Punch auf Knopfdruck

13. Juli 2005
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Verkabelte Hirnareale, Gewebe-TÜV mit Austauschzellen, Pflaster fürs Gehirn: Bei der Behandlung von Patienten mit Morbus Parkinson gibt es nichts, was es nicht gibt. Auf dem Weltparkisonkongress war die dynamischste Sparte der Neurologie eine Woche lang in Berlin zu Gast.

Die erfolgreiche Behandlung eines Parkinsonpatienten in der Off-Phase gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen der Leistungsfähigkeit der modernen Medizin. Kurz zuvor noch wie in Fels gehauen, löst sich der Patient aus seiner Starre und bewegt sich plötzlich wieder als sei nichts gewesen. Dieser therapeutische Sonnenaufgang lässt unzählige Medizinstudenten den Weg in die Neurologie einschlagen, auch wenn dort für viele andere Erkrankungen noch nichts derartiges angeboten werden kann.

Bei der Hirnstimulation ist „anschalten“ wörtlich gemeint

Schon die Wortwahl „on“ und „off“ suggeriert, dass der Übergang von einer Phase in die andere etwas von einem Schaltvorgang hat. Der erstarrte Patient wirkt nach erfolgreicher Behandlung wie angeschaltet. Durch das noch recht junge Verfahren der tiefen Hirnstimulation bekommen diese alten Begriffe der Parkinson-Medizin jetzt eine ganz neue Dimension. Wenn der Hirnschrittmacher mitten in einer Off-Phase aktiviert wird, dann ist das Wort Einschalten plötzlich keine therapeutische Metapher mehr. Bei der tiefen Hirnstimulation werden hauchdünne Elektroden in den Nucleus subthalamicus des Zwischenhirns vorgeschoben. Sie sind über subkutane Kabel mit einem schrittmacherähnlichen, elektrischen Stimulator verbunden, der unter dem Schlüsselbein liegt. Auf dem Weltparkinsonkongress in Berlin wurden jetzt von Wissenschaftlern des Neurozentrums Kiel die Ergebnisse der weltweit ersten randomisierten, kontrollierten Studie zur tiefen Hirnstimulation vorgestellt, bei der nicht nur der Effekt auf die Symptomatik, sondern auch auf die Lebensqualität untersucht wurde. Insgesamt 156 Patienten mit schweren Formen des Morbus Parkinson erhielten entweder eine THS oder aber eine bestmögliche, medikamentöse Therapie mit L-Dopa-Präparaten oder Dopaminagonisten. Die erste Auswertung erfolgte nach sechs Monaten. Der Effekt war gewaltig, wie der Studienleiter Professor Günther Deuschl in Berlin berichtete. „Die Gesamtdauer der täglichen Off-Perioden sank in der THS-Gruppe von sechs auf 1,3 Stunden pro Tag. Die aktive Zeit verlängerte sich von 3,5 auf 8,4 Stunden“, so Deuschl. Im Vergleich dazu änderte sich bei jeweils ähnlicher Ausgangslage für die Patienten in der medikamentös therapierten Gruppe im Verlauf der sechs Monate fast nichts. Ähnlich klare Unterschiede gab es bei der Lebensqualität, die mit dem parkinsonspezifischen Fragebogen PDQ-39 ermittelt wurde. „Die THS kann den Verlauf der Parkinson-Erkrankung nicht aufhalten, aber sie dreht die Symptomatik um etwa 15 Jahre zurück“, so Deuschls Fazit. Er betonte freilich auch, dass die THS nur für jeden fünften Patienten in Frage komme.

Die Zelltherapie setzt jetzt aufs Auge

Die THS ist die vielleicht wichtigste, aber längst nicht die einzige Neuerung bei der Behandlung von Patienten mit Morbus Parkinson. Bei kaum einer anderen neurologischen Erkrankung ist zur Zeit so viel Dynamik zu spüren. Anders als die THS zielen Zellbehandlungen nicht auf Symptomkontrolle, sondern auf Heilung oder Rückbildung der strukturellen Defekte im Hirngewebe. Nach einigen Rückschlägen mit Stammzellen ist der größte Hoffnungsträger der Anti-Parkinson-Zelltherapie derzeit ein Produkt, das die Berliner Firma Schering in Kooperation mit dem Unternehmen Titan Pharmaceuticals entwickelt hat. Bei Spheramine®, das in den USA in Phase II-Studien getestet wird, handelt es sich um menschliche Pigmentzellen aus der Netzhaut, die auf biokompatible Gelatineträger aufgebracht werden. Das Gewebe wird mittels einer stereotaktischen Operation ins Gehirn implantiert und soll dort dann Dopamin erzeugen. Noch etwas invasiver sind Behandlungsversuche per Gentherapie, die gerade von Professor Warren Olanow vom Mount Sinai Medical Center in New York gestartet wurden. Olanow belädt adenoassoziierte Viren mit dem Gen für einen Nervenwachstumsfaktor. Ähnlich wie Spheramine® werden auch diese Genfähren operativ ins Hirn verschifft. Infiltriert wird gleich in mehreren Regionen, um eine bessere Verteilung des Gens zu erreichen. Deutlich näher an einem Routineeinsatz befinden sich Pflaster, die Dopaminagonisten durch die Haut freisetzen. So ist schon im Jahr 2006 mit Pflastern der Firma Schwarz Pharma zu rechnen, die den Dopaminagonisten Rotigotin enthalten. Und auch Schering hat ein Pflaster in der Pipeline, das den Dopaminagonisten Lisurid freisetzt.

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