Pillenarlarm!

21. März 2005
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Wer mit Handys nur telefoniert oder Termine verwaltet, ist selbst Schuld. Medikamentenkonsum ohne Computerunterstützung scheint out zu sein. Ob Einnahme der Anti-Baby-Pille, Einstellung des Blutzuckers oder Telebetreuung von Übergewichtigen, die Technik in der Hosentasche macht Patienten das Leben leichter.

Vorbei die Zeiten, als wir mit Kugelschreiber kaum lesbare Einnahmehinweise auf Medikamentenpackungen kritzelten, um die pünktliche Einnahme der Tablette dann doch zu vergessen. In Zeiten von Handys, Taschencomputern und Co. lassen sich immer mehr Arzneimittelkonsumenten elektronisch bei ihrer täglichen Bürde unterstützen.

Karrierefrauen aufgepasst: Die Pille kommt aufs Handy!

Vor allem Frauen werden angesprochen: So kann sich die moderne Frau seit Neuestem eine Reminderfunktion buchen, die sie täglich daran erinnert, die Anti-Baby-Pille termingerecht zu schlucken. Anbieter ist das Frauengesundheitsportal Gynweb der Kosmetikfirma VitaMe GmbH. Der Pillenreminder per SMS hat den lasziven Namen Pillboy und ist individuell auf den Zyklus und den bevorzugten Einnahmezeitpunkt konfigurierbar. Damit es nicht bei einem schnöden und wenig erbaulichen “Jetzt schlucken” bleibt, gibt es in jeder SMS noch einen Spruch des Tages, etwa den männerfeindlichen Kalauer: “Frauen bevorzugen die einfachen Dinge im Leben: Männer”. Erinnerung und Spruch des Tages gibt es zusammen für 2,99 Euro im Monat. Für Apothekenkundinnen, die darüber klagen, mit der regelmäßigen Einnahme der Pille nicht klar zu kommen, weil das Leben zu aufregend oder der Kopf zu schusselig sei, könnte die Dienstleistung einen Tipp wert sein. Ebenfalls an Frauen richtet sich ein SMS-Dienst, der von der Agentur M3-Interaktiv aus Fulda entwickelt wurde. Er wird von der in der Reproduktionsmedizin sehr engagierten Firma Organon an kooperierende IVF-Kliniken vertrieben. In Anspruch genommen werden kann er von Frauen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen. Kern der Dienstleistung sind regelmäßige Kurznachrichten vom betreuenden IVF-Zentrum. Damit werden die Frauen darauf hingewiesen, wann und wie sie die für eine erfolgreiche IVF erforderlichen Medikamente einnehmen müssen. “Unsere Patientinnen schätzen das als herausragend guten Service”, so Thomas Lachmair, Leiter des IVF-Labors am IVF-Zentrum Augsburg, das den Service seit einiger Zeit einsetzt. Aber auch die Einrichtung selbst hat was davon. Denn bisher gehen in vielen IVF-Zentren täglich zwanzig und mehr Anrufe von verunsicherten Frauen ein, die Fragen zum Medikationsschema haben. Auch Apotheken oder Arztpraxen M3 Interaktiv mit seinem SMS-Dienst übrigens ansprechen: Kleinunternehmen entrichten eine einmalige Lizenzgebühr in Höhe von 680 Euro und zahlen dann monatlich entweder 18,50 Euro bei einem Preis pro SMS von 20 Cent oder 9,50 Euro bei einem SMS-Preis von 35 Cent.

Auch der mobile Diabetiker regelt die Insulineinnahme per SMS

Nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer von Interesse ist der SMS-Dienst des Online-Diabetes-Tagebuchs. Hier läuft die SMS-Kommunikation auch in der anderen Richtung. So geben die Diabetiker, die unterwegs eine Insulinanpassung benötigen, ihren Blutzuckerwert, die Broteinheiten ihrer Mahlzeit und die übliche Insulinmenge ins Handy ein und verschicken die Daten per Kurznachricht. Der Arzt kann anhand der übermittelten Daten die Sollwerte ändern und Korridore für die Insulinanpassung definieren, völlig egal, wo sich sein Patient gerade befindet. Den Vogel in Sachen mobiler Betreuung hat jedoch das Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) auf der Computermesse CEBIT in Hannover abgeschossen. Mitarbeiter des Instituts stellten dort ihren Digitalen Patientenbegleiter vor, der als Ergänzung zu einem persönlichen Betreuungsprogramm gedacht ist. Ein Taschencomputer mit Netzanschluss, wahlweise auch ein Handy oder Smartphone, soll Übergewichtigen helfen, nach Entlassung aus einer Klinik besser mit dem Alltag klar zu kommen. Dabei geht es einerseits erneut um Arzneimittel, denn viele Übergewichtige sind auch Diabetiker oder haben Fettstoffwechselstörungen. Doch über das Mobilgerät werden auch andere Dinge eingespielt, etwa Kochrezepte für eine gesunde Ernährung oder Informationen zu Lebensmitteln, die der Betroffene gerade im Supermarkt einkaufen möchte. Unter dem Namen digi. Dou wurde das System jetzt speziell für junge Adipöse zwischen neun und dreizehn Jahren optimiert und soll nun im Rahmen einer Pilotstudie erprobt werden. Die Kinder können Erfolgserlebnisse wie ein gesundes Essen oder körperliche Bewegung notieren und sie gegebenenfalls gegen kleine Sünden eintauschen. ¿Der digitale Begleiter digi. Dou soll die Therapie der Kinder ergänzen, indem er ihnen hilft, in der Klinik erlerntes Verhalten auch im Alltag umzusetzen”, beschreibt Kerstin Heuwinkel vom ISST die Stoßrichtung von digiDou. “Die wichtigsten Punkte sind Motivation und Selbstkontrolle. Die Kinder können über ihren Begleiter aber auch Kontakt mit anderen Betroffenen aufnehmen und ihn als Patiententagebuch nutzen.”

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