Uniklinikprivatisierungen – Ende der freien Forschung?

17. Juni 2005
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Hessen plant als erstes Bundesland den Verkauf der Universitätskliniken Marburg und Gießen. Über Chancen und Risiken für die bundesdeutsche klinische Forschungslandschaft sprach Hannsjörg Seyberth, Mitglied der Deutschen Arzneimittelkommission und Leiter am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Philipps-Universität Marburg, mit DocCheck-Autor Vlad Georgescu.

DocCheck: Welche Nachteile befürchten Sie aus dem sich abzeichnenden Privatisierungstrend in der deutschen Uniklinik-Landschaft? Seyberth: Im Grunde ist bei dieser Gesamtkonstellation die Idee der Privatisierung als eine Art Flucht nach vorn anzusehen, ein Weg, der derzeit kaum wägbare Risiken aufweist. Wir müssen generell hinterfragen, ob eine ertrags- und marktorientierten Privatisierung mit dem gesellschaftlichen und gemeinnützigen Auftrag im Gesundheitswesen eins Hochschulklinikums so ohne weiteres in Einklang zu bringen ist. DocCheck: Welche konkreten Nachteile entstehen für die Pädiatrie im Falle einer Privatisierung der Unikliniken? Seyberth: Gestattet man dem Prozess der markt- und ertragsorientierten Privatisierung den freien Lauf ohne entsprechende Korrekturmaßnahmen, dann sehe ich eine ähnlich bedrohliche Entwicklung wie in der pharmazeutischen Industrie, wo Kinder sich nicht rechnen und somit bei der Arzneimittelentwicklung kaum berücksichtigt werden. Hier müssen Anreize und Auflagen geschaffen werden, dass der gesellschaftliche Auftrag in der Krankenversorgung für die gesamte Bevölkerung von den privaten Betreibern sichergestellt wird. Kinder erfüllen hier eine Indikatorfunktion für die Qualität der Krankenversorgung.

DocCheck: Die Privatisierung soll der Landesregierung zufolge die Lage der Kliniken verbessern. Seyberth: Um Zukunftspläne beurteilen zu können, muss man zunächst einmal den derzeitigen Stand in Mittelhessen analysieren. Dabei muss man leider konstatieren, dass es bisher keine überzeugende Abstimmung oder Kooperation zwischen den beiden Standorten Marburg und Gießen gegeben hat. Obwohl vor mehr als 15 Jahren eine Schwerpunktbildung zwischen Gießen und Marburg verabredet wurde (Onkologie, Neurologie in Marburg; Kardiologie, Pulmologie in Gießen), wird die Herzchirurgie, Onkologie und Pulmologie auf höchstem Niveau an beiden Standorten betrieben, während wichtige Bereiche wie Kinderchirurgie und klinische Pharmakologie weder in Gießen noch in Marburg vorgehalten werden. Stattdessen begnügen sich beide medizinische Fachbereiche jeweils mit einer kleinen Zahnmedizin. DocCheck: Hätte die Landesregierung auf ein solches Durcheinander nicht rechtzeitig reagieren können? Seyberth: Die zuständigen Ministerien in Wiesbaden, etwa das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst oder das Hessische Sozialministerium , haben eigene Abstimmungsschwierigkeiten. Das ist nicht sonderlich förderlich wenn es darum geht, ein tragfähiges gesamtmittelhessisches Projekt zu entwickeln.

