Hüftzertifikate – heute im Angebot

30. August 2012
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Mit einem Bericht über Zuweisungen gegen Entgelt sorgte „Frontal21“ für Schlagzeilen. Zwar dementieren Orthopäden die Anschuldigungen, eine Frage bleibt dennoch: Warum ist Deutschland Spitzenreiter bei Knie- und Hüft-Endoprothesen?

Ein trauriger Rekord: „In Deutschland werden im Jahr etwa 200.000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt, und im übrigen Rest von Europa sind es gut 300.000“, sagt Professor Dr. Joachim Grifka, Direktor der Orthopädischen Klinik, Uni Regensburg. Er spricht von einer „unverhältnismäßig hohen Zahl“ an Endoprothesen. Pro 100.000 Menschen führten Chirurgen in 2010 Statistiken zufolge 296 dieser OPs aus, in Norwegen waren es lediglich 232 und in Frankreich 224. Ähnliche Zahlen auch bei Kniegelenken: Hier zu Lande waren es 213 Eingriffe unter 100.000 Einwohnern (2010), im Vergleich dazu liegen beispielsweise Norwegen (75 pro 100.000) und Frankreich (119 pro 100.000) bei etwas mehr als einem Drittel beziehungsweise der Hälfte dieser Menge.

Üble Geschäfte mit Patienten?

„Wir vermuten, dass durchaus einige Operationen auch aus wirtschaftlichen Gründen heraus passieren“, so Dr. Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, Essen. Er schätzt, nur 40 Prozent der Steigerung könne man auf demographische Einflüsse zurückführen. Der Rest hat laut „Frontal21“ ökonomische Ursachen: Je mehr Menschen operiert werden, desto mehr Vergütung gibt es auch von Leistungsträgern – trotz Abschlägen bei Überschreitung des Budgets. Um überhaupt Patienten in das eigene Haus zu bekommen, seien laut dem TV-Magazin sogenannte „Kooperationsverträge“ gang und gäbe, über die niedergelassene Kollegen als Honorarärzte zwischen 1.000 und 1.800 Euro pro Eingriff bekämen. Manche Kliniken zahlen auch, ohne dass operative Leistungen erbracht wurden. Ansonsten lautet die Drohung, künftig niemanden mehr zu schicken. Handelt es sich hier nur um wenige schwarze Schafe, die eine ganze Branche in Misskredit bringen?

Korruption als Kavaliersdelikt

Untersuchungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Auftrag des GKV-Spitzenverbands zeigen, dass „Frontal21“ nicht nur Einzelfällen auf die Spur gekommen ist. Vielmehr bestätigten 14 Prozent der befragten Ärzte, 24 Prozent der stationären Einrichtungen sowie 46 Prozent der nichtärztlichen Leistungserbringer, das Vorgehen sei branchenüblich. Kollegen, denen ein entsprechendes Angebot unterbreitet wurde, wandten sich nur in den wenigsten Fällen an die Ärztekammer (elf Prozent) beziehungsweise an eine Clearingstelle (drei Prozent). Professor Dr. Kai-D. Bussmann, Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg, ist darüber nicht erstaunt: „Die von Studienteilnehmern wahrgenommene gängige Praxis der Zuweisungsvergütung lebt in vielen Fällen davon, dass das Entdeckungsrisiko für den einzelnen Akteur relativ gering und die Nachteile für den Berufsstand sowie das Gesundheitssystem insgesamt weit entfernt sind.“

Kollegen unter Generalverdacht

Gegen solche Anschuldigungen protestieren der Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) sowie die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). In einer Stellungnahme heißt es, Tatbestände würden „im Sinne eines Generalverdachts einer ganzen Berufsgruppe unterstellt“. Allein aus der Zahl an OPs lasse sich kein Fehlverhalten ableiten. „Vorwürfe, offen artikulierte beziehungsweise unterschwellig zum Ausdruck gebrachte Vermutungen, die Krankenhäuser würden medizinisch nicht notwendige Behandlungen erbringen, um ihre Erlöse zu steigern, sind dezidiert zurückzuweisen“, stellt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, klar. Allerdings fordern Fachgesellschaften, in Zukunft verstärkt Wert auf konservative Therapien zu legen, um beispielsweise Hüftoperationen erst in späteren Jahren durchzuführen. Ebenfalls wird ein angemessenes Verhältnis von Kooperationsärzten zu angestellten Fachärzten verlangt. Das ist leichter gesagt als getan.

