Per Pille zum Genie

5. August 2005
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Pisa-Studien berichten über massenweise Genies auf deutschen Schulbänken. Deutsche Manager lernen in acht Wochen chinesich. Demenz gehört zu den Diagnosen der Vergangenheit. Fiktion oder Utopie? Nicht ganz. Hirnforscher in aller Welt arbeiten heute auf Hochtouren an neuen Lernmethoden und Lernpillen und die Pharmaindustrie zieht mit......

Wer die Schulbank in der ehemaligen DDR gedrückt hat, wird sich noch gut an das Zitat von Lenin erinnern, das in keinem Klassenraum fehlte: “Lernen, lernen und nochmals lernen”. Lenin hatte Recht, trotz propagandistischer Überanspruchung. Hirnforscher wissen heute, dass im Lernprozess jene synaptischen Verbindungen gestärkt werden, die immer wieder aktiviert werden. Das Gehirn lernt somit durch Wiederholen. Das Wissen darüber, wie Gelerntes im Kopf gespeichert bleibt, ist in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen. Der amerikanische Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel spricht von Möglichkeiten in naher Zukunft, die die Geschichte genauso prägen werden wie die industrielle Revolution oder die Genetik. Die zig Tausend Seiten, die heute Google zum Thema „Lernen lernen“ auflistet, könnten mindestens dann alle überarbeitungsreif werden.

Gedächtnispille an Menschen getestet

Eric Kandel, seit 1984 Professor für Physiologie und Psychiatrie an der New Yorker Columbia University, erhielt den Medizin-Nobelpreis für seine Forschungsarbeiten über Unterschiede von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis. Demnach beruht das Kurzzeitgedächtnis auf der Veränderung bereits vorhandener Proteine im Nervensystem, das Langzeitgedächtnis hingegen auf einer Neubildung von Proteinen. Aufbauend auf diesen Studien, wird bei Memory Pharmaceuticals an der Entwicklung von Gedächtnispillen mit Vehemenz gearbeitet. Grundlage ist ein Wirkstoff, der den Abbau der Eiweiße im Langzeitgedächtnis stoppen soll. Der Gründer des Unternehmens ist der Nobelpreisträger Eric Kandel. In Tierversuchen konnte er nachweisen, dass altersbedingte Gedächtnisstörungen mit Hilfe der neuen Substanz fast vollständig verschwinden. Jetzt wird am Menschen getestet.

Zeitalter der Neuro-Booster und Intelligenzturbos?

Die rasante Entwicklung hat kontroverse Diskussionen entbrannt. Auslöser ist der Vorwurf, dass die Pharmaindustrie nicht die kranken sondern die gesunden Menschen im Visier hat. Diese Entwicklung sehen vor allem Sozialwissenschaftler mit gemischten Gefühlen: „Was tun, wenn demnächst Gutverdienende ihre berufliche Intelligenz mit Alzheimer-Pillen hochkatapultieren? Spalten die Hirnpillen die Gesellschaft bald in eine wohlhabende Kaste gedopter Schlaumeier und in pharmakologisch Unterprivilegierte, die kaum mehr eine Chance auf gut bezahlte Aufsteigerjobs bekommen, weil sie sich die Neuroaufrüstung nicht leisten können? Willkommen im Zeitalter des Neuro-Booster , in der Welt der Lernpillen und pharmakologischen Intelligenzturbos.“

Gehirntuning bereits Praxis

Die Forderungen nach einer verbindlichen Neuroethik werden 2003 beispielsweise in der Wochenzeitschrift Die Zeit diskutiert. Seitdem wird das Thema in Deutschland relativ vernachlässigt. Ein Indiz ist die geringe Zahl neuer Einträge in Google. Tatsache ist allerdings, dass bereits fleißig geschluckt wird, was Konzentrations-, Lern- und Leistungsfähigkeit verspricht. Studenten, Manager, Wissenschaftler und Kreative greifen gern und oft zwecks Gehirntuning zu Präparaten wie Ritalin oder Modafinil. Der Markt ist vorhanden und lockt bereits schwarze Schafe im Web an, wie Lernpillen.de: „Mit den Lernpillen brauchst Du Dir keine Gedanken mehr machen!“

Trotzdem: Gehirnkranke können hoffen

Zur Rettung der Wissenschaft – das hat sie zwar nicht nötig – muss auf die vielen Hirnforscher, deren Forschung darauf zielt, betroffenen Kranken ein besseres Leben zu ermöglichen, hingewiesen werden. Beispielsweise: “Memory Pharmaceuticals is focused on developing innovative drugs for the treatment of debilitating central nervous system (CNS) disorders such as Alzheimer’s Disease, schizophrenia, depression, vascular dementia, Mild Cognitive Impairment, and memory impairments associated with aging.”

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