Darmspiegelung, und keiner geht hin…

24. Oktober 2005
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Bei der Behandlung von Darmkrebs wurden in letzter Zeit einige erfreuliche, aber sehr teure Fortschritte gemacht. Trotzdem bleibt Darmkrebs eine Epidemie. Darmspiegelungen werden viel zu wenig wahrgenommen. Was also tun? Ganz einfach: Impfen - sagen Wissenschaftler aus Heidelberg.

Die Zahlen sind auch deswegen so bemerkenswert, weil in der Öffentlichkeit so ungern darüber gesprochen wird: Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland fast 70.000 Menschen an Darmkrebs. Knapp 30.000 sterben daran. Kein Wunder, dass Experten wie Professor Wolff Schmiegel von der Ruhr Universität Bochum von einer Epidemie sprechen.

Fünf von sechs Todesfällen könnten verhindert werden.

Dabei ist der Darmkrebs eine Krebserkrankung, die sich verhindern lässt. Seit einiger Zeit bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen jedem Versicherten jeweils eine Koloskopie im Alter von 55 und 65 Jahren. Bei dieser Gelegenheit werden eventuell vorliegende Polypen entfernt. Dadurch wird ein Großteil der Vorstufen und Frühformen dieses anfangs sehr langsam wachsenden Tumors beseitigt. Auf einem Symposium zur Gastroonkologie in Berlin schätzte Schmiegel kürzlich, dass sich bei konsequenter Nutzung des Koloskopiescreenings 25.000 von 30.000 Todesfällen pro Jahr verhindern ließen. Davon allerdings sind wir weit entfernt. Von den rund 22 Millionen Deutschen, die im "richtigen" Alter für ein Koloskopiescreening wären, haben bisher (Stand Ende 2004) nur etwas mehr als eine Million davon Gebrauch gemacht. Kein Wunder also, dass Wissenschaftler weiter emsig nach Alternativen suchen. Auf medikamentöser Seite wurden in letzter Zeit einige Fortschritte gemacht. Die Chirurgie mit und ohne adjuvante Behandlung mit modernen Kombinationschemotherapien kann Patienten mit Darmkrebs im Frühstadium heute in der Mehrzahl der Fälle heilen. Neue Chemotherapien und vor allem Antikörper gegen den vaskulären endothelialen Wachstumsfaktor VEGF sind zumindest Hoffnungsschimmer für Patienten, bei denen bereits Metastasen oder ein lokal fortgeschrittenes, inoperables Stadium des Tumors vorliegen. Der Königsweg freilich wäre es, den Krebs zu verhindern oder ihn zumindest in extrem frühem Stadium unschädlich zu machen.

Koloskopiemuffel hergehört: Kommt jetzt die Impfung?

Einen solchen Weg versuchen beispielsweise Ärzte und Forscher um den Heidelberger Molekularpathologen Professor Magnus von Knebel Doeberitz zu beschreiten: Sie arbeiten seit einiger Zeit fieberhaft an einer Impfung gegen das Kolonkarzinom. Konkret gehe es ihnen dabei um eine ganz bestimmte Subgruppe der Kolonkarzinome, wie von Knebel Doeberitz in einem Vortrag Berlin sagte. Etwa 15 Prozent der Dickdarmkarzinome sind nämlich auf einen Defekt bei der DNA-Reparatur zurückzuführen. Vor allem das erbliche, nicht-polypöse kolorektale Karzinom-Syndrom HNPCC gehört in diese Kategorie. Doch auch einige der sporadischen, nicht-erblichen Kolonkarzinome folgen dieser Pathogenese. Konsequenz des Defekts ist eine Instabilität von so genannten Mikrosatelliten, sich wiederholende DNA-Sequenzen, die innerhalb codierender Abschnitte des Genoms liegen können. Ist das der Fall, dann werden die entsprechenden Gene inaktiviert, was die Krebsentstehung begünstigt. Aber nicht nur das: Weil die Eiweißsynthese durch die instabilen Mikrosatelliten gestört wird, kommt es zur Bildung von Eiweißstoffen, die es im gesunden Darm nicht gibt. Mit anderen Worten: Es entstehen tumorspezifische Eiweißstoffe, gegen die der Körper eine Immunreaktion auslöst. Für eine Impfung könnte man sich das zu Nutze machen. "Wir haben jetzt einen Satz von Antigenen beschrieben, die interessante Kandidaten für potenzielle Impfstoffe sein könnten", so von Knebel Doeberitz über den derzeitigen Stand der Forschung. Mit diesen Antigenen könnte eine Immunreaktion gegen in Entstehung befindliches Tumorgewebe ausgelöst werden.

Die besten Konzepte werden der Natur abgeschaut.

Hoffnung, daß ihr Ansatz funktionieren könnte, macht den Wissenschaftlern die Beobachtung, daß nur etwa 80 Prozent der Genträger beim erblichen Krebssyndrom HNPCC tatsächlich Dickdarmkarzinome entwickeln. Bei den anderen scheint die körpereigene Abwehr mit den Krebszellen irgendwie klarzukommen. Möglicherweise liegt das an einer ausgeprägten Immunreaktion gegen die Fremdeiweiße, die bewirkt, dass die entsprechenden Zellen von zytotoxischen T-Zellen beseitigt werden. Tatsächlich lasse sich bei den gesunden Genträgern eine stärkere Immunreaktion nachweisen als bei denen, die einen Tumor entwickeln, wie von Knebel Doeberitz erläuterte. Wenn sich diese natürliche Abwehrreaktion durch eine Impfung stimulieren ließe, dann gibt es zumindest für 15 Prozent der Darmkrebsopfer Hoffnung. Den anderen wird vorerst nichts anderes übrig bleiben, als doch zur Koloskopie zu gehen. Ohnehin keine schlechte Idee für jene 21 Millionen Deutschen, die es noch nicht getan haben…

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