Das (Trüffel-)Schwein in uns

16. September 2005
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Ob Trüffelschwein, Blut-, Spür- oder Jagdhund - ihr Spürsinn kann trainiert und beispielsweise für die Suche nach den "truffes blanches" eingesetzt werden. Amerikanische Forscher stellten jetzt eine Studie vor, die beweisen soll, dass auch Menschen die Möglichkeit zum "Trüffelsniffer" theoretisch erlernen können. Der Geruchssinn steht an vielen Universitäten auf dem Forschungsplan.

Ratlosigkeit beim Richtungsriechen

1961 erhielt Georg von Békésy den Nobelpreis für seine Forschungsarbeiten zum Unterscheidungs- und Selektionsvermögen des Ohres. Ein paar Jahre später kam er zu dem Schluss, dass die Lokalisierung von Gerüchen auf dem gleichen Weg erfolgen muss wie die Einordnung von Geräuschen. Seit vielen Jahren versuchen Wissenschaftler die Experimente des Nobelpreisträgers nachzuvollziehen, um die Fähigkeit des so genannten “Richtungsriechens” bei Menschen nachzuweisen. Bisher ohne Erfolg.

Nervus trigeminus oder Nervi olfactorii?

Unbekannt blieb lange Zeit, welche der zwei sensorischen Systeme zur Geruchswahrnehmung in den Studien des Vordenkers genutzt wurden: das olfaktorische, oder das nasal-trigeminale, oder beide Systeme. Forscher der University of California, Berkeley – unter ihnen die Biophysiker Noam Sobel und Jess Porter- stellten nun eine neue Studie vor, die die vorhandene Anlage für das Richtungsriechen bei Menschen belegen soll. Ausschlaggebend, so die Forscher, sind allein olfaktorische Nerven. Allerdings weisen sie auch darauf hin, dass es für die Trüffelsuche im Piemont nicht ganz reichen wird.

Fitnesstraining im Richtungsriechen

In Versuchen mit Studenten stellten die Berkeley-Wissenschaftler fest, dass diese glaubhaft sagen konnten, von welchem Nasenloch die Duftnote wahrgenommen wird. Funktionale MRIs zeigten zeitgleich, dass unterschiedliche Areale im olfaktorischen Kortex aktiviert werden, je nachdem, ob die Geruchswahrnehmung vom linken oder vom rechten Nasenloch in das Gehirn gelangt. “While a subject was doing his task”, so berichtete Noam Sobel, “I could look at the brain and tell you how accurate he or she would be on every trial.” In weiteren Studien sollen die Probanden im freien Feld mit Duftstoffen trainiert werden, um die Grenzen der Geruchs-Lokalisation zu testen. Aber schon jetzt glaubt man für erwiesen, dass die Spezies Mensch das Richtungsriechen erlernen kann.

Leckere Erdbeere oder verdorbene Auster

Letztes Jahr wurde wiederum ein Nobelpreis an zwei Physiologen, Richard Axel, New York, USA und Linda B. Buck, Seattle, USA, für die Erforschung der Arbeitsweise des olfaktorischen Systems vergeben. Sie entschlüsselten eine Gen-Familie, die Aufschluss über rund 1.000 Geruchsrezeptoren gibt. Die Empfänger für die Duftstoffmoleküle sitzen auf Riechzellen, so die Forscher. Sie leiten Impulse direkt an den oberen Teil des Nasenepithels – an die so genannten Glomeruli. Von hier wird die Information an bestimmte Hirnareale wie dem Cortex piriformis, dem limbischen System oder dem orbitofrontalen Kortex durchgereicht. Und hier wird beispielsweise entschieden, ob der Geruch positiv oder negativ ankommt. Im Unterschied zu den Kollegen aus Berkeley konzentriert sich die Forschung der beiden Nobelpreisträger auf die Frage, wie das Erkennen und das Erinnern von rund 10.000 verschiedenen Düften generell funktioniert. Oder anders gesagt, warum ist der Erdbeergeruch positiv und die Erinnerung an die schlechte Auster negativ gespeichert. Bleibt für den Laien die Frage, zu was sind diese Erkenntnisse gut?

Warum zwei Nasenlöcher?

Dr. Johannes Frasnelli von der Universitäts-HNO Klinik Dresden erklärt: “Wir wissen, warum wir zwei Augen und zwei Ohren brauchen. Aber warum haben wir zwei Nasenlöcher? Die Natur macht nichts umsonst. Um die Ursache herauszufinden, muss Grundlagenforschung betrieben werden.” Chemosensorische Studien, unter der Leitung von Professor Thomas Hummel an der Uni Dresden, kommen zu dem Ergebnis, dass mit dem Geruchssinn allein die Richtung, aus der der Duftstoff kommt, nicht bestimmt werden kann. Aus Sicht der Forscher, spielen sowohl der Geruch als auch der Fühlnerv der Nase eine Rolle. Die Erkenntnis basiert auf der Erforschung von Patienten mit fehlendem Geruchsinn.

Behandlung von Riechstörungen

Für Menschen, die unter Geruchsverlust leiden, so genannte Anosmiker, bringt die Grundlagenforschung vielleicht bald Linderung. Die Wissenschaftler der HNO-Klinik Dresden veröffentlichten gerade das Ergebnis einer Studie zur Behandlung von Riechstörungen. Sie untersuchten, ob der Geruchssinn durch regelmäßiges Training wiedererlangt werden kann. Vierzig Personen haben an der Studie teilgenommen. Ziel des Trainings war es, die Riechzellen zu verbessern, ihr Wachstum zu fördern und die Verarbeitung im Gehirn zu verstärken. Nach vier Monaten konnte ein Drittel der “Geruchsblinden” wieder annähernd riechen.

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