DocCheck: Auf welche Weise wären die Privatisierungen noch abzuwenden? Seyberth: Vermutlich nicht durch kurzfristig angelegte Konzepte bei Vernachlässigung zukunftsorientierter langfristiger Planung. Die derzeit gebotene Ertragsoptimierung mit noch so gerade ausreichender Patientenversorgung führt zwangsläufig zu einer Art Fließbandmedizin und Unterversorgung von “Randgruppen” wie Kinder und Patienten mit seltenen Erkrankungen. Weitere Nachteile sind die zusätzliche Steigerung der Bürokratisierung und vor allem ein gravierender Motivationsverlust von Seiten der Ärzte und in der Pflege, der durch ein noch so ausgeklügeltes Bonus-/Malussystem nicht aufgefangen werden kann. Ziel müsste vielmehr sein, finanzielle Transparenz zu schaffen, damit das medizinische Personal angeregt wird, wirtschaftlich mitzudenken und selbst Verantwortung vor Ort zu übernehmen. DocCheck: Kann ein privater Betreiber dann überhaupt Abhilfe schaffen? Seyberth: Ein privater Betreiber, der über ein unternehmerisches Talent verfügt – ähnlich wie es bei einem erfolgreich geführten Familienbetrieb zu beobachten ist –, könnte das Kooperieren, Zusammenwachsen und das Entwickeln eines Wir-Gefühls an den beiden mittelhessischen Hochschulen kultivieren bzw. stimulieren.

DocCheck: In Großbritannien setzt der Staat auf die Stärkung der klinischen Forschung als Alternative zur Macht der Pharmaindustrie im Forschungsbereich. Unter welchen Bedingungen würde ein solches Modell auch hierzulande greifen? Seyberth: Unsere Kollegen in Großbritannien sind sicherlich zu beneiden. Dort hat die Regierung eingesehen, dass in der Gesundheitswirtschaft/Industrie größere Zukunftsperspektiven zu sehen sind. Die britische Regierung stellt im letzten Jahr 100 Mio. £ für die klinische Forschung – und hier insbesondere für die Kinderarzneimittel – zur Verfügung. Unsere Regierung bewegt sich in dieser Hinsicht im Bereich der Homöopathie, d. h. die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung eingesetzten Fördermittel stellen lediglich einen Tropfen auf den heißen Stein dar. Ganz verschweigen will ich auch natürlich nicht die großartigen Möglichkeiten unserer amerikanischen Kollegen, über das National Institute of Health mindestens ebenso viel Finanzmittel für die Versorgungsforschung zu beantragen. Mit der Ankündigung der Europäischen Kommission am 29. September letzten Jahren für eine geplante paneuropäische Verordnung zu einer gezielten Fortentwicklung der pädiatrischen Forschung und Arzneimittelentwicklung erwarten wir nun endlich auch von der deutschen Regierung tragfähige Maßnahmen. DocCheck: Konnten Sie in Marburg bislang uneingeschränkt frei forschen? Seyberth: Bis vor einem Jahr konnten wir mit recht bescheidener Grundausstattung, aber mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft recht erfolgreich forschen. Unsere Klinik dürfte sowohl in unserem Fachbereich, aber auch im Vergleich mit anderen gleichwertigen Institutionen in der Spitzengruppe liegen. Leider hat sich aber seit einem Jahr die Gesamtsituation in der Bundesrepublik und dann noch speziell in Marburg rapide verschlechtert. In einem Thesenpapier bzw. Memorandum stellen bundesweit die pädiatrischen Hochschullehrer mehrere, nahezu gleichzeitig auftretende Schwierigkeiten und Probleme zusammen fest.

DocCheck: Zum Beispiel? Seyberth: Etwa die Fallpauschalvergütung. Sie berücksichtigt völlig unbefriedigend das breite Spektrum der seltenen Erkrankungen und die verschiedenen altersbedingten zusätzlichen Aufwendungen bei Kindern und Jugendlichen in der Krankenversorgung. Hinzu kommt ein weitere Punkt: Obwohl im GKV-Modernisierungsgesetz den Hochschulen ermöglicht werden soll, hoch spezialisierte ambulante Leistungen zu erbringen, verweigern die Kostenträger, in entsprechende Verhandlungen einzutreten. DocCheck: Für Kliniken gibt es seit geraumer Zeit ein neues Abrechnungssystem, bei dem pauschal je nach Krankheit vergütete wird. Die Kassen versprechen sich geringere Ausgaben – aber auf wessen Kosten? Seyberth: Der speziell in Marburg eingeschlagene Weg für den Überlebenskampf der Universitätskliniken in der Konvergenzphase des neuen Vergütungssystems musterschülerartig die Ertragsoptimierung und Budgetfixierung zu erreichen, muss zwangsläufig auf Kosten der Forschung und Lehre bewerkstelligt werden. So müssen beispielsweise hoch qualifizierte wissenschaftliche Nachwuchskräfte statt in hochrangigen Journalen zu publizieren, die für die Fallpauschalabrechnung notwendige, aber sehr zeitaufwändige Patientenkodierung vornehmen. Hierfür speziell ausgebildete Dokumentationsassistenten werden jedoch aus Kostengründen im Klinikum nicht eingestellt.

