Pillen-Schnüffeln für Fortgeschrittene

18. April 2005
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Um zu verhindern, dass Patienten schon vom Geruch ihrer Arzneimittel schlecht wird, werden Pillen üblicherweise einem Riechtest unterzogen. Kein beneidenswerter Job, dachte sich ein japanischer Tablettenproduzent, und testete zur Entlastung seiner Mitarbeiter eine elektronische Nase. Vorteil: Sie kann sich nicht übergeben...

Wer garantiert eigentlich, dass Tabletten nicht stinken? Wer sich diese Frage noch nie gestellt hat, der befindet sich mit Sicherheit in bester Gesellschaft. Pillen haben klein, geschmacks- und geruchsneutral zu sein, und im Allgemeinen gelingt das so gut, dass sich niemand groß Gedanken darüber macht, warum eigentlich.

Vitamine: Gesund sind sie ja, aber…

Anders als Aussehen oder Geschmack einer Tablette ist der Geruch eine Sinneseigenschaft, die für Entwickler nicht gut zugänglich ist. Farben lassen sich an Farbcomputern simulieren und beurteilen. Beim Geschmack gibt es die standardisierten Geschmacksempfindungen süß, bitter, salzig und sauer. Der Geruch dagegen ist viel schlechter greifbar, viel subjektiver und schwerer vorher zu sagen. Natürlich gibt es pharmakologische Substanzen, bei denen bekannt ist, dass sie schlecht riechen. Dazu gehört das L-Cystein, aber auch Vitaminverbindungen wie Thiamin-Hydrochlorid oder Thiamin-Nitrat. Tabletten, die diese oder andere nicht geruchsneutrale Substanzen enthalten, sind potenziell problematisch: Wenn sie zu unangenehm riechen, nimmt sie niemand ein. Und auch der Hersteller erleidet einen Imageschaden, denn wer mag schon Firmen, die stinkende Tabletten produzieren? Die Hersteller scheuen deswegen keine Mühe, Präparate, bei denen sich bestimmte Inhaltsstoffe nicht vermeiden lassen, so zu bearbeiten, dass der Patient es nicht bemerkt, etwa indem ein sinnlich ansprechender Mantel um die Tablette herum gezogen wird. Die Frage, die sich dann immer stellt, lautet, ob das als Anti-Geruchs-Wall schon ausreicht. Um das zu beurteilen, werden die entsprechenden Pillen einem Riechtest unterzogen, ein wenig beneidenswerter Job für Freiwillige mit starken Geruchsnerven.

Prometheus gegen die zehn wackeren Schnüffler

Weil kein Hersteller ein Interesse daran hat, seine Mitarbeiter durch stinkende Tabletten zu vergraulen, wird intensiv an Ersatzverfahren geforscht. Jüngstes Beispiel ist der japanische Pharmakonzern Takeda, der jetzt eine elektronische Nase vorgestellt hat, die einer Studie zufolge genauso gut Tabletten erschnüffelt wie ein Heer von Freiwilligen. Elektronische Nasen sind keine Weltneuheit. Entwickelt wurden sie bisher aber vor allem für die Nahrungs- und Genussmittelindustrie, und nicht so sehr für die Anwendung in der pharmazeutischen Industrie. In der Studie, über die Takeda-Mitarbeiter Shinji Ohmori jetzt in der Zeitschrift European Journal of Pharmaceutics and Biopharmaceutics berichtet, ging es darum, den Geruch einer Formulierung zu beurteilen, die das übel riechende L-Cystein enthält. Verglichen wurden „unverpackte“ Tabletten mit drei verschiedene „Verpackungen“, nämlich einerseits mit Filmtabletten, andererseits mit Tabletten mit einer zuckerhaltigen Hülle sowie mit einer neuen, zuckerfreien Ummantelung, die in den Takeda-Labors zur Geruchselimination entwickelt wurde. Die Kombattanten waren auf der einen Seite zehn Freiwillige, denen die Tabletten in einer kleinen Glasflasche in die Hand gedrückt wurden. Gegen die wackeren Schnüffler trat die elektronische Nase Alpha-Prometheus der Firma Alpha-M.O.S. an, die speziell für die Bedürfnisse von Takeda angepasst wurde. Das System arbeitet mit einer Sensoreinheit aus Metalloxiden, die beim Kontakt mit bestimmten Molekülen ihre Leitfähigkeit verändern. Je nach Zusammensetzung des Geruchs wird aus diesen Informationen eine Art Fingerabdruck des Gases erstellt, der von einer an Menschen validierten Software ausgewertet wird.

E-Nase spart auch Putzmittel

Das Ergebnis war ein doppeltes: Zum einen zeigte sich eine hohe Übereinstimmung zwischen dem, was die zehn Freiwilligen als unangenehm empfanden und dem, was die E-Nase als stinkend bewertete. Unverpackte Tablette und Filmtablette wurden von beiden Jurys als olfaktorisch indiskutabel abqualifiziert. Deutlich besser schnitten die ummantelten Tabletten ab, wobei die neuere, zuckerfreie Ummantelung ähnlich günstige Resultate aufwies, wie die ältere, zuckerhaltige Version. „Wir halten die elektronische Nase für ein sehr viel versprechendes Werkzeug in der Bewertung unangenehmer Gerüche, entweder als Ergänzung oder sogar als Alternative zu der sensorischen Bewertung durch Freiwillige“, so das Fazit von Ohmori. Einen klaren Vorteil hat die E-Nase jedenfalls: Sie entlastet auch das Putzteam, denn anders als die Freiwilligen kann sie sich nicht übergeben…

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