HIV-Therapie: Zielgerade oder Sackgasse?

7. Januar 2014
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Schon vor zwei Jahrzehnten sprachen AIDS-Forscher von der Möglichkeit, die Krankheit zu heilen und das HI-Virus auszurotten. Neue Hemmstoffe und Strategien scheinen nach viel Frust wieder Hoffnung auf ein Ende der Seuche zu wecken. Sind die Erwartungen berechtigt?

Manchmal könnte man meinen, in Deutschland spiele das Thema keine große Rolle mehr. Und wenn, dann allenfalls beim Geschlechtsverkehr zwischen Männern. Tatsächlich stecken sich bei uns noch immer jährlich rund 2.500 Menschen mit dem HI-Virus an. Die Zahl der infizierten homosexuellen Männer steigt. Dennoch taucht die Krankheit nur mehr ab und zu in der Liste wichtiger Gesundheitsthemen auf. AIDS ist bei uns schon lange kein Urteil mehr über einen frühen Tod. Erfolgreiche antiretrovirale Therapie verlängert das Leben eines Infizierten fast bis auf den „Normalwert“.

„Was brauchen wir für eine Welt ohne AIDS“

Und dennoch nehmen auch optimistische HIV-Experten das Wort „Heilung“ nur ungern und mit vorsichtiger Umschreibung in den Mund. Denn ein effektives Mittel, das Virus für ein und alle Mal aus dem Körper zu vertreiben, gibt es bisher nicht. Auch wenn weltweit rund 15 klinische Studien angemeldet sind, die eine „Heilung“ zum Ziel haben und eine Impfstoff-Studie in Thailand einen Rückgang der Infektionen um rund ein Drittel erbracht hat: Die Zahl der Fälle, in denen das Virus den Menschen vor dessen Tod verlassen hat, beschränkt sich auf einige wenige Ausnahmen. Vor diesem Hintergrund fand vor einigen Wochen in San Francisco eine große Konferenz statt, auf der Experten über das Thema diskutierten: „Was brauchen wir für eine Welt ohne AIDS?“

Reservoir schlafender Viren viel größer als gedacht

In den letzten Monaten tauchten immer wieder Artikel in der Fachliteratur auf, die tatsächlich von einer Möglichkeit sprachen, alle HI-Viren, die sich einmal im Körper niedergelassen hatten, auch wieder loszuwerden oder sie dort trotz hohem Infektionsrisiko gar nicht erst zur Vermehrung kommen zu lassen. Da war von neuen Antikörpern die Rede, die das Virus möglicherweise auch im latenten (Ruhe-)zustand neutralisieren könnten. Allerdings auch von einem Reservoir an nicht aktiven Viren, das wohl viel größer als angenommen sei.

Das zeigte etwa eine Untersuchung, die Robert Siliciano und seine Kollegen von der Johns Hopkins Medical School in Baltimore kürzlich in „Cell“ veröffentlichten. Nach den bisherigen Methoden lassen sich in T-Lymphozyten etwa ein Prozent jener Viren aktivieren, die ihr Erbgut in das Genom ihres Wirts eingebaut haben. Diese Viren schaffen es in die aktive Fortpflanzungsphase. Der Rest, so nahm man bisher an, wäre aufgrund seiner DNA-Defekte nicht dazu in der Lage. Eine falsche Annahme, wie sich jetzt herausstellt. Denn rund zwölf Prozent des integrierten Virusgenoms ist anscheinend intakt. Mit ein bisschen molekulargenetischer Nachhilfe konnten es die Forscher wieder zu vermehrungsfähigen Viren zusammenbasteln. Das bedeutet, dass bis zu 60 Mal so viele schlafende aber kompetente Viren den bisherigen antiretroviralen Behandlungen anscheinend entgehen.

