Ich fühle mich morgens so gläsern

18. April 2005
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Seit der letzten Gesundheitsreform hat die Datentransparenz in der Gesundheitsbranche bis dahin ungeahnte Ausmaße erreicht. Kassen haben mehr Einblick in die Abrechungen denn je. Doch auch die Marktbeobachtung steht vor einer Revolution. Interessierten hier bisher vor allem die Daten der Apothekenrechenzentren, so kommen nun neue Player ins Spiel.

Als Folge der letzten Gesundheitsreform öffnete sich am ersten Januar 2004 die Black Box der ambulanten Versorgung. Wurden bis dahin Abrechnungsdaten nur fallbezogen von den Kassenärztlichen Vereinigungen an die Krankenkassen übermittelt, so werden diese Daten jetzt patientenbezogen weitergeleitet. Früher wurden die Abrechungsdaten von den Kassenärztlichen Vereinigungen in Gruppen zusammen gefasst. Eine Krankenkasse erfuhr dann die Abrechnungspositionen und den „Fall“, konnte aber nicht die Verbindung zu einem individuellen Versicherten ziehen. Auf der anderen Seite des Versorgungssystems hatten die Apothekenrechenzentren die Rezeptdaten, an denen die pharmazeutische Industrie ein großes Interesse hat, weil sie eine Marktbeobachtung am „Point of Sale“ erlauben. Die damit ermittelbaren Details der regionalen Arzneimittelversorgung waren aber begrenzt, weil wichtige Patienteninformationen, die in den Abrechnungsdaten enthalten sind, fehlen.

Kassen wollen dem Arzt auf die Finger schauen. Nur wie?

Das alles ändert sich gerade grundlegend. Seit der Gesundheitsreform erfahren die Kassen welche Leistungen im ambulanten Sektor bei welchen Versicherten von welchem Arzt erbracht beziehungsweise abgerechnet wurden. Im Kliniksektor war das bereits eine ganze Zeitlang gang und gäbe. Was machen die Kostenträger mit diesen Daten? Nun, zum einen sind die Versicherungen stark daran interessiert, den Ärzten mehr als bisher auf die Finger zu schauen. Plausibilitätskontrollen der ärztlichen Abrechnung waren im ambulanten Bereich bisher Sache der Kassenärztlichen Vereinigungen. Hier wollen künftig auch die Krankenkassen mitmischen, um schwarze Schafe schneller zu enttarnen. Dabei müssen aber offensichtlich erst noch Hausaufgaben gemacht werden. Zwar liegen den Krankenkassen mittlerweile die patientenbezogenen Daten der ersten drei Quartale 2004 vor. Doch können die meisten Kassen damit noch nicht viel anfangen: „Die Datenverarbeitung bei den Krankenkassen ist entwicklungswürdig“, wie es ein Insider kürzlich formulierte. Mit anderen Worten: Es gibt zwar furchtbar viele Daten, aber noch keine qualifizierten Programme, um sie auszuwerten, zumindest auf Kassenseite.

Für die Industrie beginnt eine neue Ära der Marktbeobachtung

Etwas anders ist das beim zweiten großen Interessenten an den medizinischen Versorgungsdaten, nämlich bei der pharmazeutischen Industrie. Hier war man bei der Entwicklung von Auswertungssoftware schneller als die Kassen. Erste Produkte stehen zur Verfügung und können eingesetzt werden. Marktbeobachtung im Pharmasektor setzte bisher meist am „Point of sale“ an, also in der Apotheke oder im nachgeschalteten Apothekenrechenzentrum, wo die gepoolten Verschreibungsdaten zusammenlaufen. Dank der Übermittlung patientenbezogener Daten gibt es jetzt aber neue Möglichkeiten. Die Firma NDC-Health beispielsweise, die (wie andere Firmen) im Auftrag der pharmazeutischen Industrie Marktbeobachtungen anstellt, hat zusammen mit dem Münchener Datenbankspezialisten Panoratio unter dem Namen Patienten Tracking eine hoch leistungsfähige Software präsentiert, die pharmazeutischen Unternehmen ungeahnte Einblicke in das Verschreibungsverhalten der Ärzte ermöglicht. NDC Health erwirbt dazu aktiv Patientendatensätze, deren Auswertung dann von interessierten Firmen bei NDC „eingekauft“ wird.

Kassen, Firmen – Aber wo bleibt der Patient?

Aktuell sind die Daten von über sechs Millionen Patienten im Pool, davon zwei Millionen mit mehr als vier Verordnungen. Die Daten entstammen allen Bundesländern und sind regional auswertbar. Die Software erlaubt erstmals in Sekundenschnelle Längsschnittuntersuchungen, die dem Unternehmen, das sich die Dienstleistung einkauft, beispielsweise zeigen, wie lange seine Präparate bei einzelnen Patienten in bestimmten Regionen verschrieben werden, wie viele Neueinstellungen es gegeben hat, welche Begleitmedikation eingenommen wird und durch welches andere Präparat ein Präparat bei einer Umstellung gegebenenfalls ersetzt wird. Weil die Daten patientenbezogen sind, sind diese Beobachtungen über die Arztpraxen hinweg möglich, und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb der Facharztgruppen. Beispiel Vioxx®: Anhand der NDC-Datensätze könnte rekonstruiert werden, was Ärzte in allen Einzelfällen als Reaktion auf den Rückzug des Präparats vom Markt getan haben. Es könnte nachvollzogen werden, was mit den anderen Coxiben passierte und durch welche Präparate Vioxx® jeweils ersetzt wurde. Spannend ist die Frage, woher diese Daten stammen. Sie bleibt bisher dezidiert unbeantwortet. „Kein Kommentar“, heißt es dazu bei den beteiligten Firmen unisono. Der Kreis derer, die als Datenhändler in Frage kommen, hat sich durch die patientenbezogene Datenübermittlung über die Apothekenrechenzentren hinaus deutlich erweitert, unter anderem in Richtung Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen. Doch darüber reden möchte niemand. Fazit: Transparenz im Gesundheitswesen ist weiterhin nichts, was die Öffentlichkeit etwas angeht. Kassen wollen transparente Ärzte. Pharmaunternehmen wollen transparente Versicherte. Nur der Patient, der weiß auch heute nicht mehr als vorher von dem, was mit seinen Daten so passiert.

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