Härtnäckiges Bürokratiemonster

30. September 2005
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Seitdem Ärzte ihre Frustration über den explodierenden Verwaltungsaufwand öffentlich äußern, ist von "Entbürokratisierung" die Rede. Ärztevertreter verlangen ein Ende des "Dokumentationswahnsinns". Zahlreiche Initiativen wurden gestartet, verbessert hat sich bislang nichts. DocCheck wollte wissen: Wohin geht die Entwicklung und was wird getan, um in den Reihen der Selbstverwaltung Bürokratie abzubauen?

Umfragen, Initiativen und Konzepte

Vorschriften des Gesetzgebers, die Bürokratie nach sich ziehen, sind kein neues Phänomen, darunter zu leiden haben viele Berufsgruppen – so auch die Ärzte. Eindeutig zu vielen Anforderungen sahen sich Ärzte in Folge der letzten Gesundheitsreform gegenübergestellt. Der 107. Deutsche Ärztetag im vergangenen Jahr zog Konsequenzen. Eine Folge: Die Bundesärztekammer arbeitet derzeit an einem Konzept, das medizinische Anforderungen an die Dokumentation Sektoren übergreifend harmonisieren soll und eventuell in eine Dokumentationsrichtlinie mündet. Zudem wird geprüft, ob ein regionales IT-gestütztes Pilotprojekt, das Dokumentationsanforderungen vereinfacht, machbar ist. Neben diesem „handfesten“ Bemühen, Verwaltungsaufwand zu minimieren, beschäftigen sich zahlreiche Akteure damit, zunächst den Stand der Dinge zu erheben – sprich: Was empfinden Ärzte als überflüssig, wie lange brauchen sie für Dokumentationen und wie kann man aus Sicht der Ärzte bürokratische Belastungen vermeiden? Die Landesärztekammer Rheinland-Pfalz beispielsweise veranstaltete im Juli eine „Anti-Bürokratie-Woche“. Während dieser Tage sollten Ärzte aufschreiben, welche unnötigen Aufgaben und Anfragen sie zu bearbeiten hatten und wie viel Zeit sie dies kostete. Ergebnisse sind einer Sprecherin zufolge in einigen Wochen zu erwarten. In dieselbe Richtung zielt das Engagement der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein: Die dortige Vertreterversammlung beschloss, eine „Taskforce Bürokratie“ aus Vertretern der Krankenkassen und der KV Nordrhein zu gründen, die bis zum Spätherbst vermeidbare Belastungen erkennen will. Zudem hat man einen Tag im Monat zum „Tag der Bürokratie“ in Praxen erklärt, an dem Ärzte hauptsächlich geöffnet haben, um Papierkram zu erledigen.

Erste Ergebnisse: KBV-Umfrage zu Bürokratie in Arztpraxen

Einen ersten Überblick über Angaben von Ärzten zu bürokratischen Belastungen, wenngleich nur von niedergelassenen Vertragärzten, gibt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Von Ende Mai bis Mitte Juli konnten Ärzte auf der KBV-Homepage Angaben zu Erfahrungen mit fünf häufigen Quellen von Unzufriedenheit machen, 324 nutzten diese Möglichkeit. Ihren Angaben zufolge wird die Praxisgebühr als größtes bürokratisches Hindernis wahrgenommen, gefolgt von Disease-Management-Dokumentationen sowie Krankenkassenanfragen. Bundesweit hochgerechnet beträgt der zeitliche Aufwand durch die Praxisgebühr theoretisch 8,6 Millionen Stunden, der durch Kassenanfragen eine Million und der durch DMP’s 400 000 Stunden. „Die Umfrage hat bestätigt, dass sich die niedergelassenen Ärzte mit einem zu Viel an Bürokratie konfrontiert sehen“, betonte KBV-Sprecher Dr. Roland Stahl gegenüber dem Doccheck Newsletter. Die Gefahr, dass die KBV-Umfrage ohne Folgen für den Bürokratieabbau bleibt, sieht Stahl indes nicht. Die Herausforderung sei nun, gemeinsam mit gesetzlichen Krankenkassen und möglichst vielen weiteren Partnern im Gesundheitswesen nach Lösungen zu suchen. “Alleine kann die KBV das nicht“, ist sich der Sprecher sicher.

Der Blick in den Spiegel: Was kann man selbst tun?

Sicher ist sich die KBV hingegen in einem anderen Punkt: Auch in den eigenen Reihen engagiert gegen zu viel Bürokratie vorzugehen. Denn als Dienstleister vor Ort arbeiteten die KVen schon heute sehr Service orientiert und könnten Ressourcen dort, wo es möglich sei, bündeln, meint Stahl. „Nicht alle Aufgaben müssen von 17 KVen und der KBV gleichzeitig und jeweils einzeln durchgeführt werden.“ Es bleibt zu hoffen, dass der Blick in die eigenen Reihen keine Ausnahme ist. Sonst verlieren die Akteure nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, wie Dr. med. Stefan Windau, Vizepräsident der Sächsischen Landesärztekammer, auf dem diesjährigen Deutschen Ärztetag im Mai betonte. Sondern sie produzieren auch an anderer Stelle erneut Bürokratie.

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