Kompetenz von außen

Viele Kliniken sind gerade durch den Ärztemangel gezwungen, auf niedergelassene Kollegen zurückzugreifen. Bereits 2011 haben Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung herausgefunden, dass bundesweit 3.000 bis 4.000 Kollegen als Honorarärzte arbeiten, darunter etwa 800 sogar täglich. An der Spitze steht hier die Anästhesiologie (41,4 Prozent), gefolgt von der Allgemeinmedizin (11,7 Prozent), der inneren Medizin (11,3 Prozent), der Gynäkologie (8,2 Prozent) und der Allgemeinchirurgie (7,9 Prozent). Andere Disziplinen wie Pädiatrie (2,3 Prozent), Psychiatrie (2,3 Prozent) oder Dermatologie (1,3 Prozent) sind eher selten. Ohne externe Kollegen hätten viele Kliniken Probleme, da sie eine zunehmende Spezialisierung in Diagnostik und Therapie kaum noch selbst umsetzen können.

„Vertraglich ungeklärt“

Auf der anderen Seite gibt es auch Schwierigkeiten: „Die Integration der honorarärztlich tätigen Operateuren in diese Abteilungen ist nicht unproblematisch, da an vielen Stellen vertraglich ungeklärt“, stellen Unfallchirurgen und Orthopäden in einem Positionspapier fest. Hier kommen vor allem Aspekte der Transparenz und der Qualitätssicherung ins Spiel. Niedergelassene Kollegen sollten etwa Nebentätigkeiten offenlegen, die Klinikinteressen zuwiderlaufen. Auch hat die Abrechnung nach der Gebührenordnung für Ärzte oder angelehnt an diagnosebezogene Fallgruppen zu erfolgen, Zuweisungen gegen Entgelt werden kategorisch abgelehnt.

Handel mit Hüften

Dem GKV-Spitzenverband und der AOK gehen entsprechende Aussagen nicht weit genug. Sie fordern, über ein Zertifikatesystem wie beim Klimahandel unnötige Operationen einzudämmen – anfangs für Knie- und Hüft-Endoprothesen. „Wir prüfen derzeit die Idee, einen Handel mit Zertifikaten für Mehrleistungen bei planbaren Leistungen einzuführen“, erklärt Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandschef des GKV-Spitzenverbands. Kliniken könnten von anderen Häusern, die ihre Leistungsmengen in diesem Bereich nicht ausschöpfen, über eine elektronische „Börse“ Zertifikate erwerben, anstatt Abschläge in Kauf zu nehmen. Doch selbst innerhalb der AOK besteht Uneinigkeit. Während Günter Wältermann, Chef der AOK Rheinland/Hamburg, die Option „zumindest ernsthaft prüfen“ möchte, werde laut Dr. Helmut Platzer, Chef der AOK Bayern, „ein falsches Signal in einen fehlentwickelten Markt gesandt“. Platzer fordert, die absolute Zahl an OPs zu verringern, welche momentan „weit jenseits dessen liegt, was vergleichbare Gesundheitssysteme kennen“, anstatt nur Eingriffe zwischen Klinken hin- und herzuschieben. Das ist Musik in den Ohren von Jens Spahn (CDU). Er droht schon länger, „solche Vergütungssysteme zu regulieren oder gar ganz zu verbieten“.

Strukturelle Probleme lösen

Über einen Zertifikatehandel werden sich grundlegenden Probleme im Gesundheitssystem nicht in Luft auflösen: Während manche Regionen unterversorgt sind, herrscht in Ballungsräumen ein Übergebot an Kliniken – und damit teilweise ein Existenzkampf, der sich auch durch „Gelenkbörsen“ kaum entspannen wird. In einem Punkt besteht aber schon jetzt Klarheit: Mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz hat die Regierung seit Januar 2012 auch ein sozialrechtliches Verbot der Zuweisung gegen Entgelt eingeführt (§ 73 Abs. 7 SGB V).

