Alles Clara, oder was?

22. Juli 2005
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DocCheck investigativ: Um herauszufinden, warum die Bundesregierung ihre Gesundheitspolitik seit Neuestem mit Hilfe von Clara-TV verkauft, durchstöberten wir die internationale Forschungsliteratur. Ergebnis: Wir sind alle Teil eines psychologischen Experiments zur Massenkommunikation!

„Herzlich willkommen zur ersten Ausgabe von Clara-TV“ – So beginnt die Reporterin Clara die neueste PR-Maßnahme des Bundesgesundheitsministeriums in Sachen Gesundheitsreform. Clara-TV ging Anfang Juli auf Sendung. Es transformierte die auf der Website die-gesundheitsreform.de schon länger in Sachen Regierungs-PR aktive Clara in ein jetzt munter kommunizierendes Wesen mit Stimme und beweglichem Oberkörper, das sich per Breitbandkabel auf dem Schreibtisch des Internetbewohners breit macht. Wozu?

Ist Clara-TV nur der Anfang?

Clara, modisch im SPD-roten Rolli und mit einer Frisur wie Claudia Roth, ist ein Produkt der SPD-nahen Berliner Agentur face2net. Das Ziel: Die Politik der Bundesgesundheitsministerin zu erläutern, vor allem die Anfang 2004 in Kraft getretene Gesundheitsreform mit all ihren bitteren Pillen von P wie Praxisgebühr bis Z wie Zahnersatz. Die Folge 1 von Clara-TV beschäftigt sich mit dem brennenden Thema Hausarztsystem. Clara sitzt dabei wie Petra Gerster im Nachrichtensessel und interviewt armwedelnd und augenzwinkernd die per Video zugeschaltete Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Diese begrüßt ihre Mitstreiterin mit einem fröhlichen „Guten Tag Clara“ und spricht von Vorteilen für die Patienten und Einsparungen im System. In der Internetsprache ist Clara eine Avatar. Für die Online-Enzyklopädie Wikipedia sind Avatare künstliche Personen oder grafische Stellvertreter von echten Personen in der virtuellen Welt. Im Gesundheitswesen der Zukunft dürfte der Bedarf von Avataren immens sein: Denken wir nur an die elektronische Gesundheitskarte: Wer wenn nicht ein Avatar des Hausarztes soll den Patienten all die Schlüssel und Felder und Funktionen des Hi-Tech-Tools gewissenhaft erklären? Oder denken wir an die elektronische Heimüberwachung: Wer, wenn nicht ein Avatar auf der Wohnzimmer-Flatscreen, erklärt Oma Krause in Zukunft ihr Tele-EKG? Von einer pharmazeutischen Beratung durch Avatare in Onlineapotheken oder einer auf Avatare gestützten Psychotherapie wollen wir hier gar nicht reden.

Gleich und gleich vertraut sich gern

Die quasi universelle Anwendbarkeit von Avataren im Gesundheitswesen lässt Clara-TV in einem ganz neuen Licht erscheinen: Ist die eloquente Dame am Ende gar nicht so sehr ein PR-Werkzeug für kommunikationsmüde Regierungsmitglieder, sondern eher ein Testballon für künftige, weit kniffligere Kommunikationsaufgaben? Sollen Figuren wie Clara uns künftig von den Segnungen einer Rationalisierungspolitik überzeugen, weil echten Menschen diese Überzeugungsarbeit zunehmend schlechter gelingt? Ist Clara, mit anderen Worten, der erste Schritt in Richtung einer elektronischen Massemanipulation von uns GKV-Versicherten? Ein Blick in die aktuelle psychologische Forschungsliteratur gibt diesem Verdacht Nahrung. So wird in der August-Ausgabe der Zeitschrift Psychological Science von einem mehr als beunruhigenden Experiment berichtet, das in merkwürdiger zeitlicher Koinzidenz mit dem Auftreten von Clara-TV steht. An der Universität Stanford haben Psychologen um Professor Jeremy Bailenson insgesamt 69 unwissende Studenten mit Avataren konfrontiert, die sie in jeweils mehrminütigen Ansprachen von den Vorzügen einer rigideren Sicherheitspolicy am Universitätscampus überzeugen sollten. Was die Testpersonen nicht wussten: In der Hälfte der Fälle waren die Avatare so programmiert, dass sie die Kopfbewegungen und mimischen Gesten ihres Gegenüber mit einer Verzögerung von vier Sekunden genau imitierten. Bei der anderen Hälfte wurden Kopfbewegungen anderer Testpersonen eingespielt, um auch diese Avatare möglichst echt erscheinen zu lassen.

Gesundheitssystem 2010: Vorsicht vor virtuellen Stimmungsmanipulatoren!

Das Ergebnis war eindeutig: Wer mit einem Computer-Gegenüber konfrontiert war, das die eigenen Bewegungen imitierte, war eher geneigt, den Ausführungen aufmerksam zu folgen und ihnen am Ende zuzustimmen. Etwa 20 Prozent der Varianz in der subjektiven Wahrnehmung des Avatars hingen demnach von der Mimikry ab. „Das ist der größte Effekt den wir je gefunden haben“, so Bailenson, der von den Ergebnissen selbst sehr beeindruckt war. Der aus der Psychologie echter Menschen bekannte „Chamäleon-Effekt“ wird durch einen penibel das Gegenüber imitierenden Avatar offenbar noch bedeutender, als er im wirklichen Leben ist. Erstaunlich: Nur wenige Probanden merkten, daß die imitiert wurden. Klar ist: Im Gesundheitswesen der Zukunft kann die Devise nur lauten: GKV-Holzauge sei wachsam. Sind Sie vom Nutzen der Praxisgebühr überzeugt? Setzen Sie auf die elektronische Gesundheitskarte? Sind Sie ein Anhänger von Disease Management-Programmen? Wenn Sie über diese Themen in letzter Zeit mit einem Avatar diskutiert haben, sollten Sie noch einmal in Ruhe nachdenken…

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