Münchhausens Geheimnis enttarnt

17. Oktober 2005
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Lügen haben kurze Beine. Oder doch lange? Fest steht, es gibt Menschen, die können besser flunkern, schwindeln und täuschen als andere. Lügen aus Höflichkeit akzeptieren wir zumeist als moralisch vertretbar. Den notorischen Schwindler lehnen wir hingegen ab. Forscher glauben, eine Lösung zur Enttarnung von krankhaften Lügnern gefunden zu haben....

Notorische Lügner an weißer Hirnmasse erkannt

Wissenschaftler aus Südkalifornien gingen von der Annahme aus, dass es ganz schön anstrengend ist, die Wahrheit zu verbergen. Und unterstellten, dass derjenige, der lügt, ein gutes und schnelles Gedächtnis haben muss. Ihre Ergebnisse könnten dies unterstreichen. Mit Hilfe bildgebender Verfahren (MRI) wiesen sie nach, dass die pathologischen Lügner in dem Test bis zu 26 Prozent mehr weiße Hirnmasse und bis zu 14 Prozent weniger graue im präfrontalen Kortex hatten. Die Farbe weiß steht für das Übertragen von Informationen und grau für das Verarbeiten. Der höhere Anteil an weißer Materie weist auf ein eng verknüpftes Netz von Nervenzellen hin, was das Rüstzeug für einen guten Lügner ausmachen könnte. "They`ve almost got a natural advantage", so die Wissenschaftler.

Pathologisch und very cool

Woran macht man einen pathologischen Lügner dingfest? Die Forscher stellten diesbezüglich einen Katalog an Kriterien für betrügerisches, irreführendes oder manipulatives Verhalten auf. Dazu zählten beispielsweise Lügen, mit denen sich ein Krankenattest erschwindeln lässt. Oder widersprüchliche Aussagen in Bezug auf Beschäftigung, Ausbildung, Kriminalität und Familien-Background. Charakteristisch für den Gewohnheitslügner sei, so die Forscher, die Unverfrorenheit und die Coolness, mit der sie darüber sprechen. Aus 108 Freiwilligen, die von einer Zeitarbeit-Agentur in Los Angelos vermittelt wurden, pickten sie sich 15 Pathologen, 16 Persönlichkeitsgestörte und 21 Normale heraus. Die beiden letzten Gruppen wiesen im MRI normale Relationen zwischen weißer und grauer Gehirnmasse auf.

Unterentwickeltes Reuegefühl

Wenn normal veranlagte Menschen lügen, so die Ergebnisse aus früheren Studien, kündigt sich das im präfrontalen Kortex durch erhöhte Aktivität an. Konkret in den Gehirnarealen, in denen Reuegefühl und Moralverhalten indiziert sind. Wenn notorische Lügner weniger graue Gehirnmasse in diesem Areal aufzeigen, spricht das für einen Mangel an moralischer Kompetenz, erklärt Professor Adrian Raine. Er und YalingYang, die beiden Autoren der Veröffentlichung, gehören dem USC College of Letters, Arts and Sciences an. Separate Studien mit autistischen Kindern bestärken die beiden zusätzlich in der Richtigkeit ihrer Interpretation. Es ist bekannt, dass Autisten Probleme mit dem Lügen haben. Die Relation von grau und weiß verhält sich bei ihnen genau umgekehrt zu den gescannten Mustern von Lügnern.

Nothing but the truth

Das Interesse an derartigen Studien ist in den USA groß. Grund ist u.a. der Lügendetektor, Polygraph genannt, der in der angelsäsischen Rechtssprechung, speziell vom FBI, eingesetzt wird. Seit vielen Jahren wird moniert, dass das Gerät nicht zuverlässig arbeite. Ein routinierter Verdächtiger kann den Test bestehen und ein nervöser daran scheitern, so heißt es in Fachkreisen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Justizirrtümer, die auf das Konto Lügendetektor gehen. Forscher aus Chicago beschäftigt daher vor allem die Frage, wie viel von unserem Verhalten bewusst kontrolliert und wie viel davon angeboren ist. Sie fanden mit dem funktionalen MRI heraus, dass unterschiedliche Gehirnareale tangiert sind, je nachdem, ob die Wahrheit gesagt oder gelogen wird. Ob damit das Überlisten ausgeschlossen werden kann, lassen sie offen. Die Ergebnisse der Kalifornier könnten vielleicht neue Anhaltspunkte bringen. Aber auch sie gehen davon aus, dass es noch mehr Indizien als die weiss-graue Gehirnmasse zur eindeutigen Enttarnung von pathologischen Lügnern geben wird.

PS: Gewohnheitslügner sind vertrauenswürdig: Man kann sich auf ihre Unwahrheiten verlassen. (Redewendung aus Wallonien)

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