74 Wertungen (4.43 ø)

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14 Kommentare:

Dr. Christoph Truckenbrodt
Dr. Christoph Truckenbrodt

Professor Dr. Joachim Grifka?? und ihr Kommentatoren hier, was seid ihr bloß für Fach……? Interdisziplinäres Denken tut Not! Wer hat denn dieses Land wieder aufgebaut? Ist doch klar, daß da die Knochen morsch und die Gelenke verottet sind. Als Beispiel meine Mutter, in einer kleinen Landwirtschaft fünf Kinder großgezogen, keine Waschmaschine, keine Spülmaschine, dazu die schwere Stall- und Feldarbeit. Und es wird sich auch in Zukunft nichts ändern, wenn im europäischen Ausland Wahlen damit gewonnen werden, wenn das Rentealter herabgesetzt wird, wogegen es hier heaufgesetzt wird.

#14 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Sehr geehrter Herr Theodor Lotz.
Ich finde es bemerkenswert, wie Sie ohne betriebswirtschaftliche Überlegungen existieren können, da Ihre Äußerungen mutmaßen lassen, dass Sie ehrenamtlich arbeiten. Uns im medizinischen Bereich Tätigen, seien Ärzte, Pflegepersonal oder Pflegediensten ist diese Glück leider nicht beschieden. Wir müssen für unsere “Brötchen” arbeiten und wollen für gute Arbeit auch gut entlohnt werden. Und auch unsere Mitarbeiter wollen und VERDIENEN eine adäquate Entlohnung. Um dies gewährleisten zu können, gehört auch ein gewisser betriebswirtschaftlicher Sachverstand zu den Grundlagen unserer Arbeit. Und das hinterläßt sicherlich keinen schlechten Eindruck. Das Gesundheitswesen ist eine Dienstleistung! Aus meiner Sicht hinterläßt eher einen faden Beigeschmack – ich spreche hier für den Bereich der ambulanten Pflege – dass die Dienstleister, die das Kreuz und die Parität ganz hoch halten, für gleiche Leistungen bei gleicher Qualität und Qualifikation eine wesentlich höhere Vergütung erfahren, als alle anderen.

#13 |
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Hallo ,da möchte ich mich aber als Ärztin wehren gegen diese Beschuldigungen.In allen Berufsgruppen gibt es stark finanziell orientierte Menschen .Ich glaube ,daß der größte Teil der Ärzte noch immer nach dem Eid des Hippokrates handelt .Wenn allerdings für konservative Leistungen und für Gespräche die finanziellen Mittel immer mehr eingeschränkt werden liegt wohl der Hauptfehler ganz woanders.Dagegen sollte vorgegangen werden .

#12 |
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Altenpflegerin

Ich habe seit 3 Jahren eine gesicherte starke Coxarthrose, bekomme Aquagymnastik verschrieben und Einlagen für die Schuhe. Das wars.
Der Beckenschiefstand bleibt; die eingeschränkte Mobilität ebenso. Dabei habe ich noch Glück und kann lediglich keine langen Strecken laufen ohne Rückenschmerzen (!) zu bekommen.
Wenn die Schmerzen sich verändern und ich meinen Beruf nur unter Schmerzen ausüben kann, möchte ich schnellstmöglich operiert werden; auch um ungesunde Schonhaltungen/ Gangbilder zu vermeiden.
Unangenehm wird es, wenn Patienten an bestimmte Operateure / Physiotherapeuten verwiesen werden.
Mir berichteten Patienten, sie bekämen keine Verordnung, wenn sie nicht zu dem Therapeuten gingen.
Es gibt doch so etwas wie die freie Arztwahl? Dumm nur, wenn nur ein Orthopäde vor Ort ist….

#11 |
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Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Es sagte Rudolf Virchow vor mehr als 100 Jahren: Über das Wort MEDICINA PUBLICA ist viel geredet und geschrieben worden, aber allen, die mit Bewußtsein zu denken in der Lage sind, wissen, dass es eine öffentliche Gesundheitspflege nie gegeben hat und auch nie geben wird.

