Allergien: Nacktscanner fürs Essen

10. Januar 2014
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Gluten, Nüsse, Konservierungsmittel, Kalorien: Unsere Nahrungsmittel haben es in sich. Wer bestimmte Inhaltsstoffe nicht verträgt, musste bislang den Herstellerangaben vertrauen. Mit einem neuen Tool könnte es schon bald ein Labor für die Westentasche geben.

Nachdem Isabel Hoffmanns Familie beruflich aus den Staaten nach Europa zog, hatte deren 14-jährige Tochter mit unerklärlichen Problemen zu kämpfen: Tremor, Nesselsucht, ein niedriger Blutdruck und Schmerzempfindlichkeit waren die Symptome. Ärzte suchten vergebens nach Erklärungen. Grund genug für die Mutter, Rat bei Gordan Medical Associates zu suchen. Dort fanden Kollegen gleich mehrere Auslöser der gesundheitlichen Störungen: Hoffmanns Tochter verträgt kein Gluten. Auch war ihr Schlafzimmer hochgradig mit Aspergillus– und Penicillium-Arten kontaminiert. Kurz darauf zog die Familie um, und die junge Patientin begann mit einer Diät, um Klebereiweiß zu vermeiden. Bald ging es ihr deutlich besser.

Hilfe für chronisch kranke Patienten

Für Isabel Hoffmann, sie arbeitet als Unternehmerin, war die Sache damit längst nicht ausgestanden: “Wie viele Menschen leiden Tag für Tag? Und haben sich nahezu aufgegeben – mit chronischen Erkrankungen, ohne Hoffnung auf Besserung?” Doch jammern allein hilft wenig. Deshalb lautete ihr Beschluss, ein Labor für die Westentasche zu entwickeln, das Lebensmittel analysiert und Substanzen bewertet. Hersteller aus der Nahrungsmittelbranche sind zwar verpflichtet, Inhaltsstoffe anzugeben. Wer dem Kleingedruckten aber nicht traut, könnte durch transparente Materialien, sprich Glas oder Kunststofffolien, ein Produkt schon im Supermarkt unter die Lupe nehmen. Das nächste Thema: Essen Allergiker unterwegs etwas, müssen sie Angaben des Restaurants blind vertrauen – es sei denn, sie hätten die Möglichkeit, Messungen ad hoc durchzuführen. Außerdem sollte das Tool diverse Verunreinigungen respektive Zusatzstoffe bestimmen. Viele Ideen – nach entsprechenden Planungen ging es an die Umsetzung. Zusammen mit dem Mathematiker Dr. Stephen Watson machte sich Isabel Hoffmann an die Arbeit. Beide kalkulierten mit 100.000 US-Dollar für Forschung und Entwicklung, bekamen über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo sogar knapp 390.000 US-Dollar. Ganz klar, viele Menschen interessieren sich für gesunde Nahrung.

Intelligent rechnen

Das physikalische Prinzip entsprechender Messungen ist seit Jahrzehnten bekannt: Intensives Licht, die Entwickler verwenden einen Laser, strahlt auf Nahrungsmittel ein. Dabei entstehen niedrigenergetische Photonen, die von einem Detektor aufgefangen werden. Aus charakteristischen Absorptionsmustern ergibt sich, welche Substanzen in welcher Menge vorliegen. Spektroskopische Messungen laufen anders als enzymatische Tests in Echtzeit. Auf dem Markt gibt es bereits mehrere Geräte. Für die Entwickler wurde schnell klar, dass sie weniger mit der Hardware selbst punkten – sondern vielmehr mit einem intelligenten Algorithmus, der besser interpretiert, welche Substanz gerade erfasst wird. Genau das mache laut Hoffmann den entscheidenden Unterschied. Ihr Gerät erfasst Daten und sendet diese über eine App an Cloud-Services zur Auswertung. Von dort geht es zurück an das Smartphone. Alle Leistungen haben ihren Preis: Momentan kostet ein Gerät 320 US-Dollar – inklusive zwölfmonatiger Subskription für die Berechnung. Ab August 2014 wird das Gadget wahrscheinlich auf dem Markt erhältlich sein.