Mutationsresistente Antikörper

Ein anderes Ergebnis zweier Arbeitsgruppen aus Harvard und Bethesda stimmt dagegen optimistischer. Denn offensichtlich wirken neue Antikörper-Cocktails viel besser als bisher. Das zeigen Versuche an infizierten Makakenaffen, die einen Hybridvirus von SIV (Simian Inmmunodeficeincy Virus) und HIV im Blut hatten. Die Antikörper holten die Viren nicht nur schnell aus dem Kreislauf, sondern sorgten auch für dauerhafte Virenfreiheit für mehrere Monate, solange der Antikörperspiegel gleichmäßig hoch war. Mutationen an den Angriffspunkten der Wirkstoffe, eine bisher sehr erfolgreiche Abwehrstrategie der Mikroben, tauchten in den beiden Untersuchungen nicht auf. Vielmehr war der Virentiter nach dem Abschluss der Behandlung deutlich niedriger als vor Beginn. Was aber die neue Therapieoption besonders interessant macht: Auch die Menge an zellassoziierter HIV-DNA, also Viren, die in der Wirtszelle auf ihren Einsatz warten, ging zurück.

Erfolgreiche Therapie infizierter Affen

„Die Ergebnisse der beiden Veröffentlichungen könnten trotz aller Vorsicht die Bemühungen um eine Heilung von AIDS revolutionieren.“ Diese mutige Prophezeiung stammt von Louis Picker und Steven Deeks aus einem Begleitkommentar zu den beiden Forschungsberichten in „Nature“. Schon seit einigen Jahren geistern Berichte über diese neuen effektiven Antikörper durch die AIDS-Fachliteratur: Bei etwa jeder fünften Infektion produziert der HIV-Träger Antikörper mit neutralisierenden Eigenschaften, zumeist allerdings erst nach zwei bis vier Jahren. In der Zeit zuvor liefern sich Virus und Immunsystem ein Wettrennen. Während sich die Virushülle unter dem Dauerangriff des Wirts ständig verändert, treibt das auch die Abwehr an, Immunglobuline mit immer größerer Passgenauigkeit für die aktuellen Antigene zu entwickeln. Nur eine Handvoll der bisher isolierten neutralisierenden Antikörper können jedoch die eine Infektion in Schach halten. Und auch sie wirken auch nicht gegen alle bekannten HIV-Stämme, sondern nur gegen etwa 70 Prozent der bisher bekannten 162.

Der Virusblock bei Makaken gelang mit einem Cocktail solcher Antikörper. Nachdem auch Versuche mit kleineren Tieren erfolgreich verliefen, sollen in Kürze erste humane Studien folgen. Zuerst ist dabei an eine präventive Impfung gedacht. Entsprechende Injektionen sollen Neugeborene vor dem Virus ihrer infizierten Mutter schützen und Erwachsene, die in ihrer Umgebung einem großen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind.

Kombination von ART und Antikörpercocktail

Fragt man Fachleute, wie eine zukünftige erfolgreiche AIDS-Therapie aussehen könnte, so sprechen sich die meisten für eine Kombination von „traditioneller“ antiretroviraler Behandlung und dem Einsatz der neuen Antikörper-Generation aus. Die Schwäche der bisherigen Möglichkeiten lag vor allem im Zugang zum latenten Virusreservoir. Während der Angriff auf die Keime während ihrer Vermehrung und Ausbreitung recht erfolgreich ist, stellen die entlegenen Verstecke intakter, aber nicht aktiver Viren ein großes Problem dar. Das, so hoffen die meisten Experten, können die neutralisierenden Antikörpern besser als bisherige Wirkstoffe lösen.

„Spürnase“ für HIV-1

Ende November publizierte schließlich „Immunity“ die Ergebnisse einer französischen Arbeitsgruppe, die weitere Hinweise für den Zugang zu latenten Viren liefert. Von den zwei großen HIV-Typen vermehrt sich nur der weniger pathogene Typ-2 in dendritischen Zellen, während HIV-1 der Spürnase dieser Abwehrzellen entkommt und sich allein den T-Zellen widmet. Im Capsid von Typ 1 scheint jener Schlüssel zu fehlen, den die dendritischen Zellen für die Aktivierung der Abwehr gegen HIV benötigen. Mit einigen Veränderungen an der Hülle von Typ 1 reagiert das Immunsystem mit einer effektiven Antwort – übrigens auch dann, wenn es zu einer Mischinfektion von Typ-1 und Typ-2 kommt. Auch mit diesem Wissen hoffen die Forscher auf neue Wirkstoffe, um auch gegen Typ-1 Viren eine erfolgreiche Abwehr zu generieren.

