Darmkrebs: Eine florierende Angelegenheit

16. Januar 2014
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Ergebnisse einer aktuellen US-amerikanischen Studie zeigen: Darmkrebs ist offenbar mit einer veränderten Darmflora assoziiert – eine Chance, das Risiko zu erkranken über Nahrung und Medikamente zu minimieren?

Eine dichte und vielfältige Mikrobengemeinschaft besiedelt den menschlichen Darm: Das intestinale Mikrobiom. Für die Gesundheit des Menschen spielt es eine wichtige Rolle, da das Mikrobiom vielfältige Funktionen im Organismus übernimmt. So sorgen die zahlreichen Mikroorganismen im Darm beispielsweise für die Zersetzung ansonsten unverdaulicher Stoffe, stellen Vitamine her, stimulieren das Immunsystem und verdrängen sogar Pathogene. Doch kann eine ungünstige Mikrobengemeinschaft im Darm auch die Entstehung von Darmkrebs begünstigen?

Veränderte Mikroflora mit zahlreichen Erkrankungen assoziiert

Verschiedene Störungen des menschlichen Verdauungstraktes wie entzündliche Darmerkrankungen, das Reizdarmsyndrom oder Fettleibigkeit gehen mit einer veränderten Mikroflora einher. Hier stellt sich jedoch ein ähnliches Problem wie bei Henne und Ei: Was war zuerst da, die Darmerkrankung oder die aus dem Gleichgewicht geratene Mikrobengemeinschaft? Die kausalen Zusammenhänge zwischen gestörter Darmflora und verschiedenen Erkrankungen konnten wissenschaftlich bisher noch nicht gänzlich geklärt werden.

Erste Vergleichsstudie

Bereits seit einigen Jahren vermuten Wissenschaftler auch einen Zusammenhang zwischen der menschlichen Darmbesiedlung und der Entstehung von Darmkrebs. Epidemiologische Vergleichsstudien zwischen Patienten mit Darmkrebs und Gesunden gab es dazu bisher nicht. Wissenschaftler der University School of Medicine in New York, USA, haben nun anhand von Stuhlproben das Mikroben-Vorkommen bei 47 Darmkrebspatienten mit dem von 94 gesunden Menschen verglichen. Die Stuhlproben stammen von frisch diagnostizierten Darmkrebspatienten über einen Zeitraum von zwei Tagen. Vor Beginn der Behandlung sammelten die Wissenschaftler außerdem Daten zu Ernährungsgewohnheiten und Demographie der Patienten.

Ribosomen-RNA – einmalig und universell

Im menschlichen Verdauungstrakt befinden sich etwa 1014 Bakterien, die meisten von ihnen im Dickdarm. Um die Mitglieder des Darmmikrobioms einzeln zu erfassen, nutzten die Wissenschaftler die Analyse der mikrobiellen 16S Ribosomen-RNA (rRNA). Sie besitzt konservierte Regionen, wodurch sie leicht zu vervielfältigen ist. Mithilfe der hochvariablen Regionen der rRNA hingegen lassen sich die einzelnen Spezies eindeutig identifizieren. Wenn Wissenschaftler beispielsweise alle 16S rRNAs einer Stuhlprobe sequenzieren, erfassen sie damit gleichzeitig bekannte und unbekannte, selten und häufig vorkommende Spezies und erhalten so ein umfassendes, realitätsnahes Bild der Darmbewohner ihres Probanden. Diese molekulargenetische Herangehensweise ist wesentlich genauer als früher praktizierte Untersuchungsmethoden, bei denen die Bakterien vor der Analyse erst isoliert und vermehrt werden mussten. Konnte sich bei diesem Schritt eine Bakterienart nicht durchsetzen, fiel sie durchs Raster.

Geringere Vielfalt und weniger entzündungshemmende Bakterien

Zahlreiche Studien haben bereits belegt, dass das menschliche Darmmikrobiom hauptsächlich aus den Stämmen der Bacteroidetes (meist Bacteroides oder Prevotella Spezies) und der Firmicutes (meist Clostridium und Lactobacillus Spezies) zusammengesetzt ist – allerdings zu äußerst variablen Anteilen. Die aktuellen Untersuchungen der New Yorker Wissenschaftler zeigen, dass Darmkrebspatienten insgesamt eine geringere Vielfalt bei der Zusammensetzung der Darmmikroben aufweisen als gesunde Menschen. Auch das Vorkommen bestimmter Bakterien unterschied sich bei Darmkrebspatienten deutlich von dem Gesunder: Bei den Darmkrebspatienten fanden die Wissenschaftler etwas mehr Bakterien des Stamms Bacteroidetes (16,2%) als bei gesunden Probanden (9,9%). Gleichzeitig hatten die Firmicutes bei den Darmkrebspatienten abgenommen (74,0% vs. 80,3%). Unter den Firmicutes hatten die Clostridien die meisten Verluste zu beklagen (68,6% vs. 77,8%). Die grampositiven Clostridien, allen voran Coprococcus, fermentieren im Darm Ballaststoffe und andere komplexe Kohlenhydrate zu Butyrat. Wissenschaftler vermuten, dass dieser Darmmetabolit chronische Darmentzündungen und die Entstehung von Darmkrebs verhindern kann. „Andere Studien haben bereits bestätigt, dass Clostridien im unmittelbaren Tumorgewebe seltener vorkommen als im übrigen Darmgewebe“, schreiben die Wissenschaftler.

