Solarium: Krebskabinen auf 10er-Karte

29. August 2012
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Fast 3.500 neue Krebsfälle pro Jahr gehen alleine in Europa auf das Konto von Sonnenbanken. Laut Statistik sterben rund 800 Menschen jährlich an einem von Solarien verursachten Melanom, berichtet nun ein internationales Forscherteam.

Die Wissenschaftler haben für ihre Meta-Analyse 11.428 Hautkrebsfälle (kutane Melanome, Plattenepithelkarzinome und primäre Basalzellenkarzinome) von 1981 bis 2012 in den ursprünglich 15 EU-Ländern (Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Spanien, Schweden, Portugal, Niederlande und Großbritannien sowie drei ehemaligen EFTA (European Free Trade Association)-Ländern Island, Norwegen und der Schweiz analysiert. Demnach steigt das Hautkrebsrisiko durch den Besuch eines Solariums mit künstlicher ultravioletter Strahlung um 20 Prozent. Besonders gefährdet seien junge Menschen. Bei Personen, die sich bereits vor dem 35. Lebensjahr den UV-Strahlen einer Sonnenbank aussetzten, steige das Risiko sogar um das Doppelte, geht aus der im Fachmagazin „British Medical Journal (BMJ) veröffentlichten Studie hervor.

Unterschätzte Gefahr

Frühere Studien hätten die mit Solarien verbundenen Gefahren deutlich unterschätzt, weil diese überdurchschnittlich oft von hellhäutigen Personen, Menschen mit roten und braunen Haaren, Pigmentierungen und mit Hauttyp I + II aufgesucht werden. „Leistungsstarke Bräunungsliegen können zehn bis 15 Mahl mehr ultraviolette Strahlung abgeben, als die Mittagssonne am Mittelmeer“, warnen Mathieu Boniol, wissenschaftlicher Leiter des International Prevention Research Insitute im französischen Lyon und seine Forscherkollegen. Entgegen früherer Annahmen hat das Internationale Krebsforschungsinstitut (IARC) erst 2009 das gesamte Spektrum der UV-Strahlung und der Indoor-Bräunungsgeräte als potenziell krebserregend eingestuft, nicht nur die UV-B-Strahlen. Die Wellenlänge, die UV-Licht aussendet, reicht von 100 bis 400 Nanometer (nm).

UV-A-Wellen haben eine Länge von 315 bis 400 nm, UV-B von 280 bis 315 nm und UV-C von 100 bis 280nm. Laborversuche an freiwilligen Versuchspersonen haben gezeigt, dass UV-A und UV-B-Strahlung das Immunsystem schwächen können. Moderne Sonnenbanken senden vor allem UV-A Wellen aus, der UV-B-Anteil liegt bei knapp unter fünf Prozent und ist für besonders, tiefe und lang anhaltende Bräune verantwortlich. Der durch das UV-Licht ausgelöste Hautkrebs mache sich häufig erst nach Jahren bemerkbar. „Deshalb könnten die von Sonnenbanken ausgelösten Hautkrebsfälle in den nächsten 20 Jahren sogar noch weiter ansteigen“, vermuten die Forscher. Denn in vielen Ländern sei die Solariennutzung unverändert hoch, auch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. „Von den 63.942 Hautkrebsneuerkrankungen (kutane Melanome), die jedes Jahr in den 15 EC-und drei EFTA-Ländern diagnostiziert werden, sind hochgerechnet 3.438 (5,4%) auf Sonnenbanknutzung zurückzuführen, betonen die Forscher. Dabei waren Frauen mit 2.341 Fällen (6,9%) deutlich häufiger betroffen als Männer mit 1.096 Fällen (3,7%). Unter der Annahme, eines Krebserkrankungs/Krebssterblichkeitsverhältnisses von 3,7 bei Männern (Frauen: 4,7), erliegen in den 15 EC-Ländern jährlich 498 Frauen und 296 Männer einem Hautkrebsleiden infolge eines Solariumbesuches.