Biomedizin + soziale Komponenten

Generell, so waren sich die Fachleute auf der „AIDS-free World“ Konferenz in San-Francisco einig, braucht es jedoch nicht nur neue Erkenntnisse über die Schwachstellen und Angriffspunkte des Virus an sich, sondern auch die Entwicklung einer geeigneten Therapie im großen Maßstab, die nicht nur erfolgreich das Virus bekämpft, sondern auch für Millionen von Betroffenen besonders in Afrika und Asien zugänglich ist. Dazu kommen auch ganz einfache Maßnahmen wie Routine-Tests auf eine Infektion oder die Beschneidung von Männern als vorbeugende Maßnahme, wie Kongresspräsident Anthony Fauci vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases erläuterte. Schließlich, so Fauci weiter, müsse man verhindern, dass sich Kleinkinder bei ihren Müttern anstecken. „Biomedizinische Eingriffe müssen mit menschlichem Verhalten und sozialen Komponenten einhergehen, um eine AIDS-freie Welt zu schaffen.

Geheilter HIV-Patient

Vor einigen Jahren heilten Berliner Ärzte einen HIV-infizierten Lymphom-Patienten mit einer Knochenmarktransplantation. Das Genom des Spenders war auf beiden Chromosomen an der Andockstelle für HIV, dem CCR5-Rezeptor, mutiert. Auch in Frankreich scheint eine sehr früh begonnenen antiretrovirale Behandlung zu einem so niedrigen Virentiter zu führen, dass sich der Körper über viele Jahre hinweg auch ohne Medikamente gegen den Eindringling wehren kann.

Weltweit sind rund 35 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, rund jeder Zwanzigste davon stirbt jedes Jahr. Zu viele Menschen, um das Engagement um eine Heilung der Krankheit zurückzufahren, nur weil Europa eine der weniger stark betroffenen Regionen ist. Nach vielen Jahren, in denen die Medien regelmäßig über fehlgeschlagene Studien im Kampf gegen die Seuche AIDS berichteten, machen die neuesten Meldungen zumindest wieder etwas Mut.

98 Wertungen (4.24 ø)

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10 Kommentare:

@Thorsten Walter:
Auch Nobelpreisträger sind nicht gegen Senilität gefeit.

Es gibt keinen einzigen sauber dokumentierten Fall von AIDS der ausschließlich von einem starken Immunsystem beseitigt wurde.

Vor kurzen hat Montagnier auch behauptet, dass Lösungen, die die DNA krankheitsauslösender Bakterien und Viren wie HIV enthielten, in der Lage seien, niederfrequente Radiowellen auszusenden, die die umgebenden Wassermoleküle veranlassten, sich in Nanostrukturen zu ordnen. Diese Wassermoleküle könnten auch ihrerseits wiederum Radiowellen aussenden. Wasser behalte diese Eigenschaften auch dann, wenn keine Virus- oder Bakterien-DNA mehr nachweisbar sei.

Niemand kann sicher sein, dass seine Intelligenz bis ins hohe Alter erhalten bleibt.

#10 |
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Dipl. Biol. Thorsten Walter
Dipl. Biol. Thorsten Walter

Ich bin ebenfalls erstaunt, wie wenig Kenntnis über die Anfänge der AIDS-Forschung selbst unter Ärzten herrscht. Sicher hat ein verschwindend geringer Anteil der Leute, die über HIV und AIDS reden überhaupt die Veröffentlichung von Robert Gallo gelesen, die als Beweis der HIV-AIDS-Hypothese herangezogen wird. Dieser Forscher wurde wegen “wissenschaftlichesn Fehlverhaltens” verurteilt, nachdem er am 23. April 1984 in einer Pressekonferenz seine Forschungsergebnisse veröffentlichte BEVOR diese im Peer-Review validiert wurden. Diese Veröffentlichung strotzt nur so vor Fehlern, und später gab er in einem Interview zu: “We did not purify.”

Die in der Pressekonferenz von der damaligen amerikanischen Gesundheitsministerin Margaret Heckler gemachte Aussage “We found the PROBABLE cause of AIDS.” wurde am nächsten Tag weltweit zur Aussage “Ursache von AIDS gefunden”, und seitdem wird jede Diskussion darüber im Keim erstickt, auch wenn inzwischen bewiesen ist, das z.B. ALLE der 7 ersten gemeldeten AIDS-Fälle drogenabhängig waren und im Krankenhaus mit immunsuppressiven Antibiotika behandelt wurden.

