Neues aus der Planwirtschaft

22. August 2005
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Die Politik schimpft mal wieder kräftig. Der Grund: Die Arzneimittelpreise. Raffgierige Apotheker, handlungsunfähige Ärzte - alle Klischees werden bedient. Im DocCheck-Interview bohren wir nach: Warum sind Naturalrabatte eigentlich verwerflich, Herr Professor Glaeske? Und: Was sollen Apotheker denn sonst tun?

Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen ist der vielleicht profilierteste Gesundheitspolitikexperte der Republik. Für die plötzliche Aufregung um die Arzneimittelpreise hat er nur ein Kopfschütteln übrig. Glaeske, der auch Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist, empfiehlt dessen 760 Seiten starkes Gutachten als Sommerlektüre: „Da steht alles drin“. Wir haben den Hauptautor des Kapitels über die Arzneimittelpreise lieber direkt befragt – über Naturalrabatte im Speziellen und Arzneimittelpreise im Allgemeinen.

Herr Glaeske, was haben Sie eigentlich gegen die Naturalrabatte für Apotheker? Die Kassen müssten die Packungen doch ohnehin bezahlen…

Das Niveau der Arzneimittelpreise im generikafähigen Markt hängt mit den Aufwendungen der Hersteller für Marketing, Außendienst und Rabattaktionen zusammen. Bei der Europameisterschaft beispielsweise gab es wahre Rabattschlachten. Da gab es Hersteller, die für jede Packung zwei oder drei dazu gegeben haben. Wie finanziert sich das? Ich bin überzeugt, dass solche Aktionen mit dazu beitragen, dass die Generikapreise in Deutschland relativ hoch sind. Tatsächlich sind sie in Europa nur in Schweden höher. Das ist der eine Effekt. Zweitens: Weil die Apotheker die Rabattpackungen an den Mann bringen müssen, geben sie sie eher raus als billigere Konkurrenzprodukte. Die aut idem-Regelung wird also von den Apothekern als Folge der Naturalrabatte unterlaufen. Das kann bedeuten, dass die tiefen Preise bei manchen Produktgruppen nur auf dem Rezept stehen. Es gibt Generikaanbieter, die glaubhaft versichern können, dass sie so viele Packungen gar nicht produziert haben, wie sie angeblich produziert haben sollen. Hier wird in großem Umfang auf Kosten der Krankenkassen substituiert. Der Preiswettbewerb wird konterkariert durch einen Rabattwettbewerb.

Der Verband Pro Generika hält Rabatte für ein legitimes Marketingmittel, das in allen anderen Branchen auch üblich ist…

Der Unterschied ist, dass in allen anderen Branchen die Rabatte an den Endverbraucher weiter gegeben werden, also an den, der die Produkte bezahlt. Das ist hier wegen der Festpreisregelung nicht der Fall. Die Rabatte bleiben in den Apotheken hängen. Einen Vorteil haben die Rabatte allerdings: Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Preisfreigabe beschleunigen werden. Wir plädieren schon länger für ein Ende der Festpreise und die Einführung von Höchstpreisen, unterhalb derer sich die Preise frei entwickeln können.

Ein neues Arzneimittelpreissystem scheint überfällig. Der angestrebte maximale Kostenanstieg von 5,8 Prozent im Jahr 2005 ist in weite Ferne gerückt.

Ich muss schon sagen, dass ich das Gejammer der Kassen in diesem Punkt im Moment ziemlich unerträglich finde. Genauso unerträglich ist allerdings, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung sagt, sie könne nichts ändern. Das Referenzjahr für die Gesundheitsreform ist das Jahr 2002. Daran gemessen sind die Veränderungen nicht so dramatisch. Dass das Jahr 2004 nicht als Vergleichsjahr taugt, ist klar. Der Herstellerrabatt wurde von 16 auf 6 Prozent herunter gefahren und auch der OTC-Markt musste sich erst einmal wieder einpendeln. Die Zahlen, mit denen da im Moment Politik gemacht wird, sind nicht ehrlich. Fakt ist allerdings, dass der Generikaumsatz seit diesem Jahr sinkt und der Umsatz mit Analogpräparaten steigt. Wenn die KBV sagt, sie könne da nichts gegen tun, dann ist das Humbug. Im Gebiet der KV Hessen beispielsweise ist die Situation seit Jahren relativ stabil, weil dort eine breitflächige, pharmakotherapeutische Beratung angeboten wird. Was die Ärzte brauchen ist eine Art Pharmaaußendienst der KV-Verbände.

Verlassen wir die kurzfristige Preisentwicklung und blicken etwas in die Zukunft. Die Festpreise für Arzneimittel sind Ihnen ein Dorn im Auge. Was wäre denn die Alternative?

Wir plädieren im Sachverständigengutachten für ein Vertragspreissystem, wie es durch Paragraph 130a, SGB V, ermöglicht wird. Krankenkassen sollen direkt mit den Herstellern über Kontingente und entsprechende Rabatte verhandeln. Dazu braucht es auch keine europaweiten Ausschreibungen. Das Ergebnis eines solchen Vertrags ist eine Liste verhandelter Produkte, die den Ärzten und Apothekern zur Verfügung gestellt wird. Damit bleiben die Vorteile, die die Kasse in den Verhandlungen rausholt, bei der Kasse und können an die Versicherten weiter gegeben werden.

Welchen Grund haben Ärzte und Apotheker, sich an einem solchen System zu beteiligen

Es müssen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, indem auch Apotheker und Ärzte an den Rabatten finanziell beteiligt werden. Im Barmer-Vertrag, dem einzigen bundesweiten Integrationsvertrag, der das bisher versucht, erhalten die Kassen vierzig Prozent der Einsparungen und die Apotheker und Ärzte je dreißig Prozent. Solche Verträge auszuhandeln ist nicht ganz einfach. Gebraucht wird ein Herstellermix, in dem einerseits günstige Anbieter sind, andererseits auch die größeren und meist teureren, die dafür aber die ganze Republik beliefern können.

Warum gibt es nicht längst mehr von diesen Verträgen?

Ich habe manchmal so meine Zweifel, ob alle Krankenkassen wirklich Personal haben, das kompetent genug dafür ist, solche Verträge auszuhandeln. Um gut zu verhandeln, müssen Kassen die Versorgungsdaten, die sie alle haben, auch angemessen auswerten. Daran hapert es. Wer erfolgreich verhandeln will, muss wissen, mit welchen Zahlen er in die Verhandlungen geht. Auch das Selbstverständnis der Kassen muss sich ändern: Die Kassen müssen gegenüber ihren Versicherten die Verträge bewerben. Damit das funktioniert müssen die Verträge auch qualitative Aspekte beinhalten, die die Versicherten von einer Teilnahme überzeugen. Die sind aber oft noch nicht so richtig ausformuliert… Auch auf Seiten der Hersteller gibt es noch Zurückhaltung. Die sind nie müde geworden, mehr Wettbewerb zu fordern, und jetzt, wo es soweit ist, sagen einige: So haben wir es nun auch wieder nicht gemeint.

Was würde ein Vertragspreissystem für die Naturalrabatte bedeuten?

Ziel ist es natürlich, sie auszutrocknen beziehungsweise durch die Verträge zu den Kassen umzuleiten. Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass solche Verträge durch Naturalrabatte auch ausgehebelt werden können: Es ist denkbar, dass ein nicht am Vertrag beteiligter Hersteller ankommt und so hohe Rabatte gibt, dass es für den Apotheker attraktiver ist, dessen Produkte auszugeben. Das Problem lässt sich durch ein Vertragspreissystem also unter Umständen nicht vollständig lösen.

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