Vorsicht, getarnte Zecken!

16. September 2005
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Mit dem Ende der Outdoor-Saison ist für viele Menschen auch die Angst vor Zeckenbissen passé. Eine aktuelle Publikation des Robert-Koch-Instituts indes macht deutlich: Lyme Borelliose kennt keine Jahreszeiten und ist bundesweit massiv auf dem Vormarsch.

Die Zahlen des RKI sind unmissverständlich. 60.000 Lyme-Borreliose-Neuerkrankungen verzeichnen die Epidemiologen hierzulande mittlerweile pro Jahr – und stufen die zu der Krankheitsgruppe der Zoonosen gehörende Erkrankung in die „klinisch bedeutsamen Infektionskrankheiten“ ein. Doch trotz solcher Daten seien die Kenntnisse zu Vorkommen und Häufigkeit dieser Erkrankung weiterhin lückenhaft, moniert die Bundesbehörde.

Tarnung als menschliche Zellen

Tatsächlich hält der Erreger Borrelia burgdorferi Patienten, Ärzte und Molekularbiologen gleichermaßen auf Trab. Denn die von Zecken übertragenen Bakterien verfügen in vielen Fällen über einen ausgeklügelten Tarnmechanismus und umgehen auf diese Weise die Immunabwehr des Körpers, wie Wissenschaftler des Hans-Knöll-Institutes (HKI) herausfanden. Bestimmte Stämme sind nämlich in der Lage, die Abwehr auszutricksen, indem sie sich als menschliche Zellen tarnen. Im Wirtsorganismus angelangt, binden die Mikroben an ihre Oberfläche den so genannten Faktor H, ein menschliches Eiweißmolekül, das normalerweise körpereigene Zellen vor einem Angriff durch das Immunsystem schützt. Die Abwehr des Betroffenen ist dadurch nicht mehr in der Lage, die Bakterien als “feindlich” zu erkennen – die Angreifer bleiben unbehelligt. Dass genau das in Deutschland immer häufiger geschieht, dokumentiert das aktuelle RKI-Papier. Demnach explodierte die Anzahl der jährlich übermittelten Lyme Borreliose- Neuerkrankungen in sechs östlichen Bundesländern von rund 300 Fällen im Jahr 1995 auf nahezu 4.500 Fällen in 2004. Doch selbst diese Statistik verharmlost die wahre epidemiologische Dimension, denn eine bundesweite Meldepflicht für Lyme-Borreliose gibt es nach wie vor nicht. Lediglich sechs Bundesländer, nämlich Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen betrachten die Lyme-Borreliose als meldepflichtig. In Thüringen können Ärzte jeden Fall melden, sie müssen es aber nicht. Dem RKI dienten besagte Bundesländer als Datenquelle für die Häufigkeit der Infektionen. Die Auswertung bringt Erstaunliches zu Tage. So sind ausgerechnet Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren am ehesten von einer Infektion betroffen, auch Senioren zwischen 60 und 64 Jahren stehen ganz oben auf der Infektionsrisiko-Rankingliste. Während bei älteren Menschen das Outdoor-Verhalten als Grund für die hohe Erkrankungsrate gilt, rätseln die Mediziner über die Ursachen der Ansteckung bei Kindern. „Eine plausible Erklärung für die hohe Inzidenz bei den Kindern gibt es nicht“, heißt es dazu aus dem Robert-Koch-Institut.

Nach der Outdoor-Saison wachsam bleiben

Einig sind sich die Experten über den Zeitpunkt der größten Infektionsgefahr. 91 Prozent aller durch Zecken übertragenen Lyme-Borreliose-Erkrankungen finden in den Monaten März bis Oktober statt. Genau das aber erweist sich im Alltag als Problem. Denn viele infizierte Patienten übersehen die ersten Anzeichen der Erkrankung. Sie verwechseln die Symptome mit den Vorboten einer Erkältung oder Grippe, weil es lediglich im ersten Stadium der Lyme Borreliose zu einer über Wochen hinweg fortschreitenden Rötung der Haut (Erythema chronicum migrans) kommt. Nach mehreren Wochen kann schließlich das zweite, kritische Stadium beginnen. Obwohl die Erreger verschiedene Organe befallen, bleiben die Symptome diffus: Lymphknotenschwellungen oder Gelenkschmerzen treten auf. Auch in der dritten und bis zu 15 Jahre lang andauernden Phase bleiben Ärzte und Patienten ratlos, weil solche Allgemeinsymptome wie Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen oder Übelkeit die richtige Diagnose ohne den entsprechenden Vorverdacht erschweren. Gerade nach Ende der Outdoor-Saison auch eine Borelliose-Infektion in Betracht zu ziehen, scheint daher mehr als angebracht, wenn sich andere Erkrankungen ausschließen lassen. Auch ein Antikörper-Test im Blut des Patienten kann die entscheidenden Hinweise liefern – vorausgesetzt, die Erreger konnten trotz ihrer „Tarnkappe“ das Immunsystem nicht ganz umgehen.

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