Aus dem Herzen der Rezeptur

23. Mai 2005
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Was tun, wenn Krankenkassen immer weniger Geld zu verteilen haben? Eine mögliche Antwort für Apotheker lautet, das Sortiment um frei verkäufliche Gesundheitsprodukte zu erweitern. Wie es gehen kann, machen seit Neuestem 20 Apotheken im Saarland vor. Sie verkaufen - Bier.

Dass sich mit qualitativ hochwertigen Babyartikeln für Apotheken ein erklecklicher Zusatzverdienst realisieren lässt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Angepeilt werden in erster Linie Besserverdienende, die für ihre Sprösslinge nur das Beste wollen und bereit sind, dafür auch etwas mehr Geld hinzulegen. Eine etwas andere Zielgruppe haben zwanzig Apotheken im Saarland im Auge, die in der regionalen Kooperation 1A-Gesund zusammengeschlossen sind: Sie haben seit Neuestem Bier im Sortiment.

Bier trinken und wohlfühlen – Nur in Ihrer Apotheke…

Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Nicht nur handelt es sich bei Karla, so der Handelsname, tatsächlich um ein allerdings im Alkoholgehalt auf etwa ein Volumenprozent reduziertes Biergetränk. Die beiden Sorten „Karla balance“ und „Karla well-be“ werden auch von einer echten Brauerei produziert. Wie der Name bereits nahe legt, handelt es sich dabei um das Brauhaus Karlsberg in Homburg/Saar, kein ganz neuer Name auf dem Markt für alkoholhaltige Erfrischungsgetränke. Die Entwicklung der neuen Biersorte wurde von Karlsberg und 1A-Gesund gemeinsam vorangetrieben. Die zwanzig Apotheken haben das Getränk dafür in der ersten Zeit exklusiv im Regal, bevor die Brauerei dann auch mit der Vermarktung in den 21.000 anderen Apotheken der Republik beginnen darf. Um sich von herkömmlichen Wellnessgetränken und supermarktüblichen Alkopops abzuheben, wurde das neue Bier gezielt mit Wirkstoffen aus der Apotheke aufgepeppt. „Die Idee trifft den Nerv der Zeit“, ist Manuel Meissner, Sprecher von 1A-Gesund, überzeugt, „man möchte sich, seinem Körper und Geist, Gutes tun“. Das Gute kommt bei „Karla“ durch verschiedene Extrakte und Zusatzstoffe ins Bier. „Karla balance“ setzt auf Ruhe und Ausgeglichenheit und versucht, seine beruhigende Wirkung durch Hopfen- und Melissenextrakte zu erreichen. „Karla well-be“ zielt etwas wolkig auf das körperliche und geistige Wohlbefinden, welches, so eine Mitteilung der Brauerei, für viele Menschen in der Mitte des Lebens von zentraler Bedeutung sei. Durch Zusatz von Sojaextrakten, Folsäure und Lecithin soll diese Sorte exakt auf die Konsumwünsche aktiver Menschen mittleren Alters abgestimmt sein.

Wellness-Bier ist nur die Spitze des Gesundheitsprodukte-Eisbergs

Gesundheitliche Bedenken lassen weder die Brauer noch die Apotheker gelten: „Als reines Naturprodukt bietet deutsches Bier einen hervorragenden Grundstoff für ein Gesundheitsgetränk“, sagt beispielsweise Dr. Richard Weber, der Geschäftsführer der Gesellschafter der Karlsberg Brauerei. Dass Tabak oder Hochprozentiges auch reine Naturprodukte sind, und Mentholzigaretten oder Whiskey mit gutem Grund nicht in Apotheken verkauft werden, erwähnt Weber nicht. Unabhängig davon, ob einem Apothekenbier nun schmeckt oder nicht, ist der Coup von 1A-Gesund nicht nur ein cleverer Marketingschachzug, sondern durchaus repräsentativ für einen Trend am Apothekenmarkt. Die Bedeutung der frei verkäuflichen Gesundheitsprodukte nimmt zu – nicht immer zur Freude der Mediziner. Ein von vielen Ärzten sehr kritisch gesehenes Geschäftsfeld, das sich viele Apotheken in den letzten Jahren erschlossen haben, ist das der Anti-Schnarch-Produkte. Von denen gibt es mittlerweile Hunderte auf dem Markt. Sie tragen phantasievolle Namen wie Schnarchschnuller, Snore Free oder Snore Stopper und kosten meist hohe zweistellige Eurobeträge. Sie wandern zu erheblichen Teilen rezeptfrei über den Apothekentresen, sofern sie nicht gleich in einem Antischnarchsupermarkt wie Schnarchshop.de erworben werden.

Schnarchbremsen: Stromschlag aus der Apotheke

Die Wirkmechanismen der Schnarchbremsen sind so vielfältig wie ihre Namen. So gibt es beispielsweise Geräte, die den Schläfer mit elektrischen Impulsen traktieren, sobald das Schnarchen beginnt. Nun ist es nicht so, dass Ärzte den Menschen nicht einen schnarchfreien Nachtschlaf gönnen würden. Die Sorge, die viele Schlafspezialisten umtreibt ist eher, dass die Diagnose von pathologischen Befunden durch die Schnarchbremsen verhindert oder verzögert wird. „Das mit Schnarchen einher gehende, obstruktive Schlafapnoesyndrom beispielsweise wird oft von den Ehepartnern bemerkt, denen nicht so sehr das Schnarchen Sorge macht, sondern die Atempause danach“, sagte Dr. Katrin Pilz von den DRK-Kliniken Mark Brandenburg kürzlich auf dem Deutschen Ärztekongress in Berlin. Diese gefährlichen nächtlichen Atempausen aber bringen die Schnarchbremsen nicht zum Verschwinden. Mit anderen Worten: Wer das Schnarchen kuriert und denkt, damit wäre alles gut, begeht unter Umständen einen fatalen Fehler, wenn es sich um ein Schlafapnoesyndrom handelt. Ähnlich reserviert wie bei den Schnarchbremsen sind viele Ärzte auch gegenüber der zunehmenden Zahl von Apotheken, die sich auf ein anderes „Gesundheitsprodukt“ spezialisiert haben, nämlich auf reisemedizinische Beratung. Hier allerdings vermischen sich medizinische und ökonomische Interessen, denn die reisemedizinische Beratung kann auch von Ärzten als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) abgerechnet werden. Die Apotheker jedenfalls haben gute Argumente in der Hand: Erstens wurde das Feld von den Ärzten lange stiefmütterlich behandelt. Und zweitens ist keineswegs für jeden Auslandsaufenthalt ein Arztbesuch erforderlich, sodass eine zusätzliche Filterstelle, zum Beispiel die Apotheke, durchaus angebracht erscheint.

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