Neue Waffen gegen den Schmerz

13. Juli 2005
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Die verschärfte Arzneimittel-Warnung der europäischen Zulassungsbehörde EMEA traf viele Schmerzmittelhersteller wie einen Schock: Ausgerechnet die lange Zeit als Shooting-Stars geltenden Coxibe bergen ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko für die Patienten, nicht minder gut steht es der EMEA zufolge um die bisherigen Klassiker Diclofenac, Inddometacin, Piroxicam und Naproxen. Für Ärzte kein Grund zur Panik...

Die verschärfte Arzneimittel-Warnung der europäischen Zulassungsbehörde EMEA traf viele Schmerzmittelhersteller wie einen Schock: Ausgerechnet die lange Zeit als Shooting-Stars geltenden Coxibe bergen ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko für die Patienten, nicht minder gut steht es der EMEA zufolge um die bisherigen Klassiker Diclofenac, Inddometacin, Piroxicam und Naproxen. Für Ärzte kein Grund zur Panik – innovative Therapien und neue, alte Bekannte in der Pipeline der Wirkstoffforscher garantieren auch in Zukunft eine optimale Schmerzversorgung der Patienten. Schmerz hat sowohl rein körperliche, also medizinisch messbare Ursachen, als auch psychische Gründe. Innovative Schmerztherapien berücksichtigen beide Aspekte. Den Zusammenhang zwischen Entstehung chronischer Schmerzen und dem Bewusstsein erläuterten Wissenschaftler unlängst auf dem Deutschen Schmerzkongress: Danach verstärkt sich der Schmerz, sobald man sich auf ihn bewusst konzentriert. Das wiederum führt zu einer weiteren Bewußtseinszuwendung auf den Schmerz. Eine große Rolle spielen hier sozio-kulturelle, ökonomische und familiäre Umwelteinflüsse. Diese psychologischen Mechanismen führen zu nachweisbaren Veränderungen in speziellen , sogenannten kognitiven Zentren des Gehirns. Die erhöhte Auseinandersetzung mit dem Schmerz bewirkt die Ausbildung eines “Schmerzgedächtnisses”: Der Patient kann dem nicht mehr entrinnen. Daher zielen neue Therapien auf die Vermeidung genau dieser „Schmerzgedächtnis“-Entstehung ab. Der frühzeitige Einsatz von Medikamenten soll schmerzmindernd wirken, damit es erst gar nicht zur Ausbildung des Schmerzgedächtnisses kommt.

Alte Wirkstoffsubstanzen – neue Innovationen

Als besonders innovative Wirkstoffe der Zukunft könnten sich zudem ausgerechnet alte Bekannte erweisen: Das Gift Botulinum ist ein wirkungsvolles Mittel gegen chronische Kopfschmerzen oder Migräne, sagen amerikanische Ärzte. In einer Studie mit 134 Patienten besserten sich mit dem Mittel die Symptome in neun von zehn Fällen, berichteten Neurologen beim Treffen der Amerikanischen Kopfschmerzgesellschaft in Seattle Blutegel scheinen gegen die Schmerzen bei Rheuma und anderen Gelenkentzündungen zu helfen. Darauf deutet eine Studie russischer Mediziner, die sie am Europäischen Kongress der Rheumaforschung in Stockholm vorstellten. Die Forscher von der Medizinischen Universität Kazan hatten Blutegel an über 100 Patienten gesetzt. Bei den meisten Patienten gingen die Gelenk- und Muskelschmerzen deutlich zurück oder verschwanden ganz, berichten die Mediziner. Auch konnten viele Patienten nach der Therapie ihre Gelenke wieder leichter bewegen. In einem Versuch testeten Wissenschaftler die Unterdrückung jener chemischen Botenstoffe im Gehirn, die unter anderem auch das Schmerzempfinden ermöglichen. Indem sie künstliche „Bausteine“, sogenannte Spiegelmere, einsetzten, blockierten sie die schmerzauslösenden Funktionen des Gehirns bei Affen und verhinderten damit den Schmerz, den die Tiere ohne Therapeutika verspürten. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) startete eine Studie zur Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen nach Nervenverletzungen. Die Teilnehmer sollen mit dem synthetischen Cannabiswirkstoff CT-3 behandelt werden. Cannabis galt schon vor Jahrtausenden als Heilpflanze. Aber erst seit einem Jahrzehnt beschäftigen sich wieder zunehmend Forscher mit verschiedenen Inhaltstoffen der Pflanze, um daraus Medikamente zu entwickeln.

High-Med und potente Wirkstoffpillen

In vielen Fällen müssen Ärzte aber auf die bewährten Wirkstoffsubstanzen zurückgreifen. Hier gehören Opioide und Morphine neben sogenannten COX-2 Inhibitoren zu den Mitteln der Wahl. Besonders innovativ sind neue Methoden, um die Substanzen gezielt und genau dosiert in den Körper zu befördern. Während in der Vergangenheit das Schlucken einer Tablette oder die Verabreichung einer Spritze die einzigen Möglichkeiten der Wirkstoffbeförderung darstellten, zählen heute Medikament-Pumpen, Wirkstoffpflaster und sogenannte Neurostimulatoren zu den vielversprechendsten Ansätzen der neuen Therapien.

Opioide – nicht nur für Krebspatienten die Schmerzmittel der Wahl.

Die chemischen Verwandten des Morphins sind sehr potente Schmerzmittel, die bei korrekter Anwendung so gut wie keine Suchtgefahr bergen. Und sie könnten neben Krebspatienten auch vielen anderen Menschen mit Schmerzen unterschiedlichster Ursache helfen, schmerzfrei zu leben. Längst hat sich in der modernen Medizin die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch „weniger erhebliche“ Ursachen als eine Tumorerkrankung massive Auswirkungen auf den Alltag des Schmerz-Patienten haben. Starke Schmerzen werden zum Beispiel durch Osteoporose, die verschiedenen rheumatischen Erkrankungen oder Arthrose der Hüftgelenke verursacht. Die chemischen Verwandten der „echten Drogen“ gelten bei Wissenschaftlern schon lange nicht mehr als tabu, wenn es um die Bekämpfung auch solcher Schmerzen geht. So testen derzeit Forscher der US amerikanischen University of Massachusetts eine synthetische Substanz, die wie Marihuana wirkt, aber nicht berauscht. Die sogenannte ajulämische Säure soll zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt werden. Auf dem 224. Jahrestreffen der American Chemical Society berichteten die Wissenschaftlern von ersten Erfolgen im Tierversuch – ein entsprechendes Medikament könnte innerhalb von zwei bis drei Jahren erhältlich sein.

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