Märchen con leche

25. Februar 2005
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Medizinische Legenden sind eine besonders hartnäckige Spezies der Ammenmärchen, kaum totzukriegen mitunter. Beliebt zum Beispiel die These, dass Kaffee dem Körper Flüssigkeit entziehe, was durch Wasser ausgeglichen werden müsse. "Falsch", sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Warum erfahren Sie hier.

Nicht nur in der Laienpresse, sondern auch von vielen Ärzten wird die These vertreten, Kaffee sein kein Getränk wie jedes andere. Der therapeutische Ratschlag “Mehr trinken!” wird häufig mit der Warnung “Aber keinen Kaffee!” verknüpft. Zugrunde liegt der Glaube, dass Kaffee ein Flüssigkeitsräuber sei, der wegen seiner diuretischen Wirkung den Wasserhaushalt des Körpers empfindlich störe.

Nicht alles, was plausibel klingt, muss stimmen

Die Erfahrung, dass regelmäßige Kaffeetrinker nicht in Scharen austrocknen, stand dieser Behauptung schon immer entgegen. Jetzt hat auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGE) darauf hingewiesen, dass es mit der These vom Kaffee als Flüssigkeitsräuber wissenschaftlich nicht so sehr weit her ist. Sie beruht im Wesentlichen auf der Fehlinterpretation von Studien, die in der Vergangenheit durchgeführt wurden, um die physiologischen Wirkungen des Kaffeekonsums zu erforschen. Bekannt geworden ist insbesondere eine Studie aus den späten 90er Jahren, bei der zwölf junge Freiwillige, die zuvor fünf Tage lang keinen Kaffee getrunken hatten, morgens um acht und mittags um zwei jeweils drei Tassen Kaffee trinken mussten, also insgesamt knapp einen Liter. Die Gesamttrinkmenge und die Gesamtflüssigkeitszufuhr wurden unter Einrechnung des Kaffees im Vergleich zum Vortag, der als Referenz diente, konstant gehalten. Verglichen mit dem Vortag kam es durch die sechs Tassen Kaffee am Tagesende zu einer mittleren Abnahme des Körpergewichts um 0,7 Kilogramm. Gleichzeitig nahm das Urinvolumen um 752 Milliliter zu. Diese Beobachtung hatte einige Interpreten der Studie zu dem Schluss geführt, dass sich bei Kaffeekonsum der Flüssigkeitsstatus verschlechtere und die “verloren gegangene” Flüssigkeit wieder “aufgefüllt” werden müsse, etwa durch ein Glas Wasser. “Das ist ganz klar ein Mär”, sagte DGE-Experte Stefan Graubner im Gespräch mit dem DocCheck-Newsletter. Der Grund: Die vorübergehende Abnahme des Körpergewichts und damit der Gesamtwassermenge darf nicht mit einer Verschlechterung der Flüssigkeitsversorgung gleichgesetzt werden. Nicht nur die Flüssigkeitsausscheidung nahm bei den Probanden zu, sondern auch die Natriumausscheidung, und zwar im Vergleich zum Vortag um etwa 80 Millimol.

Bei den Oszillationen des Extrazellularvolumens fällt Kaffee kaum auf

Das bestätigt auch Professor Olaf Adam vom Walther-Straub-Institut der Ludwig Maximilian-Universität München. In einem aktuellen Beitrag für die Zeitung “Ernährungsumschau” führt er aus, dass die antagonisierende Wirkung des Koffeins auf die Adenosinrezeptoren der Niere eine parallele Ausscheidung von Wasser und Natrium bewirke. Dadurch aber gehe dem Körper nicht “Körperflüssigkeit”, sondern extrazelluläres Volumen verloren. Die Verlustmenge liege selbst bei erheblichen Kaffeekonsum im Bereich weniger hundert Milliliter, was bei einer natürlichen Schwankungsbreite des menschlichen Extrazellulärraums von etwa dreieinhalb Litern für gesunde Menschen mit normalem Flüssigkeitshaushalt nicht ins Gewicht falle. Bei chronischem Kaffeekonsum kommt es zudem zu einer Gegenregulation des Körpers, die bewirkt, dass Wasser- und Natriumausscheidung nicht auf Dauer erhöht bleiben. So fanden sich in einer bilanzierten Crossover-Studie bei 18 Freiwilligen nach mehreren Tagen des Konsums von jeweils identischen Mengen von koffeinhaltigen und koffeinfreien Getränken keine Unterschiede im Urinvolumen, in der Urinosmolalität und in der Elektrolytausscheidung zwischen den Gruppen. Die DGE folgert deswegen, dass regelmäßiger Kaffeekonsum den Flüssigkeitshaushalt allein durch die mit dem Kaffee zugeführte Wassermenge beeinflusst. Mit anderen Worten: Auch schwarzer Kaffee ist Flüssigkeit und sollte in einer Bilanzierung als solche gerechnet werden.

Kein Freifahrtschein für Kaffee-Junkies

DGE-Experte Graubner möchte die Feststellung, dass es sich bei der These vom Kaffee als Flüssigkeitsräuber um eine Mär handelt, freilich nicht als pauschales Verdikt zum hemmungslosen Kaffeetrinken verstanden wissen: “Wir empfehlen nicht, zur Flüssigkeitsdeckung ausschließlich Kaffee zu trinken”, so Graubner zum DocCheck-Newsletter. Auch wegen der Wirkungen des Koffeins auf das Herz-Kreislaufsystem und das zentrale Nervensystem ist man mit Wasser und Säften besser bedient. Und auch Professor Olaf Adam differenziert: Bei Personen mit marginaler Flüssigkeitszufuhr, etwa bei älteren Menschen, könne Kaffee nicht auf die tägliche Flüssigkeitsmenge angerechnet werden. Anders ausgedrückt: Ist das Extrazellularvolumen bereits klein, wird es durch den Konsum von Kaffee nicht größer. Nicht zuletzt gibt es auch noch eine starke Variabilität bei der Verstoffwechselung des Kaffees. Die Aktivität des Cytochroms P1A2 schwankt stark, und der Coffeinabbau ist unter anderem bei Schwangeren, Rauchern und Säuglingen verzögert.

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