Soap Opera macht krank

6. Mai 2005
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Tonis Bauchschmerzen im TV-Soap "Marienhof" wirken ansteckend. Aus Sympathie leiden die Fans an den gleichen Symptomen und steigern sich gar in eine Magen-Darm-Infektion. Plagen Tanja aus der Serie "Verbotene Liebe" Kopfschmerzen, wird beim Zuschauer schnell eine Migräne draus. Neun von zehn Ärzten berichten, dass Patienten nach dem Fernsehereignis mit einer fertigen Selbstdiagnose die Praxis aufsuchen......

Le Malade Imaginaire und der Hypochonder

Le Malade imaginaire von Molière stammt aus dem Jahr 1673. Seine Hauptfigur, Monsieur Argan, wird mit seinen eingebildeten Krankheiten das Opfer übler Machenschaften seitens Ehefrau, Arzt und Apotheker. Er weiß das, aber wagt aus übersteigerter Sorge nicht, dagegen aufzutreten. Heute würde man Monsieur Argan als Hypochonder bezeichnen. Zu seiner Zeit, genauer gesagt 100 Jahre später, wurde Hypochondrie allerdings noch als „eine vom vielen Sitzen herrührende Unterleibskrankheit“ diagnostiziert. In der Neuzeit wurde Hypochondrie auch gern als Berufskrankheit von Dichtern und Denkern gesehen. Als Beweis gelten u.a. Voltaire, Rousseau, Schiller oder Heine, die ihren Briefen und Tagebüchern die tiefe Sorge um die eigenen Gesundheit anvertrauten.

Medien als moderne medizinische Ratgeber

Der moderne Hypochonder unterscheidet sich vom Klassiker durch seine selbst angeeigneten medizinischen Kenntnisse und dem Hang zur Selbstdiagnose. Fernsehen, Printmedien und Internet sind heute neben Freunden und Familie seine wichtigsten Ratgeber. Das bestätigt eine englische Studie des Norvich Union Healthcare Centers. Die Verantwortlichen der Studie unter der Leitung von Doug Wright fanden heraus, dass jeder dritte Patient die Krankheiten aus seiner Lieblings-Soap imitiert. 120 von 200 befragten Medizinern sind davon überzeugt, dass die Zunahme von Medizinthemen in Soaps, Lifesytyle-Sendungen und Zeitungen zu einer Zunahme von „eingebildeten“ Kranken führt. Die sehr detaillierte Darstellung von Krankheiten und deren Symptome in den Medien ermuntert zur Selbstdiagnose. Der Arzt wird letztlich nur noch zur Bestätigung des selbst herausgefundenen Befunds aufgesucht.

Arzt zwischen Soap Opera und Gerichtssaal

Medizinstatistiker des WHO haben ermittelt, dass 5-10% der Patienten einer Hausarztpraxis unter einer extremen Selbstbeobachtung leiden. Hypochonder zählen in dieser Gruppe zu den “Medizinexperten” unter den Laien. Weil sie über Jahre, meist zunehmend, nach Antworten auf ihre nie endenden Fragen zu ihrem Körper und seinen Symptomen suchen, bilden sie sich ganz nebenbei in medizinischen Dingen fort. Das ist die positive Seite. Für die Ärzte sind die selbst ernannten Diagnostiker eine undankbare Klientel. Behandlungsansätze verpuffen und das so genannte „doctor-shopping“ macht sie zur hilflosen Durchgangsstation. Noch schwerwiegender für die Ärzteschaft, weil rufschädigend, sind die auf Skandale und Sensationen ausgerichteten Darstellungen in den Medien.

Programmverantwortung statt Sensationsjournalismus

Die Selbst-Zensur der Journalisten und der Ruf nach seriösen Medizinern wurde 2003 auf einer Tagung zum Thema „Grenzen von Presse- und Wissenschaftsfreiheit in Deutschland und Tschechien seit 1871“ eindrucksvoll gefordert. „Gesundheit macht Auflage“ dürfe nicht mit Sensationsjournalismus erkauft werden. „Programmverantwortliche und Journalisten haben eine immense Verantwortung und sollten eine möglichst realistische, authentische und vor allen Dingen wahre Aufbereitung von medizinischen Themen sicher stellen“, so fordert auch Doug Wright.

Internet nicht schlechter als Print oder TV

Die Zahl der Gesundheitsportale im Internet nimmt erstaunliche Größenordnungen an, frei nach dem Motto „Gesundheit bringt Anzeigen“. Unterstützend wirkt, dass die medizinischen Ratgeber von Jung und Alt gleichermaßen oft und ausführlich genutzt werden. Wie steht es hier mit der Qualität? „Internet-Informationen medizinischen Inhalts sind keineswegs schlechter als vergleichbare gedruckte Publikationen oder Fernsehprogramme“, so das Ergebnis einer Untersuchung, die unter anderem vom Internetmedizinexperten Gunther Eysenbach durchgeführt wurde. Das Ergebnis war zu lesen im „Journal of the American Medical Association“. Eysenbach gibt hier unter anderem den Rat: „Patienten sollten ihren Arzt fragen, welche Websites oder zumindest welche Suchbegriffe er ihnen empfiehlt“.

Cybermedizin kratzt am Ego der Ärzte

Was halten die Ärzte vom Patientenwissen aus dem Internet? Sie fürchten erst einmal den Verlust ihres Informationsmonopols. Und das kratzt an ihrem Ego. Aber der Wissensdurst um die eigene Krankheit wird weiter zunehmen. So ist beispielsweise aus einer Genfer Studie bekannt, dass sechs von zehn Patienten bei ihrer Visite im Web weitere Meinungen zu ihrer Erkrankung einholen. Nur jeder zweite Arzt betrachtet das als willkommene Herausforderung. Das war im Jahr 2000. Und heute?

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