Leberwerte als Vorbote des Herzinfarkts

30. September 2005
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Eine sensationelle Entdeckung haben Mediziner in Österreich gemacht. Der aus der Leberdiagnostik zur Bestimmung des Alkoholkonsums bekannte Laborwert GGT (Enzym Gamma Glutamyl Transferase) kündigt einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall schon Jahre im Voraus an.

Die Studie der Forschergruppe um Hanno Ulmer, Professor für Medizinische Statistik an der Medizinischen Universität Innsbruck, und seiner Kollegen von der Universität Ulm gilt als Durchbruch. Mithilfe der Messung von GGT kann die Früherkennung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zukunft deutlich verbessert werden. Die Mediziner fanden das, was Ärzten bisher in der Früherkennung von Schlaganfall und Herzerkrankungen fehlte – einen verlässlichen, molekularen Risiko-Indikator. Die Zahlen sprechen für sich: 21,9 Prozent der männlichen und 15,6 Prozent der weiblichen Studienteilnehmer hatten ein erhöhtes GGT (>28 U/I bei Männer und >18 U/I bei Frauen). Insgesamt ereigneten sich in dem Studienzeitraum 6990 Todesfälle, 3027 (43,3 Prozent) waren dabei kardio- oder cerebrovaskulär bedingt. Männer mit erhöhten GGT (>28 U/I) hatten ein um 28 Prozent erhöhtes Risiko, an einer Herzkreislauferkrankung zu sterben, Männer mit stark erhöhtem GGT (>56 U/I) sogar ein um 64 Prozent erhöhtes Risiko. Bei Frauen war das Risiko um 35 Prozent (>18 U/I) bzw. um 51 Prozent (>36 U/I) erhöht. Erhöhtes GGT bei jüngeren Personen stellt eine noch höhere Risikokonstellation dar als bei Älteren. Männer mit erhöhtem GGT zeigten eine erhöhte Mortalität bei chronischen Koronarerkrankungen, Herzinsuffizienz, ischämischen Insulten (Schlaganfall durch Gefäßverschluss) und hämorrhagischen Insulten (Schlaganfall durch Einblutung). Kein statistisch signifikanter Effekt zeigte sich bei akuten Koronarerkrankungen (z.B. akuter Herzinfarkt) oder anderen Formen der Herzerkrankungen. Frauen mit erhöhtem GGT wiesen für alle Formen von Herzerkrankungen ein erhöhtes Risiko auf. Statistisch nicht signifikant war dieser Zusammenhang bei Todesfällen durch Gehirnschlag. GGT ist ein statistisch unabhängiger Risikofaktor. Auch die Einberechnung von Alter, Geschlecht, Rauchen, Blutdruck, Cholesterin, Triglyzeride, Blutzucker und Sozialstatus ändert nichts an dieser Einschätzung. Erhöhtes GGT ist im Vergleich zu den etablierten Risikofaktoren gesehen ein relativ starker Risikofaktor und rangiert bezüglich des Risikos an 3. Stelle nach Rauchen und Bluthochdruck, jedoch noch vor erhöhtem Blutzucker, Cholesterin und Triglyzeriden. Die Studienergebnisse zeigen eine Dosiswirkungsbeziehung zwischen GGT und kardiovaskulären Todesursachen. Das Muster (je höher das GGT, desto höher die Mortalität) ist konsistent über die verschiedenen Subtypen der Herzkreislauferkrankungen. Die Studie stützt sich auf die Analyse von knapp 164.000 Gesundenuntersuchungen (89.000 Frauen und 75.000 Männer), die zwischen 1985 und 2001 in Vorarlberg durchgeführt und vom Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin gesammelt, dokumentiert und ausgewertet wurden.

Einfache Blutuntersuchung gibt Aufschluss

GGT ist ein einfaches Leberenzym, das zur Überprüfung der Leberfunktion bereits seit vielen Jahren standardmäßig in der klinischen Routine gemessen wird. Zur Bestimmung von GGT ist lediglich eine Blutprobe erforderlich. Obwohl der Zusammenhang von Alkoholkonsum und kardiovaskulären Erkrankungen Gegenstand unzähliger Studien war, gab es bisher nur wenige Studien, die einen Zusammenhang von erhöhtem GGT und Herzerkrankungen oder Schlaganfall untersucht haben oder ihm eine Bedeutung beigemessen hätten. Diese Tatsache änderte sich auch nicht, nachdem Forscher der Universität Pisa in einer experimentellen Studie zeigen konnten, dass erhöhtes GGT ein möglicher Indikator für die frühe Entwicklung der Arteriosklerose darstellen könnte.

Bessere Chancen für die Früherkennung

Für Hans Concin, wissenschaftlicher Leiter im Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin in Bregenz und Koautor der Studie, bekommt GGT in der Gesundheitsförderung und Prävention damit einen völlig neuen Stellenwert: „Bisher als unspezifischer Parameter abgetan, ergibt sich nun daraus auch für Ärzte in der Zusammenschau mit anderen anerkannten Risikofaktoren eine neue Situation. Eine erhöhte GGT bedeutet ein erhöhtes Risiko und somit in der Prävention und Gesundheitsförderung eine exaktere Abklärung und frühzeitige Behandlung.“ Da GGT mit bekannten Risikofaktoren wie Übergewicht, Diabetes und Hypercholesterinämie korreliert, dürften bisherige Empfehlungen zur Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch einen günstigen Einfluss auf die Reduktion der GGT haben. Hierzu zählen mehr Bewegung und eine gesunde Ernährung, eine medikamentöse Therapie des Bluthochdrucks, eine Normalisierung der Cholesterinwerte sowie der Verzicht auf das Rauchen.

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