“eRezept to go” schlägt ein wie eine Bombe

21. Februar 2005
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Wie um die deutschen Zweifler zu beruhigen erreicht uns kurz vor dem Start der eRezept-Modellprojekte in Deutschland die ausführliche Analyse eines entsprechenden Feldversuchs im Raum Boston/USA. Tenor: Begeisterung allerorten. Das eRezept per Mobilcomputer spart Zeit und Nerven. Kleiner Wermutstropfen: Mit Chipkarten wurde es noch nicht erprobt...

Für den Telematikexperten Gilbert Mohr von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein ist die Sache klar: Das Papierrezept ist für ihn ein seit Jahrzehnten erprobtes Verfahren, auf das nicht leichtfertig verzichtet werden sollte: “Wenn wir ein gut funktionierendes System wie das Papierrezept ersetzen wollen, dann muß die Alternative mindestens genauso gut werden”, so Mohr kürzlich auf einer E-Health-Tagung des Branchenverbands BITKOM in Berlin. Auf dieser Schiene bewegen sich auch viele eRezept-Skeptiker: Sie fürchten, dass Praxisprozesse beim Arzt und beim Apotheker unüberlegt umgekrempelt und die täglichen Abläufe ohne Not empfindlich beeinträchtigt werden.

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Nun lassen sich Prozessabläufe nur bis zu einem gewissen Grad vorhersagen. Gewisse Dinge müssen einfach ausprobiert werden, um zu sehen, wie sie sich in die Praxis einfügen. Unter anderem dazu soll die Testphase für die elektronische Gesundheitskarte und das eRezept dienen. Sie wird voraussichtlich im Sommer anlaufen, immer vorausgesetzt der angepeilte Termin für die Fertigstellung der Systemarchitektur, die CEBIT im März, wird von der Fraunhofer-Gesellschaft und der Betrieborganisation der Selbstverwaltung wirklich gehalten. Ein Blick über den Tellerrand des deutschen Selbstverwaltungsapparats zeigt, dass Deutschland nicht das einzige Land ist, das daran arbeitet, Prozesse im Gesundheitswesen elektronisch abzubilden. In die laufende Debatte platzte jetzt der Zwischenbericht eines relativ umfangreichen eRezept-Projekts in den USA. Es wird von den beiden Versicherungen Blue Cross Blue Shield of Massachusetts und Tufts Health Plan durchgeführt und findet im Raum Boston im Bundesstaat Massachusetts statt. Zunächst sollen 3400, später dann 18.000 Ärzte und Apotheken miteinander vernetzt werden. Aktuell ist das System, das von der im eHealth-Bereich sehr aktiven Firma Zix entwickelt wurde, bei 1500 Ärzten und allen mit diesen kooperierenden Apotheken routinemäßig im Einsatz. Berichten zufolge wird es extrem positiv aufgenommen. Eingesetzt wird die Zix-Lösung PocketScript, eine Software inklusive Serverinfrastruktur, die auch als Demo im Internet angesehen werden kann. Die Ärzte erhalten entweder den mobilen Taschencomputer DellTM> AximTM>, also ein PDA-Modell auf Pocket PC-Basis, oder aber den Communicator Blackberry® Handheld Device. Über drahtlose Netze haben diese innerhalb der medizinischen Einrichtung Anschluss an eine Patientendatenbank, sodass neue Verschreibungen direkt auf dem Taschencomputer erfolgen können. Der kleine Rechner hat in seinem Verordnungsprogramm mehrere Sicherheitsfunktionen integriert. So überprüft er Dosierungen und Wechselwirkungen und kann einfache Kontraindikationen wie Allergien abfragen.

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Vor der breiten Anwendung hatte Tufts Health Plan eine Pilotstudie initiiert, bei der sich zeigte, dass vor allem die Apotheker von der Umstellung auf das elektronische Rezept profitierten. In einer Befragung gaben sie an, pro Tag bis zu eine Stunde einzusparen. Diese Zeit war weniger dem Handling mit dem Rezept geschuldet, als vielmehr dem Schweigen des Telefons: Die Zahl der Anrufe, die Apotheker tätigten, um bei unklaren oder unlesbaren Rezepten nachzuhaken, nahm um dreißig Prozent ab. Ein wenig variabler war die Resonanz bei den Ärzten, doch auch hier überwog die positive Stimmung: “Mittlerweile empfehlen Ärzte das eRezept-System sogar an ihre Kollegen und haben ein Interesse daran entwickelt, das Programm fortzuentwickeln”, so Dr. Joseph Raduazzo, der medizinisch verantwortliche Direktor bei Tufts Health Plan. Etwa 35 Prozent der befragten Ärzte gaben an, dass es Situationen gegeben habe, wo ihre Patienten von den in das Verordnungsprogramm integrierten Kontrollfunktionen direkt medizinisch profitiert hätten. Auch die Kostenträger von Tufts Health Plan waren zufrieden: Sie nutzen die Verordnungsprogramme, um die Ärzte auf Präparate von ihnen bevorzugter Hersteller aufmerksam zu machen und gehen davon aus, dass sich dadurch der Anstieg der Arzneimittelkosten bremsen lässt. Eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen sich die günstigen Erfahrungen in einem der weltweit größten eRezept-Feldversuche bisher freilich nicht: Anders als hierzulande vorgesehen hantieren die Amerikaner nämlich noch nicht mit Chipkarten. Taschencomputer mit Kartenleseschlitzen allerdings sind keine Wunderwerke der Technik mehr, und auch in den USA wird über einen Umstieg auf ein Kartensystem nachgedacht.

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