Die Gattung Fusobacterium kam bei Darmkrebspatienten hingegen häufiger vor als bei Gesunden (31,9% vs. 11,7%). Diese Bakterien wurden bereits mit der Entstehung einer Colitis und mit Parodontalerkrankungen in Verbindung gebracht, die wiederum das Auftreten von Darmkrebs begünstigen können. „Auch in diesem Punkt zeigen andere Studien in dieselbe Richtung: Fusobacteria wurden vermehrt in Darm-Tumorgewebe und bei Rektalabstrichen von Darmkrebspatienten entdeckt“, ordnen die Studienautoren ihre Ergebnisse ein.

Ähnliches gilt für die Gattungen Atopobium und Porphyromonas, die ebenfalls gehäuft in den Stuhlproben von Darmkrebspatienten nachgewiesen wurden. Atopobium, das grampositive, anaerobe Bakterium, wurde bereits mit Morbus Crohn in Verbindung gebracht und kann in vitro das Absterben von Darmkrebszellen verhindern. Porphyromonas kommt im Mund und im Gastrointestinaltrakt des Menschen vor und ist ebenfalls mit Parodontalerkrankungen assoziiert.

Krebsrisiko über Darmflora beeinflussbar?

Zwischen dem Darmmikrobiom und Darmkrebs scheint es offenbar eine Verbindung zu geben. „Da wir die Proben erst nach der Krebsdiagnose genommen haben, können wir die Frage, in welchem kausalen Zusammenhang die veränderte Darmflora und Darmkrebs stehen, noch nicht beantworten“, so Studienkoordinator Prof. Dr. Jiyoung Ahn. Und obwohl die Wissenschaftler auf fehleranfällige Anzuchtmethoden verzichteten, weist ihre Studie dennoch Schwachpunkte auf, denn die schleimhautassoziierten Bakterien wurden bei der Analyse der Stuhlproben nicht berücksichtigt. „Diese könnten aufgrund der räumlichen Nähe sogar noch enger mit der Entstehung von Darmkrebs in Verbindung stehen als die von uns erfassten Bakterien“, räumen die Autoren ein. Weitere Untersuchungen sollen diesbezüglich mehr Klarheit schaffen. Eine Vermutung lässt sich aus der vorliegenden Studie jedoch bereits vorsichtig formulieren: Wenn Darmkrebs die Folge einer andersartigen bakteriellen Darmbesiedlung ist, dann ließe sich das Krebsrisiko durch Ernährung oder Medikamente eventuell beeinflussen.

160 Wertungen (4.68 ø)

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23 Kommentare:

Lutz Kasberg
Lutz Kasberg

Es wäre natürlich eine gute Sache, wenn dieses hier von Frau Schmitzer aufgebrachte Thema weiter diskutiert würde (zumindest von denen, die sich näher dafür interessieren. Sonst geschieht es so wie oft, das Wellen von neuen Informationen zu verschiedenen Themen heranrollen und keine “Zeit” für eine Vertiefung des Wissens und vielleicht auch der Erkenntnis stattfindet.

#23 |
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Gast
Gast

Gibt es Hinweise, was für einen Einfluss die übliche medikamentöse Therapie des M. Crohn auf die Darmmikrobiologie hat?

#22 |
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Birgit Wiegand
Birgit Wiegand

Mit Morbus Crohn ist keine höheres Risiko an Darmkrebs zu erkranken assoziiert, wie passt dass also?

#21 |
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Heilpraktikerin Brigitte Gotter
Heilpraktikerin Brigitte Gotter

Was täglich gegessen wird und wie gegessen wird – zu wenig gekaut, zu große Brocken geschluckt usw. – beeinflusst die Darmflora mit. Bei vielen Eiweißen, schlechtem Kauen und hohem ph-Wert kann sich dies z. B. in einer hohen Zahl Chlostridien spec. äußern. Bei täglich zu vielen Kohlenhydraten vermehren sich die Kohlenhydrat spaltenden Darmbakterien usw. Beides kann zum Blähbauch, Unwohlsein und Bauchschmerzen führen.

