Auch Dummies können sterben

4. März 2005
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Ein Telefonanruf während der OP lässt den Anästhesisten gedanklich abschweifen, den einsetzenden Blutverlust des Patienten erkennt auch sonst niemand im Team. Stan D. Ardmann stirbt, weil die Ärzte es versäumten, ihm rechtzeitig eine Infusion anzulegen.

In Wirklichkeit aber war Stans Tod kalkuliert. Mittlerweile sterben Kopien Ardmanns weltweit an etwa 370 Kliniken: Immer wieder und immer wieder auf andere Weise. Denn Stan ist kein Mensch aus Fleisch und Blut. Er ist eine vom US-Unternehmen Medical Education Technologies entwickelte Simulationspuppe, kostet zwischen 40.000 und 250.000 Euro und ist nach Ansicht deutscher Mediziner gewissermaßen der perfekte Patient. Stan D. Ardmann, in dessen Namen sich die Bezeichnung für “Standard Man” versteckt, simuliert jedes nur erdenkliche Horrorszenario, das sich während einer Operation ereignen kann und lässt auf diese Weise Medizinstudenten und Anästhesisten den Ernstfall unter Realbedingungen trainieren.

Realitätsnahes Lernen

Die Klinik für Anästhesiologie der Ludwig-Maximilians-Universität etwa hat in den letzten Monaten ein medizinisches Simulations- und Trainingszentrum für Narkose-Spezialisten aufgebaut. Im Rahmen des Projekts üben sich junge Mediziner darin, kritische Situationen kompetent bewältigen zu können und Prozesse im anästhesiologischen Umfeld zu beherrschen. Das Besondere daran ist das realitätsnahe Lernen: Außer den Anästhesisten ist die gesamte OP-Crew anwesend. “Neben der Vermittlung medizinischen Know-Hows stehen der Umgang mit dem Patienten und die Arbeit im Team im Focus der Ausbildung”, erläutert Dr. Florian Demetz von der Klinik für Anästhesiologie und der Leiter des Projekts, gegenüber DocCheck. Stan ist eine High Tech-Puppe aus Kunststoff mit einem komplexen mechanischen und elektronischen Innenleben. Dieses wird durch eine sehr “menschliche” Software gesteuert, die es ermöglicht, die pathophysiologischen Eigenschaften des Patienten nahezu authentisch zu simulieren. So kann der künstliche Patient wie sein menschliches Vorbild nach Gabe von entsprechenden Medikamenten einschlafen und nach Ablauf einer ebenfalls simulierten Operation auch wieder aufwachen.

Der künstliche Mensch

Mit der Puppe können jedoch auch eine ganze Reihe anderer Körperfunktionen, wie eine eingeschränkte Herzfunktion bei einem Herzinfarkt, eine allergische Reaktion z.B. bei einem Bienenstich oder eine Blutung nach einem Verkehrsunfall dargestellt werden. Das Training findet in einer möglichst realen Umgebung statt. Das bedeutet, der Teilnehmer kann seinen “Patienten” nahezu mit den gleichen technischen, logistischen und personellen Möglichkeiten behandeln wie bei einer “richtigen” Narkose im Operationssaal oder auf einer Intensivstation. “Die Puppe ist für uns das, was der Flugsimulator für Piloten darstellt”, sagt Demetz. Neben Anästhesisten üben bundesweit auch Intensiv- und Notfallmediziner am “künstliche Menschen”. Über einen der ersten Simulatoren verfügt beispielsweise das Universitätsklinikum Düsseldorf. Im dortigen Simulationszentrum steht Ärzten in der Aus- und Weiterbildung sowie Medizinstudenten DANIS, der Anästhesie-, Notfall- und Intensivmedizin-Simulator, zur Verfügung. Dummies wie Stan oder DANIS sind echten Menschen nachempfunden. Ihre Organe und Organsysteme bestehen aus Plastik, sind aber ebenso vorhanden wie bei ihren lebenden Pendants: Sie besitzen Haut und Adern, Muskeln, Skelett, Herz, Kreislauf, Lunge sowie Harnblase und ein elektronisches Gehirn. Die so genannten Full Scale Simulatoren reagieren direkt auf die Arbeit der Mediziner. Wenn die Narkose nicht tief genug ist, bewegen sie den Arm oder ihr Puls und Blutdruck steigen. Auch die Pupillen reagieren, wenn Medikamente in das künstliche Kreislaufsystem gespritzt werden. Art und Dosierung der injizierten Medikamente werden elektronisch erkannt. Die Simulatoren bilden zudem den Gasaustausch in der Lunge ab, sie bemerken einen Sauerstoffmangel bei unzureichender Atmung oder während der künstlichen Beatmung. Selbst Fieber oder Nierenversagen bei einer Blutvergiftung können Stan & Co. nachahmen. Sitzt bei den Ärzten selbst unter Extrembedingungen jeder Handgriff wie er sollte, überlebt die High-Tech Puppe. Ansonsten schließt Stan die Augen – allerdings nicht für immer, sondern nur bis zum nächsten Einsatz.

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