Schokolade macht mehr als glücklich!

17. Oktober 2005
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Dass Kakaoprodukte gut für die Seele sind, wissen nicht nur liebeskranke Teenager. Doch der braune Tropentrunk hat offenbar noch andere heilsame Eigenschaften. Neben kardioprotektiven Wirkungen wirkt Kakao auch als Durchfallbremse. Da wundert es nicht, dass die vielseitige Bohne in letzter Zeit neugierige Mediziner zu klinischen Studien stimuliert.

Gute Nachrichten von der Schokoladenfront: Vor allem die dunkle Variante der Süßspeise ist – Zahnärzte weghören – medizinisch wertvoll. Wiederholt gingen in den letzten Monaten Meldungen über den Ticker, wonach die zarteste Versuchung nicht nur für die Seele, sondern auch für das Herz der reinste Balsam ist.

Schoko im Blut fließt besser und drückt weniger

So ließen italienische Forscher um Davide Grassi von der Universität in L’Aquila kürzlich fünfzehn Gesunde zwei Wochen lang täglich eine Tafel Schokolade vertilgen. Die eine Hälfte der Probanden bekam dunkle Schokolade vorgesetzt, die reich ist an Kakao und damit an Flavonoiden, jene Farbstoffe, die auch im Rotwein enthalten sind. Die andere Hälfte musste sich mit kakao- und flavonoidfreier, weißer Schokolade begnügen. Ergebnis: Eine Blutdruckdifferenz von immerhin knapp 7 Millimetern Quecksilbersäule systolisch und eine höhere Insulinsensitivität bei der dunklen Fraktion.

Erst Anfang September gab es auf dem Europäischen Kardiologenkongress in Stockholm Unterstützung für Grassi: Dr. Frank Hermann vom Universitätsspital Zürich berichtete dort von einer kleinen Studie mit 25 gesunden Rauchern mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren. Auch hier wurde entweder Bitterschokolade oder weiße Schokolade verfüttert. Nur bei den Probanden, die bittere Option bekommen hatten, verbesserte sich die Endothelfunktion und verringerte sich die Blutplättchenaggregation.

Dank Schokolade bleibt auch mehr drin.

So weit, so erfreulich fürs Herz. Doch eine US-amerikanische Arbeitsgruppe vom Children’s Hospital and Research Center Oakland in Kalifornien setzte jetzt noch eins drauf. Schokolade ist auch was für die Akuttherapie bei Durchfallattacken. Nun, genau genommen fehlen hier noch die harten klinischen Daten. Doch was die Wissenschaftler um Horst Fischer und Beate Illek bisher in Zellkulturen herausgefunden haben, rechtfertigt in jedem Fall den Therapieversuch, wenn es das nächste Mal so weit ist…

Schokolade als Durchfallbremse? Wie soll das molekular vonstatten gehen? Die Hypothese von Fischer und Illek lautet, dass die Polyphenole des Kakaos, die sich vor allem aus den Flavonoiden Catechin und Epicatechin aufbauen, einen wichtigen Chloridkanal im Darm hemmen können, den CFTR oder “Cystic Fibrosis Transmembrane Conductance Regulator”. Durch diesen Kanal an der luminalen Membran der Enterozyten werden Chloridionen aus der Schleimhaut ins Darmlumen geschaufelt. Bei sekretorischer Diarrhoe, wie sie zum Beispiel für die Cholera, aber auch für viele E-coli-Infektionen des Darms typisch ist, wird dieser Kanal als Folge toxischer Einflüsse überaktiv. Chlorid strömt aus, Wasser folgt, und der Durchfall ist da.

Interessanterweise scheinen Flavonoide in niedrigen Dosierungen einen eher fördernden, in höheren Dosierungen dagegen einen hemmenden Einfluss auf die CFTR-Aktivität zu haben, wie die Wissenschaftler in ihrer Veröffentlichung in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift The Journal of Nutrition schreiben, in der auch ein Editorial zu den kardioprotektiven Wirkungen der Polyphenole zu finden ist. Leichte molekulare Veränderungen können zudem zu deutlich unterschiedlichen Wirkungen führen, was erklärt, warum ein Antidurchfalleffekt für Polyphenole in früheren Untersuchungen mit anderen polyphenolreichen Lebensmitteln nicht aufgefallen war. “Wir sind der Auffassung, dass bereits normale Kakaoaufnahme im Darm zu ausreichend hohen Konzentrationen der Substanzen führt, um die CFTR-vermittelte Salz- und Wassersekretion zu bremsen”, so Fischer und Illek in ihrer Publikation.

Scientists: Standing on the shoulder of (centralamerican) giants

Die beiden Wissenschaftler behaupten allerdings nicht, dass sei die ersten seien, die auf die Idee gekommen sind, Kakao sei eine Durchfallbremse. Im Gegenteil: Sie stellen sich sogar in eine ziemlich lange Tradition. So haben Medizinhistoriker beschrieben, dass in Zentralamerika bereits im 15. Jahrhundert vereinzelt Kakaoextrakte verwendet wurden, um Durchfälle bei Kindern zu behandeln. Auch in Europa wurde das in der Folge üblich. Kaum zu bezweifeln, dass die meisten Kinder es begrüßen würden, wenn die moderne Medizin zu dieser mittelalterlichen beziehungsweise frühneuzeitlichen Tradition möglichst schnell zurück fände. Bleibt abzuwarten, ob jemand den Mut findet, eine randomisierte, kontrolllierte Studie mit Schokolade zu machen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass wieder nur irgendein Saft dabei herauskommt…

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