Pharmaforschung am Dauertropf!

23. September 2005
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Verkommt die Apotheke der Welt zum Drogeriediscounter? Mit der einst hoch gepriesenen deutschen Pharmaforschung jedenfalls sieht es derzeit ziemlich mau aus. Eine neue Studie aus Karlsruhe zeigt das jetzt schwarz auf weiß. Woran liegts? Klar, an den viel zitierten Rahmenbedingungen. Aber: Auch innerhalb der Firmen läuft längst nicht alles optimal.

Äußerungen zum Gesundheitszustand der deutschen Pharmaindustrie krankten bisher oft daran, dass sie „ein Geschmäckle“ hatten: Sie kamen meist von Quellen, denen einhundertprozentige Objektivität zuzugestehen dem Laien schwer fiel. Wenn der Verband der forschenden Arzneimittelunternehmen (vfa) sich zum Pharmastandort Deutschland äußert, dann erwartet niemand Lobgesänge. Wenn, umgekehrt, der eher pharmakritisch eingestellte Sachverständigenrat des Gesundheitswesens sagt, so schlimm sei es doch gar nicht, dann hat der unvoreingenommene Leser aus dieser Richtung eigentlich auch nichts anderes erwartet.

These bestätigt: Pharma ist der kranke Mann am Rhein

Seit Kurzem gibt es jetzt eine neue Quelle, um sich ein Bild vom Erkrankungszustand der Apotheke der Welt zu machen. Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) haben sich des Themas angenommen und eine lesenswerte Analyse angefertigt, von der es für den eiligen Leser auch eine Kurzfassung gibt. Sie basiert auf schriftlichen Befragungen von 79 Industrieunternehmen, 47 Forschungseinrichtungen, vier Verbänden und sechs Patientenvertretungen. In die Bewertung flossen außerdem 43 Experteninterviews und ein interdisziplinär besetzter Workshop ein, außerdem als „Außensicht“ eine Auswertung der Fachliteratur. Die Kernthese des umfangreichen Faktenfindungsprogramm lautet: Deutschlands Position als Pharmastandort hat sich deutlich verschlechtert. Die Autoren um den Volkswirt Dr. Michael Nusser und Projektleiterin Dr. Sibylee Gaisser machen das an einer ganzen Reihe von Indikatoren fest, die alle kein rosiges Bild zeichnen. So sank bei Pharmaunternehmen mit Sitz des Mutterkonzerns am Standort Deutschland der Umsatzanteil bei den 50 wichtigsten neuen Arzneimittelwirkstoffen („new chemical entities“) von 11,7 Prozent Anfang der 80er auf 3,3 Prozent Ende der 90er Jahre. Umgekehrt konnten die USA ihren Anteil von 41,5 auf 69,1 Prozent erhöhen. Auch eher vergleichbare Länder wie Großbritannien, die Schweiz und Frankreich legten zu. Die Zahl der Beschäftigten im Pharmasektor nahm in Deutschland zwischen 1992 und 1999 von 136.000 auf 113.000 ab, steigt aber seither wieder an. Der Anteil Deutschlands an den pharmaspezifischen Forschungs- und Entwicklungsausgaben (F&E) der 15 wichtigsten OECD-Länder sank ebenfalls, und zwar von rund 13 Prozent in den frühen 70er Jahren auf rund fünf Prozent im Jahr 1995. Erst in den letzten Jahren ist wieder ein Anstieg zu beobachten, auf zuletzt sieben Prozent im Jahr 2004.

Deutsche Unternehmen: Zu viele Jahre zu wenig Mut?

Ausgehend von diesen und ähnlichen Zahlen machen sich Nusser und seine Mitautoren dann auf Ursachensuche und entwickeln ein sehr differenziertes Bild, in dem die politischen Rahmenbedingungen genauso kritisch gezeichnet werden wie deutschlandspezifische Prozesse innerhalb der Unternehmen und innerhalb der Kliniklandschaft. Von politischer Seite nennen sie unter anderem die Forschungsförderung, die in Deutschland unterdurchschnittlich sei. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt machen die staatlichen Ausgaben für Fördermaßnahmen im Bereich Lebenswissenschaften 0,17 Prozent aus, mehr als ein Drittel weniger als in den USA. Qualifiziertes Personal, also biopharmarelevante Akademiker, sind in Deutschland knapper als anderswo. Rechtliche und politische Rahmenbedingungen ändern sich häufig. Bei direkter Befragung hält die Mehrheit der Unternehmen die Umsetzung von Arzneimittelzulassungen, die Regelungen zur Kostenerstattung, die Preisfestsetzung bei Arzneimitteln und den Umfang der Kostenerstattung in Deutschland für ungünstig. Dies sind im Wesentlichen die bekannten Kritikpunkte. Sie bleiben aber nicht die einzigen, denn die Karlsruher Wissenschaftler haben sich auch innerhalb der Unternehmen umgesehen. So zeigt sich in der Rückschau, dass die durchschnittliche Zuwachsrate bei industriellen Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland mit jährlich etwa sechs Prozent jahrzehntelang nur halb so hoch lag wie in den USA oder in Großbritannien, also in Ländern, die heute besonders gut da stehen. Bezogen auf ihren Produktionswert haben deutsche Unternehmen zwischen 1991 und 2001 nur ein Drittel so viel in F&E investiert wie britische Firmen. Umgekehrt sind die Ausgaben für Produktion, Marketing und Vertrieb bei deutschen Pharmafirmen oftmals höher als bei der Konkurrenz. Auch bei den Lizenzkäufen waren deutsche Unternehmen in den 90er Jahren stark auf Sicherheit bedacht: 75 Prozent aller Lizenzkäufe bezogen sich auf bereits zugelassene oder im Markt befindliche Arzneimittel. US-Unternehmen dagegen kauften zu 70 Prozent billigere, aber auch riskantere Lizenzen von Arzneimitteln in der Präklinik oder in den Testphasen I und II.

Motor heult wieder auf: Jetzt nur nicht abwürgen!

Aber keine Grabrede ohne Silberstreifen am Horizont: Bei der Bewertung des Pharmastandorts Deutschland geben Frühindikatoren den Fraunhofer-Wissenschaftlern mittlerweile wieder Anlass, an eine Trendwende zu glauben. Dazu gehört, dass deutsche Wissenschaftler seit den neunziger Jahren international vernehmbarer geworden sind: Bei den pharmarelevanten Publikationen verzeichnet Deutschland mit Wachstumsraten von jährlich fünf bis zehn Prozent die meiste Dynamik. Ähnlich bei den Patenten: Wachstumsraten von 10 bis 17 Prozent in den Bereichen Pharmazeutik, Biotechnologie und Biopharmazeutik erreicht sonst keiner der Konkurrenten. Die Betrachtung der Produktpipeline unterstützt die These, dass hiesige Firmen eine Zeitlang im Dornröschenschlaf waren und jetzt langsam wieder aufwachen. Bei den Substanzen in marktnahen Entwicklungsphasen, also in den Testphasen I bis III, schneiden deutsche Firmen im Vergleich mit den USA, Japan, Großbritannien und Frankreich schlecht ab. In der präklinischen Forschung allerdings sieht es deutlich anders aus. Nusser: „Ab etwa 2010 dürften wieder mehr Produkteinführungen aus Deutschland zu erwarten sein“.

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