und Quartal belaufen sich demnach auf etwa drei Millionen Euro. Das Geld geht vor allem an die Großen des EDV-Markts, die Firmen der CompuGroup Holding (unter anderem mit den Software-Systemen MediStar, CompuMED und Albis) und jene der medatis-Gruppe (unter anderem DocExpert, Turbomed und MCS). Die genannten Programme decken rund zwei Drittel des EDV-Markts bei Ärzten ab. Benutzt werden die unterschiedlichsten Datenbanken, darunter ABDATA, PharmaStar, Scholz und die Gelbe Liste. Betrachtet man die Sache von der anderen Seite, so sieht man eine Reihe kleiner Generikafirmen, die sich auf einem sich konsolidierenden Markt zunehmend in Bedrängnis sehen. Sie sind organisiert im Deutschen Generikaverband, aus dem die drei großen (und einige kleinere) Firmen zugunsten der Neugründung Pro Generika kürzlich ausgestiegen sind, weil sie sich nicht mehr angemessen vertreten sahen. Dass der Streit um die EDV gerade jetzt aufflammt, kann also nicht losgelöst von der Verbandspolitik betrachtet werden. Und auch der vfwps, der eng mit dem Deutschen Generikaverband zusammenarbeitet, ist so gesehen kein neutraler Player in der Diskussion.

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