Überwachung aus der Ferne

6. Mai 2005
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Projekte, nichts als Projekte an der Telemedizinfront? Nicht ganz: Die Zeiten ändern sich. Zum ersten Mal bietet jetzt eine Krankenkasse einen flächendeckenden Telemonitoring-Service als integrierte Versorgung an. Herzkranke können künftig deutschlandweit online gehen.

Telemedizinische Überwachungssysteme sind kein Selbstzweck. Sie können in vielen Situationen sehr nützlich sein. Doch weil sie Geld kosten, sollte die Gretchenfrage der Telematik stets von Neuem gestellt werden: „Könnte ich dasselbe nicht genauso gut auch ohne machen?“ Lautet die Antwort „nein“, dann darf das Basteln losgehen.

Kleine BKK hat Großes vor: Erstmals „Telemedizin auf Rezept“

Eine Indikation, bei der seit Langem bekannt ist, dass Patienten von einem Fernüberwachungssystem profitieren, ist die chronische Herzschwäche. Schon in den achtziger Jahren wurden vereinzelt Monitoringprojekte mit Herzpatienten ins Leben gerufen. Um die Jahrhundertwende herum machten sich dann vor allem in den USA Versicherungen und Managed Care-Organisationen daran, sie differenziert zu evaluieren. Der DocCheck-Newsletter hat wiederholt über solche Studien berichtet. Auch in Europa wurde unter dem Namen TEN-HMS eine entsprechende Untersuchung aufgelegt. Die Ergebnisse waren immer ähnlich: Ein leicht zu bedienendes System, das engmaschig Blutdruck und Körpergewicht, eventuell auch das EKG überwacht, nutzt den Patienten. Es führt dazu, dass die Betroffenen seltener in die Klinik müssen, dass Klinikaufenthalte, wenn unvermeidbar, kürzer sind und dass die Sterblichkeit gesenkt wird. In den USA haben eine Reihe von Versicherungen schon vor Jahren die Konsequenz aus diesen Resultaten gezogen und für ihre herzkranken Patienten entsprechende Angebote entwickelt. In Deutschland gab es das bisher nicht, jedenfalls nicht flächendeckend. Die erste Krankenkasse, die jetzt im Rahmen eines Vertrags für die integrierte Versorgung gemäß §140a SGB V über ihren Schatten springt, ist die Taunus BKK. Die mit knapp 800.000 Versicherten eher kleine Krankenkasse bietet herzinsuffizienten Versicherten seit Neuestem die Möglichkeit zum Home-Monitoring.

Ein Kardiologe ist stets Ohr

Partner der Taunus BKK ist die Personal HealthCare Telemonitoring Services GmbH, der wohl größte Anbieter von Telemonitoring-Dienstleistungen in Deutschland. Die Düsseldorfer gehörten ursprünglich zur Firma Philips, die sich jedoch im vergangenen Jahr aus dem Programm zurückzog. Die PHTS firmiert seither als unabhängige Gesellschaft, die ihre Dienstleistungen, vor allem Tele-EKG-Systeme, individuell und meist an Selbstzahler vertreibt. Die PHTS bietet ein rund um die Uhr von Kardiologen besetztes Call Center, in dem die übermittelten Daten zusammenlaufen, Notfallmaßnahmen eingeleitet werden können und der Kontakt zu den behandelnden Ärzten gehalten wird. Interessierte Taunus BKK-Versicherte mit Herzinsuffizienz erhalten ein telemetrisches Blutdruckmessgerät und eine entsprechende Waage. Wer etwas schwerer krank ist, erhält zusätzliches ein mobiles EKG-Gerät. Die Patienten werden in die Benutzung der Geräte eingeführt und angewiesen, wann und wie oft sie sie einsetzen sollen. Die Datenübertragung erfolgt automatisch per Telefonleitung. Die Daten landen zunächst in der elektronischen Patientenakte des Callcenters und werden dort dann automatisch ausgewertet. Werden zuvor individuell festgelegte Grenzen über- oder unterschritten, so wird ein Alarm ausgelöst. Was dann passiert, hängt von der Situation ab. Es können Notfallmaßnahmen eingeleitet werden. Es wird die Dosierung von Medikamenten geändert. Oder es wird zum Besuch des betreuenden Arztes geraten, der über den Alarm in jedem Fall informiert wird. Unabhängig davon hat der Patient jederzeit die Möglichkeit, das Callcenter zu kontaktieren. Und auch das Callcenter meldet sich regelmäßig bei dem Patienten, um eine kontinuierliche Betreuung zu gewährleisten, die die medizinische Betreuung durch den behandelnden Arzt ergänzt, nicht ersetzt.

Monitoring schneidet besser als jeder Betablocker

Professor Harald Korb, der Ärztliche Direktor bei PHTS, ist vom Nutzen seines Angebots überzeugt: „Studien haben gezeigt, dass telemedizinische Betreuung, die zusätzlich zur normalen Behandlung stattfindet, bei Patienten mit chronischer Herzschwäche den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst“, so Korb. Eine immer wieder zitierte Untersuchung ist eine im International Journal of Cardiology publizierte Arbeit aus Israel, bei der die Zahl der Hospitalisierungstage pro Patient und Jahr durch Telemonitoring um bemerkenswerte 78 Prozent reduziert wurde. Eine solche Quote wird selbst von Betablockern nicht ohne weiteres erreicht, wenngleich einschränkend gesagt werden muss, dass sich eine Monitoring-Studie nicht blinden lässt und dass diese spezielle Untersuchung nicht randomisiert war. Doch auch die randomisierte TEN-HMS-Studie brachte neben einer signifikant geringeren Mortalität eine Reduktion der Hospitalisierungstage, und zwar um 26 Prozent gegenüber einer rein telefonischen Fernbetreuung durch eine Krankenschwester – bei zehn Prozent geringeren Kosten. Neben dem klinischen Nutzen betont Korb immer wieder den psychologischen Faktor, den er auch durch Patientenbefragungen untermauern kann. „Für Patienten bedeutet dies auch Entspannung: Die Angst, dass Hilfe zu spät oder gar nicht kommt, wird genommen und das Wissen, dass man jederzeit sofort Hilfe per Telefon erhalten kann, macht das Leben leichter“. Ärzte, die mit ihren Patienten am Integrationsvertrag der Taunus BKK teilnehmen wollen, müssen ihre Patienten mindestens viermal im Jahr untersuchen und alle erhobenen Daten auch dem Callcenter zur Verfügung stellen. Sie erhalten dafür eine Sondervergütung von 35 Euro pro Patient und Quartal.

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