#20 |
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Heilpraktiker Karlheinz Sauer
Heilpraktiker Karlheinz Sauer

Ich gebe Herrn Dr.med. Christian Lentrodt recht, wichtig ist was wir essen. Dieser Artikel müsste eigentlich nicht bei den Medizinern landen, sondern in unserer Lebensmittelindustrie bei unseren Ministern, (die sich ja verantwortungsvoll um uns kümmern, mit einer Ampel für die Ernährung, komisch die sind nicht unbedingt ein Vorbild) und bei den Konsumenten, damit sie endlich bei der Ernährung schon für das richtige entscheiden können.
Wir werden immer dicker und unsere chronischen Leiden nehmen immer stärker zu. In den Naturheilpraxen wird sehr stark auf “Darmsanierung” gesetzt. Warum wohl, da ist es schon lange bekannt.
Der Darmkrebs ist ja nicht gleich da, sondern entwickelt sich im Laufe der Zeit. Wenn er aber da ist soll er gleich wieder weg. Am besten ohne meine Ernährung/Verhalten zu verändern.
Prof. Enderlein hat es ganz gut formuliert. “Der Erreger ist nichts, das Milleu ist alles”

Viele Grüße
Karlehinz Sauer

#19 |
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Nichtmedizinische Berufe

Liebe Frau Schmitzer,

vielleicht kann ich hier aushelfen.
Im menschichen Darm finden wir mehrer Phyla. Der Aufbau ist in etwa so:

Firmicutes (40-50%; grob gesagt Gram-positive)
– Clostridium, Coprococcus, Lactobacillus, Faecalibacterium

Bacteroidetes (40-50%, Gram-neagtive)
– Bacteroides, Porphyromonas, Prevotella

Actinobacteria (bis zu 10%)
– Bifidobacterium, Atopobium

Verrucomicrobiota (bis zu 10%)
– Akkermansia

Proteobacteria (< 1%)
– Enterobacteriacae incl. E. coli

Und bezüglich Atopobium gibt es glaube, ich ein "Dreher", siehe Kommentar von Frau Dr. Schoefer. Atopobium hat also eher positive Effekte.

Beste Grüße

Andreas Schwiertz

#18 |
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Medizinjournalistin

Liebe Frau Dr. Schoefer,

vielen Dank für Ihre Hinweise zur Bakterientaxonomie, die ich zugegebenermaßen noch nie gänzlich durchdrungen habe.

Die Passage zu Coprococcus lautet im Originalartikel folgendermaßen:

Within Firmicutes, the relative depletion was most prominent for the class
including Coprococcus and other taxa in the family Lachnospiraceae.

Die Passage zu Atobium lautet wie folgt:

Atopobium, a Gram-positive anaerobic bacterium, is associated with Crohn’s
disease and reported to inhibit colon cancer apoptosis in vitro.

Inwiefern ist mein Zitat ” Atopobium, das grampositive, anaerobe Bakterium, wurde bereits mit Morbus Crohn in Verbindung gebracht und kann in vitro das Absterben von Darmkrebszellen verhindern” denn falsch?

Herzliche Grüße

Sonja Schmitzer

#17 |
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Nichtmedizinische Berufe

Nicht das Acetat sondern die Milchsäure macht es sauer. Und beim Menschen werden Acetat und Laktat zu Butyrat umgebaut ;-)

Es gibt da ganz tolle Arbeiten von der Arbeistgruppe Flint am Rowett in Aberdeen, einfach mal PubMed oder Google Scholar durchsuchen.

#16 |
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Dipl. Ing. agr Rainer Libal
Dipl. Ing. agr Rainer Libal

Fazit: Mehr Faser und ein gesunder Rohkostanteil in der Nahrung, aber nicht zu viel! Wenn zu viel Rohkost, dann überwiegt nicht Butyrat sondern Azetat und das wird leicht zu sauer. Holzrauch vermeiden (fällt mir soo schwer, ich bin ein Räucherfisch-Addict.) Dann wird es das auch für die Schleinhautpopulation richten. Habe ich schon vor knapp 40 Jahren an der Uni so gelernt.

