Berufseinstieg: Ready to Burn(out)

29. August 2012
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Unbezahlte Überstunden, ungenügende Betreuung durch den Oberarzt, totale Überforderung. Es kursieren viele abschreckende Geschichten zum ärztlichen Berufseinstieg. DocCheck zeigt Euch, wie es den Berufsneulingen wirklich ergeht.

Statistisch betrachtet stehen dem Jungarzt im Krankenhaus schwierige Zeiten bevor. Das Nürnberger Institut für freie Berufe befragte 1.308 Jungärzte und kam zu dem Ergebnis, dass viele Ärzte überarbeitet und unzufrieden sind. Lediglich 3,7 % der befragten Ärzte gaben an, eine gute Work-Life-Balance zu haben. Demgegenüber stehen 33,7 % der Befragten mit einer „eher schlechten“ und weitere 16,3 % mit einer „schlechten“ Balance zwischen Beruf und Freizeit.

Schuld daran sind vor allem die langen Arbeitszeiten im Krankenhaus. Über die Hälfte (52,3 %) der Krankenhausärzte arbeitet täglich mehr als 10 Stunden und 35 % leisten mehr als 6 Bereitschaftsdienste pro Monat. Diese starke Beanspruchung bei gleichzeitig geringer Entscheidungsfreiheit bleibt nicht ohne Folgen: Am Ende des ersten Berufsjahres fanden sich bei einem Drittel der Ärzte auffällige Angst- und Depressionssymptome und 62 % der Ärzte wiesen Burnout-Symptome unterschiedlicher Schwere auf.

Positive Eindrücke überwiegen

Angesichts dieser Eindrücke kann einem Angst und Bange werden vor dem Berufseinstieg, aber es gibt auch positive Seiten. So erklärt die Hälfte der Mediziner in der Studie des Institutes für freie Berufe, sie sei zufrieden bis sehr zufrieden mit dem eigenen Berufsstart. Ähnlich äußerten sich 5 der 6 von DocCheck befragten Jungärzte.
 Anja C. z. B. arbeitet seit einem halben Jahr in der Inneren Medizin in einem Schweizer Krankenhaus: “Ich bin sehr zufrieden mit meinem Berufsstart, da ich sehr gutes Feedback bekomme, regelmäßig Mitarbeitergespräche geführt werden und mein Oberarzt immer erreichbar ist. Darüber hinaus arbeite ich in einem tollen Team mit flachen Hierarchien”.

Auch deutsche Berufsneulinge, wie zum Beispiel Johannes L., Urologe an einem Universitätsklinikum, berichten von positiven Erfahrungen: “Natürlich ist es anstrengend, ich muss häufig zehn Stunden arbeiten, aber ich lerne sehr viel und darf auch vieles selber machen, zum Beispiel im OP. Alles in allem bin ich schon zufrieden”. Frauke L., angestellt in der Inneren Medizin eines kleineren, kirchlichen Krankenhauses, schildert Ihre Eindrücke folgendermaßen: “Gerade am Anfang war es eine große Herausforderung für mich, von jetzt auf gleich alleine die Verantwortung zu tragen und viele Dinge waren ungewohnt und neu. Aber ich wurde gut eingearbeitet, musste erst nach 5 Monaten Dienste übernehmen, arbeite in einem sehr netten Team und die Arbeit mit den Menschen macht mir Spaß”.

Probleme auf den Punkt gebracht

Trotz dieser Zufriedenheit gibt es natürlich Probleme, die Johannes auf den Punkt bringt: “Bei durchschnittlich 10 Stunden Arbeit pro Tag bleibt kaum Zeit für die Freundin, Hobbies oder alltägliche Dinge wie Einkaufen. Das ist schon ein Problem.” Anja kann dies bestätigten: “In der Schweiz kennt man keine 42-Stunden-Verträge, es werden 50 Stunden Arbeitszeit vertraglich vereinbart. Da habe ich es leider noch nicht geschafft, mir hier einen Chor zu suchen.”

Teilweise rutscht die Arbeitsbelastung auch in extreme Bereiche ab. So äußert Claudia P., Neurologin an einem Universitätsklinikum, ihren Unmut: “Ich arbeite jetzt seit 3 Monaten hier und es ist schon sehr anstrengend. Selten komme ich vor 20 Uhr abends raus. 11-12 Stunden sind die Regel, aber langsam bekomme ich Routine und merke, dass ich schneller werde. Trotzdem ist die Arbeit zur Zeit sehr unbefriedigend. Ich arbeite und schlafe nur noch.”

Spätestens Claudias Beispiel macht deutlich, dass es Unterschiede bei der Arbeitsbelastung der Jungärzte gibt. Tendenziell bringen operative Fächer eine höhere Arbeitsbelastung mit sich, aber nicht allein die Fachrichtung entscheidet über die Arbeitszeit, sondern häufig die spezielle Lage des jeweiligen Krankenhauses, dessen personelle Besetzung, etc. Daher lohnt es sich genau hinzuschauen, bei welchen Krankenhäusern man sich bewirbt.

