Kliniken aller Länder, vereinigt euch!

22. April 2005
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Um Touristen im Ausland gewisse Mindeststandards der medizinischen Versorgung zu garantieren, tüfteln Reisemediziner an einem weltweiten Telemedizinnetz. Die Idee: Kliniken in der Pampa werden zertifiziert und via Satellit mit der Heimat des jeweiligen Patienten verbunden. Kommt die Globalisierung des Hausarztes?

Naturkatastrophen, Infektionskrankheiten, Terror und Kriege: Die Welt hat sich in den letzten Jahren wahrlich nicht von ihrer freundlichsten Seite gezeigt. Wer aber glaubte, dass die Menschen angesichts eines Straußes an Bedrohungen lieber auf der eigenen Scholle verweilen, der sieht sich getäuscht. Der eigene Vorgarten, das nahe Mittelgebirge, die heimische See, sie alle wurden und werden von den Deutschen geschätzt. Doch daran, dass im Mittel immer mehr Menschen immer mehr Reisen in immer weiter entfernte Gegenden unternehmen, haben weder SARS noch Tsunami noch Bin Laden etwas geändert. Vor allem der rüstige Rentner entdeckt zunehmend die weite Welt. Rund zwölf Millionen Deutsche im Rentenalter begeben sich im Moment jährlich auf etwa zwanzig Millionen Urlaubsreisen. Das sind fast doppelt so viele wie vor zwölf Jahren. Jeder vierte Deutsche auf Reisen ist über sechzig, Tendenz steigend. Vor allem Auslandsreisen werden unternommen: Fast zwei Drittel aller Reisen führen Senioren über die Bundesgrenzen hinaus. Immerhin jeder zehnte verlässt Europa. Insgesamt absolvieren 45 Millionen Deutsche pro Jahr mindestens eine Auslandsreise. Zwei Drittel davon gehen in Länder mit erhöhtem Gesundheitsrisiko.

Nach dem TÜV fürs Auto kommt jetzt der TÜV für die Kliniken

Medizinisch gesehen gibt es bei einer derartig reisefreudigen Bevölkerung klar Handlungsbedarf: Wenn immer mehr Leute in immer höherem Alter verreisen, dann steigt der Bedarf nach medizinischer Versorgung fernab vom Heimatland zwangsläufig an. Wer sich in einer solchen Situation nicht gleich ausfliegen lassen will oder kann, ist auf die einheimische Medizin angewiesen. Doch die Spreu vom Weizen zu trennen, ist im Ausland sicher nicht einfacher als daheim. Das sahen auch einige Reise- und Flugmediziner so, die deswegen TEMOS erfunden haben, ein Telemedizinnetzwerk für Reisende und ihre Ärzte. TEMOS steht für „Telemedicine for the mobile society“. Es wurde unter der Schirmherrschaft der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA als Gemeinschaftsprojekt mehrerer Institutionen entwickelt. Dazu gehören das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln, das Institut für Flugmedizin der RWTH Aachen und das Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf. Der Öffentlichkeit präsentiert wurde TEMOS kürzlich auf dem Forum Reisen und Gesundheit am Rande der Internationalen Tourismusbörse in Berlin. TEMOS besteht aus drei Teilen. Zunächst soll ein Netzwerk von Kliniken etabliert werden, die von Touristen fernab der Heimat aufgesucht werden können. Diese Kliniken werden von den beteiligten Zentren nach genau festgelegten Kriterien evaluiert und erhalten dann eine Art TÜV-Zertifikat. Es bestätigt, dass bestimmte Grundregeln der medizinischen Versorgung eingehalten werden.

Neu Delhi und Griechenland sind schon online

Dabei geht es natürlich um die Hygiene, aber auch um die Ausstattung der Operationssäle und um alltägliche Dinge wie Müllentsorgung und Essen. Werden alle Voraussetzungen erfüllt, dann weiß der Reisende zwar nicht, dass die ihn versorgenden Ärzte auch kompetent sind. Er hat aber die Gewähr, dass in dem Haus, das er aufsucht, gewisse Mindeststandards eingehalten werden, die dann auch im weiteren Verlauf kontrolliert werden. Ein Zertifikat, für das von der Klinik ein moderater Betrag an das TEMOS-Netzwerk überwiesen werden muss, hat eine Haltbarkeit von zunächst drei Jahren. Die Einhaltung der Kriterien wird in diesem Zeitraum stichprobenartig kontrolliert. Die ersten Kliniken haben das Verfahren bereits durchlaufen und ein Zertifikat erhalten. Es handelt sich um das Privat Hospital Dr. Sachdev in Neu Delhi und um insgesamt 25 Kliniken in Griechenland. Neben Indien und Griechenland soll auch die Türkei bald über zertifizierte Kliniken verfügen. Das Interesse gerade in der Türkei sei sehr groß, wie Professor Rupert Gerzer betonte, der Direktor des Kölner Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin. Reisende können eine Liste der bereits zertifizierten Kliniken über die TEMOS-Seiten des Düsseldorfer Centrums für Reisemedizin abrufen und sie sich bei Bedarf ausdrucken oder ansehen.

„Hallo Hausarzt, wir haben hier Ihren Patienten…“

Die Zertifizierung von Kliniken als Orientierungshilfe für Reisende vor Ort ist aber nur ein Pfeiler von TEMOS. Ebenfalls zusammengestellt werden umfassende Informationen zu den einzelnen Reiseländern, wie sie etwa für Griechenland bereits vorliegen. Das nächste wirklich größere TEMOS-Projekt aber ist die Einbeziehung von Ärzten des Herkunftslandes für Telekonsile. Dies geschieht mittels Videokonferenztechnik. Wie in Berlin mitgeteilt wurde, seien bisher allein mit Neu Delhi von Ärzten der Universität Aachen vier derartige Konferenzen durchgeführt worden. Künftig soll es auch für den betreuenden Arzt möglich sein, mit den behandelnden Ärzten in der Ferne in Kontakt zu treten, wenn das erforderlich sein sollte. Ebenfalls geplant ist ein interkontinentales E-Learning-Programm, um den Standard der medizinischen Versorgung in den zertifizierten Krankenhäusern aktiv zu verbessern.

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