DocCheck: Welche Kontrollfunktionen werden bei künftigen Privatisierungen nötig sein müssen, damit es keine Vermischung staatlicher Forschungsgelder mit dem Haushaltsbudget der privaten Gesellschaft gibt? Seyberth: Sicherlich muss hier die Kontrolle effizienter sein, wie sie bisher von dem Aufsichtsrat des Klinikums wahrgenommen wurde. Hier wäre z. B. der Wissenschaftsrat gefragt, der die Entwicklung in Mittelhessen engmaschig überwachsen müsste und spätestens nach fünf Jahren eine Bewertung der Entwicklung – besonders in der Forschung und Lehre – wahrnehmen. Bei Nichterfüllen der vorher gesetzten Ziele oder bei Ausbleiben einer positiven Entwicklung müsste über eine Terminierung des Experiments der Privatisierung oder eine Neuausschreibung nachgedacht werden. Es muss hier unbedingt berücksichtigt werden, dass es sich hier in Mittelhessen um einen Modellversuch in der Hochschulmedizin handelt, der bei Erfolg auch für andere Bundesländer und Regionen in Frage kommen könnte. DocCheck: Seit dem 1. Januar dieses Jahres erhalten Hochschullehrer eine sogenannte Leistungsbezogene Vergütung – nur wer erfolgreich Drittmittel einwirbt, erfüllt diese Kriterien. Unter welchem Druck stehen Sie heute als Uniklinik-Chef, was das Spannungsfeld freie Forschung – ökonomischer Output betrifft? Seyberth: Bereits in den vergangenen Jahren, aber jetzt insbesondere seit dem 01.01.2005 mit der neuen leistungsbezogenen Gehaltsvergütung für Hochschullehrer, wird die Leistung eines Hochschullehrers bei der Festsetzung des für ihn zur Verfügung gestellten Budgets und sogar seines Gehalts anhand seiner Leistung festgelegt. Diese Leistung soll nicht nur durch die Publikationsaktivität, sondern vor allem auch durch seine Drittmitteleinwerbung ermittelt werden. Da auch hierbei Mittel aus der freien Wirtschaft Berücksichtigung finden, besteht im Grundkonzept schon die Gefahr, dass bei der klinischen Forschung der Patientenauftrag durch marktstrategische Überlegungen unterlaufen wird. Wie das in der Praxis aussehen könnte, erläutere ich an einem Beispiel aus der Kinderpharmakologie. Sicherlich wird die forschende Arzneimittelindustrie unter dem Einfluss des Marktgedankens eher die Kooperation in der Erwachsenenkardiologie und –onkologie suchen als dies der Fall für die Kinderkardiologie und –onkologie sein wird, denn bei der Anzahl von Patienten, die mit angeborenen Herzkrankheiten zur Welt kommen oder im frühen Kindesalter an Sonderformen der bösartigen Tumore erkranken, wird im Vergleich zu den Erwachsenen sehr gering sein. Damit würde jetzt auch von staatlicher Seite für die Kinder eine zusätzlicher Benachteiligung bei der für sie wichtige patientenorientierte unabhängige klinische Forschung eingebaut.

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