Essen 2.0

Dann können alle Interessierten selbst entscheiden, welche Speisen und Getränke auf den Tisch kommen. Hoffmann: “Wir essen so schlecht, weil wir es nicht wissen.” Beispielsweise tauchen Farbstoffe in diversen Produkten vom Schmelzkäse bis zum Brausepulver auf. Tartrazin wirkt allergieauslösend. In der Europäischen Union muss außerdem mit dem Hinweis “Kann die Aktivität und die Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen” gewarnt werden. Nüsse beziehungsweise Inhaltsstoffe aus Milch bekommen ebenfalls nicht allen Menschen. Wer auf Kalorien achtet, kann seine Speisen und Getränke ebenfalls unter diesem Aspekt bewerten. Über individuelle Analysen hinaus planen Entwickler, die Allgemeinheit vom Erfahrungsschatz profitieren zu lassen. Da auch Toxine und Informationen zum Gesundheitszustand erfasst werden, lassen sich Kontaminationen von Speis’ und Trank auch regional darstellen – eine wertvolle Hilfe für Entwicklungsländer. Bakterien oder Viren selbst identifiziert das Spektrometer momentan nicht. Passende Erweiterungen stehen jedoch auf der Agenda. Damit könnte die Hardware global zum Einsatz kommen, um Bedrohungen auf interaktiven Karten darzustellen. Je mehr Daten TellSpec sammelt, desto mehr Patienten profitieren – auch in der westlichen Welt. “Wir werden versuchen, ‘Fingerabdrücke’ verschiedener Lebensmittel zu erstellen und mit anderen Informationen in Verbindung zu bringen”, erklärt die Geschäftsführerin. In erster Linie denkt sie an gesundheitliche Probleme durch unsere Nahrung.

Standardisierung und Sicherheit

Dass Konsumenten – respektive Patienten – für Inhaltsstoffe von Lebensmitteln sensibilisiert werden, ist mehr als wünschenswert. Viele Messungen von Kalorien über Toxine bis hin zu geplanten Screens auf Viren oder Bakterien bewegen sich eindeutig in Richtung Medizin. Hier wird die US Food and Drug Administration (FDA) als Zulassungsbehörde genau hinsehen. Ihre Aufgabe: Sowohl die Hardware als auch die App selbst prüfen. Um verhängnisvolle Fehler zu vermeiden, sollte TellSpec darüber hinaus Maßnahmen zur regelmäßigen Kalibrierung verkaufter Geräte vorsehen. Bleibt noch zu klären, wie sicher Patientendaten in der Cloud wirklich sind.

65 Wertungen (4.6 ø)

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12 Kommentare:

Weitere medizinische Berufe

Wieder etwas, was den Betroffenen vorgauckelt, es sei ja sooo einfach, mit Allergien – Unverträglichkeiten – Intoleranzen umzugehen. Einfach scannen – und alle Probleme sind gelöst!
Dabei ist shcon alleine die Diagnose oft eine Suche im Heuhaufen – akribische Kleinstarbeit unter zusammenarbeit von Arzt – Ernährungswissenschaftler und Patient. Und wenn die Diagnose steht, dann reicht es nicht, einfach die entsprechenden Lebensmittel wegzulassen – sie müssen ersetzt werden, damit der Betroffene nicht ggf. in eine Mangelernährung reinsteuert!!
Einfach scannen reicht hier nicht aus – in der Regel bedarf es einer sehr ausführlichen und individuellen Beratung! Und das bedeutet, das der Betroffene Eigenverantwortung übernimmt!
Und Frau Stefanie Roché kann ich nur zustimmen: Die Analyse ist sehr aufwendig, vor allem wenn noch die rekombinaten bestimmt werden (z.b. ara h8 oder glym 4) – und sicherlich NICHT mit diesem Scanner zu erreichen. Der Betroffenen sich nur in einer falschen Sicherheit wähnen – und was dann??

Dafür gibt es doch die Fachleute!
Constanze Wach
Diplom Oecotrophologin

#12 |
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Annemarie Lippert
Annemarie Lippert

Wie soll das bitte funktionieren? Ja, ich habe die Erklärung im Text gelesen und nein, sie reicht nicht um mich zu überzeugen. Ich finde das ziemlich fragwürdig.

#11 |
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Ursula Johannimloh
Ursula Johannimloh

Grundsätzlich eine tolle Idee, vor allem für Allergiker.

