Das Gen Gottes

15. April 2005
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Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit fühlten sich als Gläubige eins mit jenen, die Anfang des Monats in Rom Johannes Paul II. die letzte Ehre erwiesen. Als Grund für die kollektive Massenbekenntnis zum Glauben machten angelsächsische Medien den verstorbenen Pontifex selbst aus. Begriffe wie "John Paul Superstar" und "Generation JP 2" waren geboren.

Neurobiologen und Genetiker indes gehen seit Jahren weitaus nüchterner an das Phänomen Glauben und Religion heran: Glaube, und zwar unabhängig von der Religion, scheint eine reine Sache der Gene und Hirnaktivitäten zu sein.

Tatsächlich sorgte ein Buch des US-amerikanischen Molekularbiologen Dean Hammer schon Ende vergangen Jahres unter Forschern und Religionswissenschaftlern weltweit für Furore. Der am National Cancer Institute (NCI) forschende Hamer hatte eher nebenbei eine sensationelle Entdeckung gemacht. Eine einzelne Genvariation steuert die Produktion des neuronalen Botenstoffes VMAT2 – mit mehr als erstaunlichen Folgen. Wer nämlich in seinem VMAT2-Gen an einer einzigen Stelle statt des Bauelements Adenin den molekularen Baustein Cytosin trägt, neigt verstärkt zum spirituellen und transzendenten Gefühlen, sozusagen die Grundvoraussetzung jeglichen religiösen Empfindens. Hamer fand diesen Zusammenhang anhand von Patientendaten heraus, die er bereits 1998 erfasste. Dazu hatte sein Team über 1000 Männer zu ihren Lebensgewohnheiten befragt. Einer der insgesamt 240 Punkte des Formulars befasste sich mit der Fähigkeit der Patienten, spirituell und transzendent zu empfinden. Nach der Auswertung der Daten und den Abgleich mit dem genetischen Profil der Probanden stand für Hammer fest: „Wir sind ein Bündel an chemischen Reaktionen das, in einer Tüte verpackt, herumläuft“

Was derart formuliert für nahezu alle Theologen als reine Provokation wirkt, beschäftigt inhaltlich mittlerweile viele Forschergruppen weltweit. So fanden Wissenschaftler an der University of Minnesota heraus, dass eineiige Zwillinge in der Tat ein nahezu identisches religiöses Verhalten aufzeigen – selbst dann, wenn sie getrennt aufwachsen und somit über unterschiedliche Sozialisationen und Umwelteinflüsse verfügen. Glaube sei zu mindestens 50 Prozent genetisch verursacht, postulierte die angesehene Fachzeitschrift Psychological Science schon vor mehr als 15 Jahren (Waller et al., Psychological Science, 1990, vol. 1 , p 138). Doch erst jetzt fügen sich die einzelnen molekularen Mosaikteile zu einem Gesamtbild zusammen. Das von Hamer geschilderte Protein VMAT2 nämlich ist für unsere Glücksgefühle mitverantwortlich. Es transportiert den Botenstoff Dopamin innerhalb des Gehirns. Dabei fungiert VMAT2 (Vesicular Monoamine Transporter Protein) quasi als Pumpe, um das Dopamin in und aus den Zellen zu befördern – wenn wohlige Gefühle ausgelöst werden. Ein geringerer Gehalt am VMAT2-Protein aber stört diesen empfindlichen Kreislauf, wie Forscher von der University of Michigan herausfanden. Die Folge: Nicht nur das Glücksempfinden ist gestört, auch die Fähigkeit zur Spiritualität scheint bei geringerer VMAT2-Konzentration verloren, wie Hamers Studien jetzt offenbaren.

Aus diesen molekularbiologischen Zusammenhängen allein eine Verbindung zur Religion zu erstellen, wäre dennoch gewagt. Denn die Fähigkeit , spirituell und transzendent zu empfinden, bestätigte noch lange nicht die Theorie eines genetisch vorgegebenen Glaubens. Doch neurologische Untersuchungen der Hirnaktivität bei betenden Mönchen untermauern das zunehmende Wissen um den rein organisch gesteuerten Glauben. Für Michael Persinger, Professor für Verhaltensneurologie an der University Sudbury in Ontario steht daher fest: „Gott ist ein Artefakt unseres Gehirns“. Eine in Medizinerkreisen aufsehenerregende Untersuchung dazu führte der Neurowissenschaftler Andrew Newberg von der School of Medicine in Philadelphia durch. Mit Hilfe der Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT), einer speziellen Aufnahmetechnik der Hirnaktivität, zeigte Newberg, dass es eine für religiöse Gefühle zuständige Hirnregion gibt. Betende Menschen etwa verfügen über einen deutlich höheren Blutfluss im vorderen Bereich des Gehirns, jene Gegend also, die normalerweise für die Konzentration des Menschen zuständig ist. Newbergs erstaunlichstes Ergebnis: Beim Beten und Meditieren werden jene Areale deaktiviert, die unsere Orientierung steuern – möglicherweise ein Grund, warum sich gläubige Menschen von Raum und Zeit losgelöst und Gott nahe fühlen.

Für Soziobiologen an der Binghampton State University of New York ist die genetische Steuerung des Glaubens sogar eine evolutionsbedingte Notwendigkeit. Das zeige vor allem ein Beispiel: Das des Schweizer Reformators Johannes Calvin. Die von ihm im Jahr 1541 dem Rat der Stadt Genf vorgelegte und danach streng eingehaltene Kirchenordnung, die „Ordonnances ecclésiasthiques“, habe zu seiner Zeit die soziale Organisation der Stadt und damit das bessere Überleben der Bevölkerung ermöglicht. Calvins Glauben – höchstwahrscheinlich genetisch programmiert – diente auf diese Weise dem Populationserhalt.

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