Wer sich also ernsthaft mit dieser Thematik beschäftigt, sollte sich doch erst einmal mit den Anfängen und Hintergründen auseinander setzen, bevor hier kritische Meinungen angegriffen werden. Es gibt schon Gründe davor, warum Luc Montagnier und nicht Gallo den Nobelpreis erhalten hat und dieser inzwischen die Meinung vertritt, dass HIV von einem starken Imunsystem restlos beseitigt werden kann.

#9 |
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Jürgen Reichle
Jürgen Reichle

Frau Bolte,
nach der Definition (Zitat WiPe): “In der Medizin wird Heilung als Wiederherstellung der Gesundheit unter Erreichen des Ausgangszustandes (restitutio ad integrum) definiert.”
Müssen wir uns noch über Definitionen unterhalten?
Schon interessanter: Hat die Pharmaindustrie ein Interesse daran? Leider bleibt es bei Ihnen bei Hypothesen, die Sie – wie die Gegenpartei – belegen müssten. So und nicht anders funktioniert Wissenschaft, sonst befinden wir uns nämlich niveaumäßig in Chatrooms!

#8 |
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HP Christina Bolte
HP Christina Bolte

Mitunter stellt sich mir die Frage, ob es überhaupt ein Interesse daran gibt, Erkrankungen wie HIV (oder wie die weiter unten erwähnten Grippe-/Herpes-Viren) einzudämmen – immerhin lebt die Pharmaindustrie recht gut davon.
Abgesehen davon, dass ich die lebenslange Einnahme von Medikamenten mit erheblichen Nebenwirkungen allenfalls als lebensverlängernd aber nicht als Heilung bezeichnen würde.

#7 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

wielange

#6 |
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Jürgen Reichle
Jürgen Reichle

Ich ging bislang davon aus, dass die Personen, die hier ihre Kommentare veröffentlichen, auch über ein gewisses Fachwissen verfügen. Wenn das bei der Mehrheit der Leser des DCN nicht der Fall sein sollte, muss sich die Redaktion natürlich Gedanken machen, ich sehe aber derzeit diese Notwendigkeit nicht. Es gibt für den Personenkreis andere populäre und einfachere Seiten im Netz.
Ach ja: Fremdpersonen-Sex?? Lieber Gast, das kenn ich noch gar nicht!? Habe ich da was verpasst??
Zum Thema: Stimmt, der Optimismus sollte sehr verhalten bleiben, bis tatsächlich relevante Datenmengen beim Menschen vorliegen, das ist doch eigentlich die Vorgehensweise bei Naturwissenschaften, oder? Ansonsten stimme ich als Biologe Herrn Dr. Steinschulte zu, was die Grundlagenforschung betrifft!

#5 |
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Gast
Gast

Kondome und nicht SO VIEL Fremdpersonen-Sex und wenn, dann mit Kondom. Das kann doch nicht so schwer sein! #HIV-Eindämmung

#4 |
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Die Anstrengungen in der HIV-Forschung sollten schon allein deshalb nicht zurückgefahren werden, weil sie unerlässliche Grundlagenforschung sind:

Wenn es eines Tages gelingt eine echte Heilungsmethode zu entwickeln, dann liegt in dieser Heilungsmethode mit Sicherheit auch der Schlüssel zur Kontrolle des Grippevirus (mit Billionen Einsparungen in den Volkswirtschaften) und auch zur Kontrolle solch lästiger Viren wie dem Herpes Virus, was zur erheblichen Verbesserung der Lebensqualität von Millionen führt.

#3 |
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Ärztin

Wir werden das HIV-Virus nicht vor dem Grippe-Virus in den Griff bekommen.
Es gibt einen Immuntyp, der resistent zu sein scheint. In der Selektion dieses Immuntypes liegt der Schlüssel für die Heilung bzw. der Resistenz.

#2 |
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Gast
Gast

Mit vielen Worten wenig Inhalt. Kann jeder gut verstehen. Die Redaktion sollte sich mal Gedanken machen, bevor so ein Artikel veröffentlicht wird.

#1 |
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