Süße Versuchung

20. Januar 2005
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An pro-, prä- oder anderweitig -biotische Joghurts haben wir uns längst gewöhnt. Doch jetzt erst kommt das, worauf wir schon lange warten: Functional Food wird zuckersüß. "Glykane" heißt das Zauberwort, winzige Zuckermoleküle, die uns angeblich alle schon beim Frühstück vor Krebs schützen oder fiese Infektionen bekämpfen sollen.

Geben wir es ruhig zu, so richtig überzeugt haben die meisten von uns die angeblich megagesunden Joghurts noch nicht, die seit einiger Zeit überall die Kühlregale verstopfen. Und auch all die kleinen Drinks, die uns beim Denken helfen sollen, all die Magarine, die unseren Blutgefäßen ein sanftes Dankeschön entlockt, all das, was so landauf, landab als funktionelles Essen, als Functional Food oder Nutraceutical angeboten wird, ist rein geschmacklich betrachtet keine echte Offenbarung.

Keime aufgepasst: Glykankonzentrat macht Abwehr stark

Auch vom Präventionsstandpunkt aus gesehen ist der Nutzen von Functional Food in vielen Fällen umstritten, wenn es nicht gerade mit einer Chips-und-Buletten-Diät verglichen wird. Fazit: Das Functional Food der Gegenwart hat ein gustatorisches und ein medizinisches Problem. Das soll sich mit einer als potenzielle Nahrungsergänzungsmittel noch recht neuen Substanzgruppe ändern. Die Rede ist von so genannten Glykanen, die sowohl geschmacklich wie auch therapeutisch einiges auf dem Kasten haben könnten. Glykane sind komplexe Zuckermoleküle, die im Körper in der Regel an Lipidmembranen gebunden sind und dort zur Grundausstattung der allermeisten Zellen gehören. Sie dienen der Zellkommunikation, sind aber auch beliebte Andockstellen für Krankheitserreger wie etwa das Grippevirus. Glykane lassen sich in Müsli genauso unterbringen wie in Joghurt, Milch, Brotaufstrichen oder Snacks. Gewonnen werden sie häufig von Organismen, die ohnehin im Magen-Darm-Trakt ein- und ausgehen. Oder aber es handelt sich gleich um körpereigene Glykane, die für den Einsatz als Functional Food entsprechend aufbereitet werden. Die Wiesbadener Firma Fibona Health Products beispielsweise gewinnt ihre Glykane, die sie in verschiedenen Aggregatszuständen unter dem Namen Glucasan® anbietet, aus der Zellwand der Bäckerhefe. Nahrungsmittelhersteller, die sich dafür entscheiden, ihre Nahrungsmittel mit den in Glucasan® enthaltenen, angereicherten und gereinigten Beta-Glucanen anzureichern, tun so dem Immunsystem ihrer Kunden etwas Gutes. Davon ist jedenfalls der wissenschaftlich Verantwortliche bei Fibona, Professor Gerhard Gerber, überzeugt. Wie es funktioniert? “Menschliche Makrophagen besitzen Rezeptoren für die von uns verwendeten Glucane”, so eine Sprecherin von Fibona im Gespräch mit dem DocCheck-Newsletter. Der Kontakt mit einem solchen Glucan versetze die Fresszellen in Alarmbereitschaft und erhöhe so die Widerstandskraft gegen Infektionen wie etwa durch E. coli verursachte Durchfälle.

Zwillinge sollen Functional Food voran bringen

Einen etwas anderen Weg beschreitet die Berliner Firma Glycotope, die körpereigene Glykane entwickelt, die eine Antitumoraktivität haben sollen. Trotz immerhin 1,6 Millionen Euro öffentlicher Fördermittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sah sich die Firma allerdings außer Stande, Details zu ihrem Entwicklungsprojekt zu kommunizieren. Was Zulassung und Wirksamkeitsnachweis bei Nutraceuticals angeht, bewegen sich die Firmen häufig in einer Grauzone. Solange Substanzen eingesetzt werden, die ohnehin in der Nahrung oder im Körper vorkommen, sind keine klinischen Tests notwendig. Manche Hersteller führen sie dennoch durch, schon um der Marketingabteilung Argumentationsmaterial an die Hand zu geben. Weil aber die erwarteten Effekte von Functional Food auf die menschliche Gesundheit klein und vor allem langfristig sind, müssen klinische Studien, die zu verwertbaren Ergebnissen führen sollen, sehr groß sein. Eine Lösung bietet hier die Berliner Firma HealthTwist an, ein Unternehmen, das klinische Studien mit eineiigen Zwillingen durchführt. “Eineiige Zwillinge bieten uns eine Kontrollgruppe, die der Gruppe, die die zu testende Substanz einnimmt, maximal ähnlich ist”, so HealthTwist-Geschäftsführer Andreas Busjahn zum DocCheck-Newsletter. Damit liefern dann auch kleinere Studien aussagekräftige Ergebnisse. Das Konzept ist natürlich in erster Linie für die klinische Arzneimitteltestung interessant. Aber HealthTwist betreut auch schon eine erste Studie für einen Functional Food-Hersteller, der bei den Berlinern ein Pflanzenextrakt zur Blutdrucksenkung in einer kleinen Studie mit zwanzig Zwillingspaaren testen lässt. Mit drei weiteren Nutraceuticalherstellern stehe man bereits in Verhandlungen, wie Busjahn berichtete. Damit die Basis nicht ausdünnt, veranstaltet die Firma im Februar das erste Berliner Zwillingstreffen. Teilnahmevoraussetzung: Zwilling.

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