Worauf sollte man also achten?

Allgemeine Tipps

Bei der Bewerbung für die erste Assistenzarztstelle ist es sinnvoll, viele Bewerbungen zu verschicken und mehrere Einstellungsgespräche zu führen. Auf diese Art und Weise bekommt man etwas Routine in dieser besonderen Situation, ist selber nicht so aufgeregt und kann die Unterschiede zwischen den verschiedenen Krankenhäusern besser beurteilen. Weiterhin hat es sich bewährt, vorab – im Krankenhaus der Wahl – für ein paar Tage zu hospitieren. In den Besprechungen und besonders in den Gesprächen mit den anderen Assistenzärzten kann man viele Informationen sammeln und bekommt ein untrügliches Gefühl für die Stimmung im Team und die Arbeitsbelastung.

Neben diesen allgemeinen Tipps gilt es grundsätzlich abzuwägen, ob man an einer Universitätsklinik arbeiten will oder nicht.

Insbesondere wenn man eine wissenschaftliche Karriere mit Habilitation anstrebt oder möglichst schnell seinen Facharzt erreichen will, empfiehlt sich die Bewerbung an einer Universitätsklinik, die Forschungsbemühungen besonders stark fördert. Allerdings wird häufig verlangt, dass die Forschung parallel zum Stationsbetrieb durchgeführt wird, sodass an Universitätskliniken zumeist länger gearbeitet wird. Hinzu kommt, dass man in einer Universitätsklinik mit spezielleren Fällen konfrontiert wird und nicht das normale Patientenkollektiv kennenlernt.

Unselektioniertes Patientengut

Kleinere Krankenhäuser hingegen bieten weniger Forschungsmöglichkeiten, dafür herrscht häufig ein persönlicheres Klima, es gibt ein unselektioniertes Patientengut und eher kürzere Arbeitszeiten. Gerade dort ist es jedoch wichtig, sich vorab über die Weiterbildungsbefugnis zu erkundigen, sodass man sicher gehen kann, dass die Arbeitszeit für die Weiterbildung zum Facharzt angerechnet wird. Nähere Informationen hierzu findet man auch bei den jeweiligen Landesärztekammern.

Die Aussagen der Jungärzte und die Studien zum Thema zeigen, dass der Berufsstart im Krankenhaus hart sein kann, aber auch, dass die Ärzte später, z.B. als niedergelassene Fachärzte, durchaus zufrieden sind. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre.

Tipps zum Berufsstart in der Schweiz:

Insbesondere in der Schweiz arbeiten viele deutsche Ärzte. Auswandern oder nicht? Das ist natürlich eine weitreichende Entscheidung, die jeder selbst treffen muss. Pros und Contras und weiterführende Informationen zu diesem Thema findet ihr hier:

45 Wertungen (4.07 ø)
Studium

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2 Kommentare:

Altenpfleger

Liebe Ärzte, ihr seid nicht allein mit diesen Arbeitszeiten. In der Intensiv-/Beatmungspflege wird auch meist in 12-Stundenschichten gearbeitet. Da dieser Beruf auch noch miserabel bezahlt wird sind wir chronisch unterbesetzt und arbeiten dann manchmal in zwei aufeinanderfolgenden Wochen bis zu 144 Stunden. Das alles findet auf keiner gesetzlichen Grundlage mehr statt. Die Arbeitszeit beträgt in Deutschland maximal 48h/Woche. Sie darf nur ausnahmsweise bis auf zehn Std./Tag ausgedehnt werden, wenn innerhalb von 24 Wochen eine durchschnittliche Arbeitszeit von 8h/Tag nicht (5-Tage-Woche) überschritten wird. Wir sollten uns alle soetwas nicht mehr bieten lassen und auf die Einhaltung der Gesetze dringen!

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Niclas Detels
Niclas Detels

Hi Leute, habe aus eben diesen Gründen für 1,5 Jahre in der Schweiz gearbeitet und muss sagen es ist auch nicht alles Gold was glänzt. Ich hatte eine 50 Wochen Stunde per ano und bin selten vor 20.00h nach Hause gekommen. Alle fünf Wochen Dienst 12h am Sa So frei dann eine Woche Spätrdienst dann 12h So und im Anschluss sieben Nächte das ganzen Haus Medizin, Chirurgie und Intensive dabei die letzten zwei Nächte a 12h und dann eine Woche frei. Das waren im Jahr ca. 7 Zyklen.
Die Betreuung war abhängig vom Hintergrund aber eingentlich sehr gut. Jeden Tag Fortbildung am Morgen und viele zusätzliche Fortbildungen.
Jetzt arbeite ich in Deutschland in der Nephrologie. Die Patientenversorgung ist Hochfrequenter, die Arbeitszeiten aber im Schnitt deutlich geringer, a. vier Nachtzyklen im Jahr. Leider macht sich der Personalmangel in Form von zusätzlichen Diensten deutlich bemerkbar, sonst wäre die Dienstbelastung deutlich geringer als in der Schweiz

#1 |
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