#10 |
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Ist es nicht grossartig, dieselben Politiker, die die sogn. “Wirtschaftlichkeitsreserven heben wollten im freien Spiel der Märkte” beklagen sich nun wenn die Akteure im Gesundheitswesen mit Patienten handeln.
Die niedergelassenen Vertragsärzte sollen aktuell mit 0,9% Honorarsteigerung zufrieden gestellt werden, somit deutlich unterhalb der Inflationsrate. Eingeklemmt zwischen ethischer Überhöhung und knallharten finanziellen Interessen entscheiden sich halt auch Mediziner oft nach dem Motto: erst kommt das Fressen und dann die Moral.
PS auch dieser Artikel übernimmt die Zahlen aus fragwürdig validen Studien völlig blauäugig und unhinterfragt (40% der Steigerung sind demoskopiebedingt, 8000 Honorarärzte arbeiten derzeit). Diese Zahlen sind völlig willkürlich, denn valide Zahlen exisiteren garnicht.

#9 |
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Dr. med Karen Awiszus
Dr. med Karen Awiszus

Zum Glück taucht England in den Beispielen nicht auf.
Wie sieht es denn in Frankreich und Norwegen mit den Wartelisten aus? Ohne diese Zahl ist der Zahlenvergleich zwischen den Ländern sowieso nicht valide.

#8 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

auch zu 1

der berühmte Circulus vitiosus geht um :

keine Bewegung , kein Sport
kein Geld für die sprechende Medizin
kein Geld für Medikamente
kein Geld für Physiotherapie
das Becken bleibt schief stehen u. die ISG blockiert

#7 |
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Arzt

Sehr geehter Herr Natutwissenschaftler Theodor Lotz,
ich habe ein Problem mit ihren Statement.
Warum soll ein Arzt, der seine Mitarbeiter anständig bezahlen will nicht auch betriebswirtschafrlich denken dürfen?
Eugen rehm

#6 |
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Dr. Steffen Kauert
Dr. Steffen Kauert

Für ein Quartals-RLV von 20,40 Euro pro Quartal ist eine suffiziente konservative Therapie bei Coxarthrose und/oder chronischem WS-Schmerz betriebswirtschaftlicher Selbstmord.

#5 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Daran sieht man mal wieder, wie marode unser Gesundheitssystem ist.Die Regulationsmechanismen zur Sicherung des Wohles der Patienten sind offensichtlich entweder nicht vorhanden oder unwirksam.

#4 |
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Prof. Rieser Bernhard
Prof. Rieser Bernhard

Dümmer als die aufgeführten Vermutungen und Unterstellungen gehts nicht . Ein aufgeklärter Patient unserer Zivilisation hat grosse Ansprüche an seine Mobilität und will nicht mit Schmerzen leben. Dies steht dem Patienten bei uns in D kostenlos zur Verfügung – und wird wahrgenommen.In anderen Ländern ist diese Verfügbarkeit nicht gegeben . Es ist gut so , dass wir in D diese gute Versorgung gewähren können – obwohl im gesetzlichen Kassenbereich 40 000 Millionen Euro an Verwaltungsgebühren durch die Krankenkassen entweder selbst verbraucht oder veranlasst werden – und dem Patienten entzogen werden.

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

Die Ärzte sind; “der Seele unseres Geist”

#2 |
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Man könnte auch mal überlegen warum Patienten und Kollegen eine Operation ,als Ausweg aus dem Schmerz sehen.Wir haben ein System,welches die Kollegen bestraft,die Medikamentös versuchen Operationen zu verhindern oder herauszuschieben.
Das gleiche Problem besteht in der Wirbelsäulenchirurgie.
Ein Arzt,der nicht medikamentös eingreift,bekommt auch keinen Ärger!Es wird im allgemeinen nicht unterschieden zwischen muskulären,artikulären oder neuropatischen Schmerzen und nicht zwischen akut und chronisch.Der Behandler nach der Operation überschreitet sein Budget.
Der Frust der Ärzte im System ist der Kostentreiber.Leider wird sich das nicht ändern! Es werden weiter Bilder von RÖ und MRT behandelt-das ist die Folge.

#1 |
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