Dracula lässt grüßen

1. April 2005
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Die Vampirfledermaus ist das einzige Säugetier, das sich ausschließlich von Blut ernährt. Tagsüber verbirgt sie sich in Felshöhlen und hohlen Bäumen, erst bei völliger Dunkelheit geht sie auf Nahrungssuche. Das Biotech-Unternehmen Paion interessiert vor allem der Speichel der kleinen Vampire. In zwei Jahren soll ein neues Produkt marktreif sein, dass Blutgerinnsel bei akutem Schlaganfall bis zu neun Stunden nach Auftreten der ersten Symptome auflöst.

Rund 200 000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall. Für jeden Fünften verläuft die Krankheit innerhalb der ersten vier Wochen tödlich. Nur ein Drittel der überlebenden Opfer kann in ein normales Arbeitsleben zurückkehren; ein weiteres Drittel bleibt lebenslang auf fremde Hilfe angewiesen. Auslöser ist in 88 Prozent der Fälle eine akute Störung der Gehirndurchblutung, die durch ein Blutgerinnsel entsteht. Bis heute ist es nicht gelungen, wesentliche Fortschritte bei der akuten Behandlung eines ischämischen Schlaganfalls und seiner schwer wiegenden Folgeschäden zu erzielen.Ursache hierfür ist vor allem die kurze Zeitspanne, die den Ärzten nach Auftreten der ersten Symptome bleibt, um gegen einen Hirninfarkt wirksam vorzugehen. Denn für die Behandlung gibt es derzeit nur eine effektive Therapie – die Thrombolyse, bei der das Blutgerinnsel medikamentös aufgelöst wird. Alteplase, das einzige bisher zugelassene Medikament, darf nur innerhalb von drei Stunden nach dem Schlaganfall verabreicht werden. Momentan gelangen aber bloß 25 Prozent aller Patienten in diesem Zeitraum ins Krankenhaus, was den Einsatz dieser Therapie sehr einschränkt.

Wirkstoff aus dem Speichel der Vampirfledermaus

Das Aachener Biotech-Unternehmen Paion will diese Situation ändern und in zwei Jahren das Arzneimittel Desmoteplase auf den Markt bringen. Es soll Ärzten ermöglichen, Blutgerinnsel noch bis zu neun Stunden nach einem Schlaganfall aufzulösen. Desmoteplase ist ein Enzym, das im Speichel von Vampirfledermäusen enthalten ist und diesen hilft, das aus den Wunden ihrer Opfer austretende Blut flüssig zu halten. Das Enzym wandelt den Blutbestandteil Plasminogen in Plasmin um. Das Plasmin seinerseits löst Fibrin, den festen Gerüststoff von gerinnendem Blut, auf. Paions Gründer, das Mediziner-Ehepaar Wolfgang und Mariola Söhngen, übernahmen im Jahr 2000 von der Schering AG die Rechte für Desmoteplase. Ursprünglich sollte es bei akutem Myokardinfarkt eingesetzt werden, aber nachdem Schering diese Forschungsrichtung aufgegeben hatte, war der Weg für Paion frei, die Substanz für die Anwendung gegen Schlaganfall und Lungenembolie weiterzuentwickeln. Eine im Januar dieses Jahres in der Fachzeitschrift “Stroke” veröffentlichte Phase II-Studie zeigte positive Ergebnisse für den Einsatz von Desmoteplase bei akutem Schlaganfall: An der Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie nahmen 104 Patienten teil, die innerhalb von drei bis neun Stunden nach Beginn der Symptome mit Desmoteplase oder einem Placebo behandelt wurden. Mit der wirksamsten Dosierung des Wirkstoffs konnte bei 71,4 Prozent der Patienten eine Wiederherstellung der Blutversorgung erzielt werden; bei der Placebo-Gruppe lag dieser Wert bei 18 Prozent. 90 Tage später zeigten 60 Prozent der Patienten in der Desmoteplase-Gruppe eine deutliche Verbesserung ihres Zustandes im Gegensatz zu 22 Prozent der Patienten, die nur ein Placebo erhalten hatten. Voraussetzung für die Teilnahme an der Studie war das Vorliegen einer Penumbra, also eines Gewebes, das zwar schwer geschädigt, aber noch nicht endgültig abgestorben war. “Es gibt vorläufige Daten, die besagen, dass die Penumbra bei einzelnen Patienten bis zu 24 Stunden vorhanden ist”, sagt Paion-Geschäftsführer Wolfgang Söhngen. Er will deshalb in Zukunft den Einsatz von Desmoteplase über die Frist von neun Stunden noch weiter ausdehnen.

Keine Neurotoxizität

Desmoteplase zeigt im Gegensatz zu Alteplase keine neurotoxische Nebenwirkungen. “Es gibt immer mehr Befunde, die darauf hinweisen, dass die toxischen Eigenschaften von Alteplase einer bestimmten molekularen Struktur zuzuordnen sind, die bei Desmoteplase nicht vorhanden ist. Vielleicht ist das der Grund, warum Desmoteplase in einem längeren Zeitfenster eingesetzt werden kann”, erklärt Söhngen. Nachdem dieses Frühjahrs die konfirmatorische Phase III-Studie mit insgesamt 200 Teilnehmern begonnen hat, rechnet Söhngen für übernächstes Jahr mit der Zulassung von Desmoteplase. Im vergangenen Jahr ist Paion eine Kooperation mit Forest Laboratories eingegangen. Die US-amerikanischen Pharmafirma hat die Vermarktungsrechte von Desmoteplase in Amerika erhalten und finanziert im Gegenzug die Entwicklung des Medikaments bis zur Markteinführung. Paion hat noch zwei weitere Wirkstoffkandidaten in der Pipeline: Enecadin soll Folgeschäden des Schlaganfalls bekämpfen und Solulin als Gerinnungshemmer bei thrombotischen Erkrankungen eingesetzt werden. Um die Entwicklung von Enecadin und Solulin zu forcieren, wagte Paion diesen Februar den Gang an die Börse und nahm rund 46 Millionen Euro ein.

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