Ersatzteil aus dem Rückenmuskel

24. Oktober 2005
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"Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass Vögel ihre inneren Haarzellen regenerieren können - und wir nicht." So Herr Professor Cornelius Frömmel, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen. Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der regenerativen Medizin stellte sich auch auf der diesjährigen Biotechnica in Hannover.

Maßgerechte Ersatzteilzucht im Rückenmuskel

Chirurgen der Kieler Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, unter Leitung von Professor Jörg Wiltfang, vollbrachten das Meisterstück. Sie gaben einem Patienten, dem sieben Jahre zuvor ein großer Teil des Kiefers wegen eines Tumors entfernt werden musste, sein altes Gesicht zurück. Ein neuer, maßgerecht gezüchteter Unterkiefer konnte nach sieben Wochen Wachstum erfolgreich in den Mund des Patienten verpflanzt werden. Das Besondere an dem weltweit einmaligen Implantat: Auf der Basis von autologen Zellen wurde Knochengewebe erzeugt, das im Rückenmuskel des Patienten heranwuchs. Sieben Jahre lang konnte der Mann nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. Inzwischen kann der Leidgeprüfte fast wieder normal essen. Er verdankt die wieder hergestellte Lebensqualität den immensen Fortschritten im Tissue Engineering (Gewebezucht), ein Teilbereich der regenerativen Medizin.

Knorpelzucht im Knie

In der Schweiz werden jeden Monat hunderte von Menschen mit Sportverletzungen in die Krankenhäuser eingeliefert. In der Mehrzahl handelt es sich um Knorpelverletzungen im Knie, die sich die Patienten durch Ski- und Snowboardfahren im Winter oder Rollerskating bzw. Skateboarding im Sommer zuziehen. Eine neue Technologie, die in der Arthrose-Klinik in Zürich bereits praktiziert wird, soll die Behandlung von defektem Knieknorpel revolutionieren: Zellen, die aus patienteneigenem, gesunden Knorpelgewebe stammen, werden in einem Gerüst aus biologisch abbaubaren Polymeren in das kaputte Knie eingebracht und wachsen dort heran. Der Vorteil ist, so Professor Christoph Erggelet der Arthrose-Klinik Zürich, dass sich das Gewebe im eigenen Körper besser und nachhaltiger entwickeln kann als in einer künstlichen Umgebung. Er nutzt ein neues Verfahren der Gewebezucht, das von der deutschen Firma BioTissue, Freiburg entwickelt wurde.

Abgekürztes ACT-Verfahren

Ein Ärzteteam der Cleveland Clinic Foundation berichtet aktuell über die erste erfolgreiche Knorpeltransplantation mit CaReS®. Bei dem Verfahren handelt es sich um eine Knorpel-Transplantations-Technologie, die von der deutschen Ars Arthro, Esslingen entwickelt wurde. Es ist bisher das erste deutsche Unternehmen, das eine Zulassung der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) erhalten hat. “Das Verfahren erleichtert den zentralen Teil einer klassischen ACT (Autologe Chondrozyten Transplantation), bei dem bisher langwierig ein fixierender Periostlappen appliziert werden musste, erheblich”, so der Chirurg Dr. Richard Parker aus Cleveland. Das A und O dieser neuen Technologie besteht nicht in der Verfügbarkeit autologer Zellen, sondern in der Herstellung einer biologischen Matrix, in die Zellen so eingebracht werden können, dass ein nahezu natürliches Gewebe mit biomechanisch stabilen invivo-Eigenschaften entsteht. Das Transplantat, das nur knapp zwei Wochen für die Heranbildung des Ersatzgewebes benötigte, wurde mit Fibrinkleber fixiert. Dadurch werden Operationszeiten reduziert und eine schnelle, langfristige Heilung auch größerer Knorpelläsionen laut Pressemeldung der Ars Arthro möglich. Die von ihnen entwickelte, matrixgekoppelte Transplantation auf Kollagenbasis soll in Zukunft auch lädierte Meniski, Bandscheiben oder Bänder heilen können.

Deutsches Tissue Engineering in der ersten Liga

Deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen stehen auf dem Gebiet des Tissue Engineering weltweit an der Spitze. Das ist um so erstaunlicher, als die junge Biotech-Branche schwer zu kämpfen hat. Zulassungsbeschränkungen und ein zäher Prozess bei der Erstattungsfähigkeit durch Kassen erschweren den Marktzugang. Es fehlt an Venturekapital, um die lange Durststrecke zu überwinden. Die Bereitschaft, in deutsche Biotechnologie zu investieren, hat stark nachgelassen. Die Ethik-Diskussion um die Stammzellenforschung erweist sich als Bremse auch auf den internationalen Finanzmärkten. Wie soll es weitergehen?

Pflicht zur Zulassung aufgehoben

Die Beteiligten blicken mit großer Hoffnung nach Brüssel, wo an einer EU-Verordnung “Advanced Therapies” gearbeitet wird. Eine europaweit einheitliche Regulierung soll nicht nur Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit gewährleisten, sondern auch heutige Wettbewerbsnachteile ausräumen, so die Forderung vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Anlässlich der diesjährigen Biotechnica apellierte Gudrun Tiedeman, Geschäftsführerin im BPI, an Wissenschaftler und Unternehmen, “sich schon heute in die Diskussion zur EU-Verordnung einzubringen, die Diskussion mit dem GBA und IQWiG zu suchen und sich frühzeitig auf die zu erwartenden Forderungen einzustellen”. Der BPI konnte beim Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung (BMGS) erwirken, dass der Bereich der humanen Tissue Engineering Produkte bis zur endgültigen EU-Regelung von der Pflicht zur Zulassung ausgenommen wird.

Regenerative Medicine Initiative Germany

Zusätzlich setzt sich ein neuer Trend in der Gewebezucht-Branche durch, wie die vorangegangenen Beispiele zeigen. Sowohl in Unternehmen wie auch in der Wissenschaft konzentriert sich nunmehr alles darauf, bessere, schnellere und kostengünstigere Methoden zu entwickeln. Das Ziel heisst, mit Forschung am Markt erfolgreich sein. Wie es funktionieren könnte, zeigt die Life & Brain in Bonn. Viele – vielleich zu viele? – Forschungs-Vorhaben zu Geweben und Organen befinden sich allerdings noch in den Kinderschuhen, so Joeri Borstlap, Koordinator der Regenerativen Medizin Initiative Berlin (RMIB). Als Hemmnis sehen die Berliner, dass die meisten Aktivitäten regional verankert sind, was zu einer ungewollten Fragmentierung des Wissens führen kann. Das Verdienst von Joeri Borstlap ist es, zusammen mit BioCon Valley aus Rostock, BioTOP Berlin-Brandenburg und der Unterstützung durch die Schering AG und des BPIs eine bundesweite Koordination aller lokalen Netzwerke, Initiativen und Förderinstitutionen im Rahmen einer “Regenerative Medicine Initiative Germany” zu etablieren. Das erste Treffen fand auf der Biotechnica statt.

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