#15 |
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Dr. Lilian Schoefer
Dr. Lilian Schoefer

Kleiner Hinweise: Bacteroidetes und Firmicutes sind keine Stämme sonder Phyla. Taxonomisch sind die beiden voneinander ebenso weit entfernt wie Molusken und Wirbeltiere. Und noch etwas Coprococcus gehört nicht zu den Clostridien. Auch sollten sie ihren Absatz mit Atopobium recherchieren. Atopobium wird eben NICHT negativ assoziert. Die zitierten Arbeiten sollten auch korrekt zitiert werden: “…that A. minutum possesses similar advantageous, anti-cancerous activity”. Es ist also genau umgekehrt.

#14 |
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Frau Monika Schreck
Frau Monika Schreck

„Wer stark, gesund und jung bleiben will,
sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft
und heile sein Weh eher durch Fasten
als durch Medikamente.“

Hippokrates 460 – 370 v. Chr.

#13 |
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Vielen Dank für diese schöne Übersicht. Wenn wir aber über die Besiedlung des Darms bzw. über Darmerkrankungen sprechen, sollte auch die Schleimhautimmunität betrachtet werden. Es wäre schon sehr interessant welche Faktoren im Falle von Darmkrebs verändert sind. Bereits die Direktion der T-Zellen spielt hier eine Rolle. Das System Henne und Ei ist also leider zumindest um den Faktor Hahn komplizierter.

#12 |
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Dr.med. Christian Lentrodt
Dr.med. Christian Lentrodt

Absolut richtig, nur dürfte eine Nahrungsumstellung primär indiziert sein, um nicht immer wieder (d.h. täglich!) zu Colonveränderungen zu kommen! Medikamente können aber nur ersetzen bzw. aushelfen, die Basis ist immer das von oben in den Darm kommende Nahrungsmittel!!!
Also “nicht Ohrfeigen geben” und hinterher überlegen, welches Schmerzmittel ich dann verabzureichen gedenke!
Grüße vom ganzheitlich denkenden Dr.Lentrodt

#11 |
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Lutz Kasberg
Lutz Kasberg

Es wäre natürlich interessant auch auf die verschiedenen Mitglieder der “Cholstriedienfamilie” einzugehen, die ja auch (der die von ihnen produzierten Toxine) beim Thema Autismus eine Rolle spielen sollen. Bisher wurde im Bereich der Darmflora noch viel zu wenig geforscht.

#10 |
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Lutz Kasberg
Lutz Kasberg

Die Erfahrung sagt, daß man die Zusammensetzung der Darmflora durchaus dauerhaft verändern kann. Dabei spielen dann aber auch Ernährungsgewohnheiten, die Auswirkung von Medikamenten und evtl. auch Zusatzstoffe in der Nahrung wie Geschmacksverstärker etc. eine Rolle. Und in der Regel muß natürlich die Mikroflora durch entsprechende Präparate modifiziert werden und das über einen längeren Zeitraum.

#9 |
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Heilpraktikerin Brigitte Gotter
Heilpraktikerin Brigitte Gotter

Darmflorauntersuchung basiert ja eigentlich nur auf dem Florastatus – was verlässt den Darm. Welche Mikroben direkt auf der Darmschleimhaut angesiedelt sind, kann ja so nicht gesehen werden! Wie Chlostridium difficile zu Darmkrebs einzustufen ist, ist hier nicht berücksichtigt. Es ist bekannt, dass diese pathologische Darmflora an Krebs beteiligt ist!

HP Brigitte Gotter

#8 |
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Lutz Kasberg
Lutz Kasberg

Sehr interessanter Artikel. Vielem Dank Frau Schmitzer für die geleistete Arbeit, die dahinter steckt.

#7 |
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Was sagt die Erfahrung: Kann man die Zusammensetzung der Darmflora überhaupt dauerhaft verschieben oder pendelt sie sich bei einem Menschen immer wieder auf den selben Stand ein?

#6 |
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Carmen Katharina Emmerich
Carmen Katharina Emmerich

Danke Frau Schmitzer – wie (fast) immer superguter Artikel
Sag ich doch schon immer als ganzheitlich arbeitende Zahnärztin: behandelt den Darm und die Ernährung bei Paro!

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrter Herr Dr. Schott,

die Quellenangaben befinden sich verlinkt im Fließtext, die Studie der University School of Medicine in New York finden Sie auch noch einmal hier:

http://jnci.oxfordjournals.org/content/early/2013/11/27/jnci.djt300.abstract

Viele Grüße

Ihr DocCheck News-Team

#4 |
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Dr. med. Claus Schott
Dr. med. Claus Schott

Bitte Quellenangabe. Dies ist ein wichtiger Artikel!

#3 |
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Anton Bentele
Anton Bentele

Mal was mit Vernunft

#2 |
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Heilpraktikerin

Toller Artikel, Frau Schmitzer. Danke.

#1 |
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