Nachwuchs drängt zum FFK-Strand

5. August 2005
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Die Freiforschungskultur (FFK) greift um sich: Immer mehr Forschungsartikel sind frei über das Internet zugänglich. Trotzdem ist Open Access noch kein Massenphänomen. Doch das könnte kommen. Eine neue Umfrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft beweist: Je jünger der Wissenschaftler, desto freizügiger die Forschungskultur.

Erinnern Sie sich noch an E-Biomed? Wer die Debatte um die freie Veröffentlichung von mit öffentlichen Geldern finanzierten Forschungsergebnissen im Internet („Open Access“) schon eine Weile verfolgt, wird bei dem Namen eine gewisse Erheiterung spüren. Ziel des damaligen NIH-Chefs Harald Varmus war Ende der Neunziger eine universelle Volltextdatenbank aller biomedizinischen Forschungsartikel, und zwar vom Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung an. Gestandene Redakteure wie Tony Delamothe vom British Medical Journal gaben ihrer Branche noch ein paar Jahre zu leben. Anerkannte Wissenschaftler wie der Sozialmediziner Ron LaPorte aus den USA sprachen vom unvermeidlichen Tod der biomedizinischen Zeitschriften.

Open Access kommt voran, doch die Schritte sind gemäßigt

Open Access-Publizierens lebte weiter. Seine Protagonisten erhielten viel Geld von Philanthropen. Die Idee wurde salonfähig. Spätestens seit der Berlin Declaration vom Oktober 2003, in der sich praktisch alle deutschen Forschungsförderer und die wichtigsten Wissenschaftsorganisationen prinzipiell für das freie Publizieren von Originalartikeln ausgesprochen haben, ist Open Access auch in Deutschland ein Thema. Im Gefolge der Berlin Declaration hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) über tausend Forscher aus allen Wissenschaftsrichtungen befragt. Die Ergebnisse wurden jetzt vorgelegt. Die 82seitige Studie wird ergänzt durch eine Stellungnahme, in der die DFG Schlussfolgerungen aus den Studienergebnissen zieht und darlegt, wie sie Open Access-Bemühungen in Zukunft gezielt fördern möchte. Die wichtigsten Ergebnisse lassen sich in wenigen Sätzen zusammen fassen: Dass es die Möglichkeit gibt, „offen“ zu publizieren, ist in Wissenschaftlerkreisen noch immer relativ unbekannt. Opne Access-Zeitschriften werden vergleichsweise wenig genutzt. Exemplarisch seien hier die Ergebnisse bei den befragten Biowissenschaftlern genannt: Nur knapp jeder fünfzehnte hat schon einmal einen Artikel in einer Open Access-Zeitschrift publiziert. Mehr als die Hälfte kennt überhaupt keine Open Access Zeitschriften. Etwas günstiger sieht es bei den so genannten „Postprints“ aus: Immerhin ein Viertel der Befragten hat eigene Artikel nach Erscheinen in einer wissenschaftlichen Zeitschrift als pdf auf die eigene Homepage gestellt oder über eine Datenbank verfügbar gemacht.

Die Sorge um die Karriere ist der wichtigste Hemmschuh

Die Gründe für die Skepsis sind nur zum Teil rational: Etwa zwei Drittel befürchten, dass Open Access-Veröffentlichungen in der Wissenschaftlergemeinde weniger wahrgenommen und vor allem weniger gewürdigt werden als Publikationen in renommierten Zeitschriften. Da sich Open Access-Zeitschriften erst etablieren müssen, ist diese Befürchtung nicht von der Hand zu weisen. Drei Viertel der Befragten glauben, dass Open Access-Magazine seltener zitiert werden als Beiträge in vergleichbar renommierten Zeitschriften. Das ist nachweisbar falsch. Es ist nämlich umgekehrt, wie unter anderem Untersuchungen von Thomson Scientific zeigen. Das zu Thomson gehörende Institute of Scientific Information (ISI) ist die erste Adresse für die Wissenschaft der Impact-Faktoren und Citation Indices, die „Journalology“, wie sie im englischen Sprachraum genannt wird. Eine Mehrheit der Befragten zweifelt auch an den Qualitätsstandards von Open Access-Publikationen, was eng mit deren als niedrig angesehenen Renommee zusammen hängen dürfte. Aber: Insgesamt hält die große Mehrheit der Befragten das Konzept einer „Open Access-Kultur“ für erstrebenswert. Drei Viertel plädieren für nach Disziplinen sortierte Onlinearchive von Volltextartikeln. Genauso viele sprechen sich dafür aus, Open Access-Zeitschriften zu fördern, damit sie mit konventionellen Blättern mithalten können.

Einiges spricht dafür, dass der Open Access-Trend hält

Wer will, kann die DFG-Studie daher sowohl als Rückenwind als auch als Dämpfer für die Open Access-Bemühungen in Deutschland lesen. Tatsache ist zumindest, dass junge Wissenschaftler ihre Artikel doppelt so häufig im Internet zur Verfügung stellen wie ihre älteren Kollegen. Die Bereitschaft, an einer Open Access-Kultur mitzuwirken, ist also bei jungen Forschern ausgeprägter. Umgekehrt sind allerdings Open Access-Zeitschriften bei Jüngeren weniger bekannt als bei Älteren. Die DFG zieht aus dieser Diskrepanz verschiedene Schlüsse. So werden die Wissenschaftler in den Bewilligungsschreiben für Fördergelder künftig explizit dazu ermuntert, ihre Arbeiten auch im Internet zur Verfügung zu stellen. Formal geht das nur über ein nicht ausschließliches Verwertungsrecht. Die DFG will prüfen, inwieweit das realisiert werden kann, ohne dass jungen Wissenschaftlern daraus Nachteile entstehen. Hoffnung wird außerdem auf das 7. Forschungsrahmenprogramm der EU gesetzt. Hier soll der Aufbau europaweiter Netze von institutionellen und fachbezogenen Publikationsservern gefördert werden, die es überall gibt und die kaum einer kennt. Es gibt noch einen anderen Faktor, der den Open Access-Bemühungen mittelfristig mehr Rückenwind bescheren könnte als die gezielte Förderung durch die DFG. Das ISI hat kürzlich in einer Untersuchung darauf aufmerksam gemacht. In der ISI-Datenbank konventioneller Forschungsorgane stehen Verlage aus Westeuropa und Nordamerika hinter 90 Prozent aller Zeitschriften. Im Open Access-Bereich dagegen werden mehr als die Hälfte aller Publikationen in Asien, Osteuropa, Süd- und Mittelamerika verlegt. Hält dieser Trend an, wird sich das globale Gleichgewicht mit der wachsenden Bedeutung dieser Regionen für die biomedizinische Forschung zwangsläufig in Richtung Open Access verlagern

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