Vermeidbares Risiko

Melanome und andere Hautkrebstypen, die durch Solariennutzung entstehen, seien vermeidbare Krankheiten, betonen Boniol und seine Kollegen. Dennoch habe die Solarienbranche nichts dazu getan, um ihre Kunden adäquat über die Risiken aufzuklären. „Stattdessen behauptet die Branche noch immer, dass kontrolliertes Bräunen sicher sei und sich sogar positiv auf die Gesundheit auswirke“, kritisieren die Forscher. Das Einschränken der Solariumnutzung bzw. die Forderung, die Eltern sollten ihren Kindern die Benutzung untersagen sei nicht effektiv, weil viele Eltern selbst Benutzer von Sonnenbänken sind. Das beweise, dass klare gesetzliche Regelungen notwendig seien, welche die Benutzung von Sonnenbänken für unter 18-Jährige und von Münz-Sonnenstudios ohne Aufsicht verbieten. Solche Gesetze wurden jüngst in Australien, Kalifornien und einigen europäischen Ländern wie Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Portugal, Schottland und Spanien erlassen. Die französisch-italienische Studie umfasste insgesamt 27 Einzelstudien (23 Fall-Kontrollstudien und drei Kohortenstudien), davon 18 aus Europa, sieben aus den USA und Kanada und zwei aus Australien, die zwischen 1981 und 2012 durchgeführt wurden. Die ermittelten Risikowerte seien für alle Europäer und die hellhäutigen Bewohner Nordamerikas und Australiens gültig“, so die Forscher. Die Ergebnisse zeigen, dass das Hautkrebsrisiko mit jedem zusätzlichen Besuch im Solarium im Jahr um 1,8 Prozent ansteige. Menschen, die sehr häufig eine Sonnenbank nutzen, erkrankten bis zu 42 Prozent häufiger an Hautkrebs als Nichtnutzer.

SUN-Studie warnt 18- bis 25-jährige Frauen

Etwa 3,5 Millionen Deutsche unter 36 Jahren besuchen Solarien, davon 167.000 Minderjährige. Rund 224.000 Personen pro Jahr erkranken erstmals an Hautkrebs, davon 26.000 am schwarzen Hautkrebs (malignes Melanom). Das Mannheimer Institut für Public Health (MIPH) hat in der so genannten SUN-Studie (Sunbed Use: Needs for Action-Study 2012)* 4.800 Deutsche zwischen 15 und 45 Jahren zur ihren Solarien-Aufenthalten befragt und die Ergebnisse beim internationalen Workshop der Europäischen Gesellschaft für Hautkrebsvorbeugung (EUROSKIN) in Berlin vorgestellt. Demnach sind Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren als besonders gefährdet einzustufen. „Frauen zwischen 18 und 25 Jahren sind eine typische Vielnutzer-Gruppe, sie gehen häufig so oft auf die Sonnenbank wie Männer“, berichtet Prof. Sven Schneider, Senior Scientist und Forschungsgruppenleiter am MIPH. Ein weiterer beunruhigender Trend sei, dass Sonnenstudios verstärkt mit therapeutischen Angeboten werben. „UV-Therapien dürfen nur unter ärztlicher Aufsicht nach einer klaren Nutzen-Risiko-Abwägung für den Patienten durchgeführt werden, denn UV-Strahlen sind ein Karzinogen und erhöhen das Hautkrebsrisiko“, warnt Professor Dr. Eckhard Breitbart, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP).

