Im Netz der Goldenen Himbeere

20. Juni 2005
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"AmFo" lautet das wunderbare Akronym des neuen Arzneimittelinformationsportals der Berliner Gesundheitspolitikszene. Es wurde von Verbänden und Bundesregierung ins Netz gehoben und ist ein heißer Kandidat für den Titel der misslungensten medizinischen Website des Jahres. Eine Ortsbegehung.

Objektive Information tut Not bei der Arzneimitteltherapie. Patienten, die sich im deutschen Web nach unabhängigen Beiträgen zu Medikamenten umsehen, werden zwar früher oder später bei der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG sowie auf der einen oder anderen privaten Website fündig. Vorher allerdings werden sie überschwemmt mit Artikeln, die entweder die Position der pharmazeutischen Industrie oder die einer explizit pharmafeindlichen Lobby scheinbar aufrechter Streiter wiedergeben. Beides ist wenig befriedigend für den, der wirklich Hilfe sucht. Bestes Beispiel ist die Coxib-Debatte. Sie wird in Deutschland noch immer auf der Sparflamme kardiovaskulärer Probleme der Coxibe gekocht, während unter anderem in den USA und Skandinavien längst eine wesentlich differenziertere Diskussion über Risiken der Therapie mit selektiven und nicht-selektiven COX-Hemmstoffen geführt wird. Auch dem industrieseitig betriebenen Innovationskult bei neu eingeführten Arzneimitteln könnte eine unabhängige Berichterstattung etwas entgegen treten.

Der erste Versuch ging in die Hose

Bedarf nach einem Portal mit sachlichen Informationen zu Arzneimitteln also gibt es in Deutschland. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als die Akteure der Berliner Gesundheitspolitik vor einiger Zeit genau das ankündigten: AmFo, ein Gemeinschaftsprojekt des Bundesgesundheitsministeriums, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Spitzenverbände der Krankenkassen, sollte endlich Ernst machen mit dem aufgeklärten Patienten, der sich unabhängig vom Geplapper um ihn herum eine eigene Meinung bildet. Wer AmFo besucht, wird schnell feststellen, dass es diesem Anspruch nicht nur nicht gerecht wird. Das Portal, das nach einiger Vorlaufzeit im vergangenen Monat mit viel Tamtam aus der Taufe gehoben wurde, ist leider komplett misslungen. Schon die Lokalisation spricht Bände: Statt sich selbstbewusst auf einer eigenen Website zu präsentieren, versteckt AmFo sich im ohnehin unübersichtlichen Webbaum der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die Homepage verzichtet auf jegliche gestaltenden Elemente, sodass sich der Besucher zwangsläufig fragt, ob er überhaupt richtig sei. Das wäre alles noch halb so schlimm, wenn dafür eine saubere redaktionelle Aufarbeitung der diskutierten Themengebiete folgen würde. Aber die kommt nicht.

Futter für Info-Junkies. Echter Mehrwert Fehlanzeige

Etwas präziser gesagt wird auf eine redaktionelle Aufarbeitung vollständig verzichtet. AmFo ist eine einzige Aneinanderreihung von Links auf Texte, die von Dritten ins Netz gestellt wurden, ohne jeglichen Kommentar oder einordnenden Begleittext. Was herauskommt, ist ein Info-Skelett, ein Typ Seite, vor dem Webprofis schon seit den Frühzeiten des Internets warnen. Zielgruppe von AmFo sind Patienten und Ärzte. Die verlinkten Texte des BfArM, der Arzneimittelkommission, der Europäischen Zulassungsbehörde EMEA, des Gemeinsamen Bundesausschuss und des IQWIG richten sich jeweils an eine der beiden Zielgruppen, zum Teil auch einfach an die Presse. AmFo pfercht das alles zusammen in der Hoffnung, das daraus das große Ganze entstehe, das dem Hilfesuchenden echten Mehrwert bringe. Das Dumme ist nur: Es entsteht nichts. Auch nach einem längeren Besuch bleibt AmFo die lose sortierte E-Blatt-Sammlung, als die es auf Anhieb erscheint. Die gesammelten Links zu Coxiben oder Statinen mögen für den Info-Profi und den einen oder anderen Journalisten im Einzelfall hilfreich sein, denn ihm bleibt dadurch ein wenig Surferei erspart. Dem Patienten aber, der immerhin über die Internetauftritte der Krankenkassen auf das Arzneimittelportal gelockt wird, hilft es nicht. Wahrscheinlich schreckt es sogar ab.

Fehlendes Geld oder fehlender Mut?

Was sind die Gründe für diesen Reinfall? Fehlendes Geld wäre eine Erklärung, doch kostet auch eine einigermaßen gut gemachte Website heute nicht mehr die Welt. Für die redaktionelle Betreuung dürfte eine halbe Stelle ausreichen, denn eine tagesaktuelle Berichterstattung wird allenfalls in Ausnahmefällen nötig sein. Kurz: So richtig teuer kann das eigentlich nicht werden. Ein zweiter denkbarer Grund ist plausibler: Es fehlt der Mut, sich zu positionieren. Wer ein unabhängiges Arzneimittelportal mit offiziellem Charakter aufbaut, wird nicht umhin können, sich in dem einen oder anderen Punkt mit den Positionen einzelner Firmen quer zu stellen. Ist der Respekt vor den Prozesskassen der Pharma-Multis wirklich so groß, dass es die Schwergewichte des deutschen Gesundheitswesens vorziehen, auf jegliche eigene Interpretation der Fakten zu verzichten? AmFo jedenfalls legt diesen deprimierenden Gedanken nahe: Es duckt sich weg.

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