Allerdings werden sich dieses Gerät nur diejenigen kaufen, denen “gesundes” Essen etwas wert ist.

Solange Nahrung billig, schnell verfügbar und im Überschuss produziert wird,
wird sich auch die Einstellung nicht ändern.
Vor einiger Zeit sollte mal die Lebensmittelampel zur gesundheitlichen Bewertung eines Lebensmittels eingeführt werden-
schon dieses einfache Mittel, Achtsamkeit zu fördern, ist gescheitert.

Essen und Trinken in guter Qualität benötigen wieder einen höheren Stellenwert als Technik, Reichtum und Zeitersparnis,
dann lösen sich viele Probleme von selbst.

#10 |
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Stefanie Roché
Stefanie Roché

Seufz, kritischer Journalismus, wo bist du. Das Teil ist ein Hoax und kann so nicht funktionieren. Wer das glaubt hat den Aufwand noch nicht gesehen, der für lebensmittelchemische Analysen notwendig ist.

#9 |
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Gast
Gast

Lebensmittel sollten ALLE nicht gesundheitsgefährdend sein,
nicht nur wo “bio” draufsteht!
Siehe Dioxine in Bio-Eiern.

#8 |
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Gast
Gast

warum nennt man das denn “Nacktscanner”?
Schon ein Grund, das nicht zu kaufen.

#7 |
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Mgr. Alois Komorous
Mgr. Alois Komorous

wo kann man es kaufen?

#6 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Ich denke, wenn man Bio-Lebensmittel kauft, ist man fast immer vor Zusatzstoffen geschützt und somit meistens auch vor Allergien. Schlimmer sieht es in den Restaurants aus, wo man überwiegend Convenience-Nahrung erhält.

#5 |
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Ärztin

Der Ernährungsempehlung von Frau Gotter kann ich nur zustimmen.
Patientendaten haben in der “Cloud” nichts verloren und müssen dort auch nicht gelagert werden. Es wäre ausreichend die Substanzzusammensetzung und deren Algorithmus zu speichern und abrufen zu können.
Der Scanner gehört auch nicht in die Hand des Verbrauchers sondern in die der Gesundheitsämter. Ein entsprechender Nahrungsmittelcheck sollte vor der Vermarktung und dem Verkauf Pflicht sein, eine Produkthaftung des Herstellers, bzw bei Mikroben auch des Handels, sollte obligat sein.
Hoffen wir, dass die richtigen Leute die Entscheidung für die Zulassung des Gerätes, falls es die Erwartungen an seine Leistungsfähigkeit erfüllt, treffen. Der Nahrungsmittelindustrie wird diese Gerät ein Dorn im Auge sein.

#4 |
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Heilpraktikerin

Ich bin als Heilpraktikerin kein Fan der Apparatemedizin, weil die denke, das ist ein Betätigungsfeld für Ärzte. Aber sollte das Ding auf den Markt kommen und das halten was es verspricht, sollte es auch noch bezahlbar sein, werde ich es kaufen.

#3 |
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Brigitte Gotter
Brigitte Gotter

Na da hat mal wieder einer eine gute Geschäftsidee …..!
Nur hilft es dem Menschen auch erst dann, wenn derjenige weiß, dass er eine Unverträglichkeit /Allergie hat. Wenn dies nicht bekannt ist bzw. was er nicht verträgt, hilft ihm das Gerät nichts. Außerdem wissen viele Menschen nicht was überhaupt schädlich (auch für die Allgemeinheit) bzw. ungesunde Zusatzstoffe sind!
z. B. Guarkernmehl kann die Darmschleimhaut schädigen. Hiervon gibt es noch mehrere Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln, die ebenso die Darmschleimhaut schädigen können. Weiß das jemand aus der Normalbevölkerung? Also dann kann er auch nicht abschätzen, wie schädlich die gemessene Menge bzw. der gemessene Zusatzstoff ist.
Meine Devise immer noch – das wird sie auch bleiben – nur Grundnahrungsmittel kaufen und selbst zubereiten! Wenn nicht viel Zeit ist, eben nur ganz einfache Sachen essen. Der Körper dankt es !!!

#2 |
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Selbstst. Apothekerin

Tolle Sache! Darauf warte ich schon lange.

#1 |
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