Weitere beim EUROSKIN-Kongress vorgestellte Zahlen belegen, wie schlecht es um den per Gesetz vorgeschriebenen Schutz bei den meisten Sonnenstudios aussieht. Obwohl für Minderjährige in Deutschland der Besuch eines Solariums verboten ist, besuchen 167.000 jährlich eine Sonnenbank. Anlässlich ihres Kongresses forderten daher die EUROSKIN-Experten die Abschaffung unbeaufsichtigter Münzsolarien, mehr Kontrolle der Sonnenstudios hinsichtlich der Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften und eine von den Herstellern von Bräunungsstudios unabhängige Ausbildung des Personals. „Solariumbesuche haben keinerlei positive Gesundheitseffekte, weder beim Vorbräunen der Haut, noch bei der Vitamin D-Produktion oder zur Stärkung des Immunsystems“, so Schneider.

UV-Schutzverordnung seit 1. August in Kraft

Seit dem 1. August 2012 dürfen Solariengeräte in Deutschland eine maximale Bestrahlungsstärke von 0,3 Watt/m² Haut nicht mehr überschreiten. Dieser Wert entspricht dem UV-Index 12, der Sonneneinstrahlung um 12 Uhr mittags am Äquator. Die Geräte müssen entsprechend gekennzeichnet sein. „Die neue Bestrahlungsstärke entspricht allerdings immer noch der höchsten UV-Dosis, die auf der Erde gemessen werden kann und zwar mittags bei wolkenlosem Himmel am Äquator“, erklärt Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe. „Bisher wurde diese Bestrahlungsstärke von alten Geräten zum Teil um das Dreifache überschritten.“ Die neue Vorschrift basiert auf der UV-Schutzverordnung (UVSV) für Solarien, die seit Anfang 2012 rechtskräftig ist. Die Deutsche Krebshilfe und die ADP begrüßen diese gesetzlichen Regelungen. „Wir empfehlen dennoch Solarien erst gar nicht zu nutzen, denn Tipps wie man ein Solarium ohne mögliche spätere Schäden nutzen kann, gibt es nicht“, betont Breitbart. In jedem Fall solllte vorher ein Solarien-Check durchgeführt werden. Trifft nur ein einziger Punkt der Checkliste nicht zu, sollte das Solarium nicht genutzt werden.

* Die SUN-Studie 2012 wird final im Oktober veröffentlicht, hier finden Sie vorab ein Abstract.

Der Solarien-Check der ADP

Das Sonnenstudio
  • ist ein beaufsichtigtes Studio (kein Münzautomat)
  • weist im Eingangsbereich auf das Verbot für Minderjährige hin

Das Personal

  • lässt Minderjährige nicht zu
  • händigt (ungefragt) eine Schutzbrille aus
  • bestimmt den Hauttyp
  • schließt Personal mit Hauttyp I + II aus
  • weist auf (mögliche) Nebenwirkungen der UV-Strahlung hin
  • fragt nach dem Zeitabstand zum letzten Solariumbesuch
  • erkundigt sich nach Sonnenbränden und Hautkrankheiten
  • erkundigt sich nach Medikamenteneinnahme
  • weist darauf hin, dass Solarien nur ungeschminkt und ohne Verwendung von Sonnencreme benutzt werden darf
  • berechnet die individuelle Anfangs-Bestrahlungszeit
  • erstellt einen persönlichen Dosierungsplan
  • händigt weitere Informationen zur Nutzung aus

Das Bräunungsgerät

  • hat den Warnhinweis: UV-Strahlung kann akute Schäden an Haut und Augen verursachen, führt zu vorzeitiger Hautalterung und erhöhte das Risiko von Hautkrebs
  • weist darauf hin: Hauttyp I + II sind ein Ausschlusskriterium, Medikamente und Kosmetika erhöhen die Hautempfindlichkeit
  • ist nach EU-Regelung gekennzeichnet: „Bestrahlungswert von maximal 0,3 Watt/m² wird nicht überschritten
  • gibt die maximale Bestrahlungsdauer bei Erstbestrahlung ungebräunter Haut für Hauttyp I bis VI an
  • schaltet bei Überschreiten der maximalen Bestrahlungsdauer automatisch ab
  • hat einen Notabschaltknopf

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