Graffiti im Colon.

24. Oktober 2005
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Was machen Graffiti-Künstler mit einer nichtssagenden Wand? Anmalen natürlich. Auch bei Ärzten gibt es diesen Reflex: Sie bringen Nebenschilddrüsen zum Leuchten und färben Darmepithelien blau. Das Ziel ist dasselbe: Was man besprüht, fällt besser auf.

Wenn Professor Markus Neurath von der 1. Inneren Klinik der Universität Mainz einen Patienten mit Colitis ulcerosa zur Koloskopie empfängt, dann sieht er blau. Der Flug durch den Darm per Kamera reicht ihm nicht aus. Nach einem orientierenden Blick in alle Richtungen tränkt er die Darmwand in Farbe. Was zuvor wie ein ganz normaler Abschnitt des Dickdarms aussah, offenbart plötzlich seine wahre Natur. Ein Adenom kommt zum Vorschein, im Niveau der umliegenden Schleimhaut gelegen und daher mit bloßem Auge nicht zu erkennen.

Gezielt biopsieren statt im Trüben fischen

Verglichen mit der gesunden Normalbevölkerung haben Colitis-Patienten ein stark erhöhtes Risiko, ein Dickdarmkarzinom zu entwickeln. Auf einer Veranstaltung der Falk Foundation in Berlin schätzte Neurath, dass etwa neun Prozent aller Patienten mit Colitis ulcerosa innerhalb von zwanzig Jahren ein kolorektales Karzinom entwickeln. Nach 45 Jahren sei es fast jeder dritte. Kolonkarzinome entstehen aus Adenomen. Doch anders als in der Normalbevölkerung, wo diese Adenome oft als gut sichtbare Polypen oder jedenfalls deutlich erhaben auftreten, sind sie bei der Colitis oft flach wie ein Acker in Brandenburg. Um dieses Problem zu lösen, wurde die Chromoendoskopie entwickelt, die Endoskopie "mit Farbe". Zum Einsatz kommt in Mainz eine 0,1-prozentige Lösung von Methylenblau, die während der Endoskopie auf die Darmwand aufgetragen wird. Zellen mit hochgradig dysplastischen Veränderungen werden dadurch wie von Geisterhand sichtbar gemacht. In klinischen Studien haben die Mainzer ihr Verfahren evaluiert und eindrucksvolle Ergebnisse erzielt. Wenn sie Methylenblau einsetzen, finden sie dreimal so viele dysplastische Veränderungen und viermal so viele hochgradige intraepitheliale Neoplasien wie sonst. Darüber berichtet haben die Mainzer erstmals vor zwei Jahren. Mittlerweile wurden ihre Beobachtungen auch von anderen Gruppen reproduziert. "Durch die Chromoendoskopie werden bei Colitis-Patienten gezielte Biopsien in verdächtigen Regionen möglich", so Neurath, der bereits an einer Weiterentwicklung des farbenfrohen Diagnoseverfahrens arbeitet. Die Kombination mit einer Endoskopielupe erlaubt eine Live-Histologie während der Darmspiegelung, bei der für den Koloskopiker dann sogar Veränderungen der Zellkerne ohne Biopsie sichtbar werden.

Leuchtendes Vorbild: Das Epithelkörperchen

Farbenfroh geht es auch im Operationssaal von Professor Stefan Post am chirurgischen Universitätsklinikum in Mannheim zu. Bei Entfernungen der Nebenschilddrüsen werden dort seit einiger Zeit die Epithelkörperchen zum Leuchten gebracht. Die vier winzigen, aber für den Kalziumstoffwechsel zentralen Strukturen befinden sich auf der Rückseite der Schilddrüse. Lange Zeit wurden sie in einer offenen Operation entfernt, die mit einem später als Narbe deutlich sichtbaren Halsschnitt einherging. Mittlerweile können Nebenschilddrüsen minimalinvasiv operiert werden, was aber die Übersicht verringert: "Durch die Einführung minimalinvasiver Verfahren stieg die Schwierigkeit, diese winzigen Organe auch tatsächlich zu finden", so Post über den Hintergrund des an seiner Klinik entwickelten Fluoreszenzverfahrens. Die Patienten nehmen dazu vor der Operation einen Farbstoff ein, und zwar eine körpereigene Vorstufe des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. Wird die OP-Region daraufhin mit einer minimalinvasiv eingeführten, blauen Lichtquelle bestrahlt, erscheinen plötzlich rot leuchtende Epithelkörperchen vor den Augen des Chirurgen. Mit den üblichen Instrumenten können diese Strukturen dann gezielter abgetragen werden, als das bisher möglich war. Für die Entwicklung dieses Verfahrens, das jetzt in einer klinischen Studie evaluiert werden soll, hat Posts Assistenzarzt Dr. Rüdiger Proßt gerade von der Mittelrheinischen Chirurgenvereinigung den Ludwig-Rehn-Preis erhalten.

Blau auf blau macht zartes Rosa

Immer wieder wurden und werden Farbstoffe auch zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt. In der Wundtherapie etwa waren sie lange Zeit sehr verbreitet. Auch das schon angesprochene Methylenblau, das ursprünglich 1885 von Paul Ehrlich in die Medizin eingeführt wurde, um Zellen zu färben, hatte schon einmal einen interessanten Auftritt als Therapeutikum. Zugetragen hat sich die Geschichte in einem Ort im US-Bundesstaat Kentucky, der den fantastischen Namen Troublesome Creek trägt. Seit fast zweihundert Jahren leben dort die Menschen der Familie Fugate, die aufgrund eines Enzymdefekts eine Methämoglobinämie mit entsprechender Zyanose haben. Das trug ihnen den Namen die blauen Menschen von Troublesome Creek ein. Im Jahr 1960 versuchte der Arzt Madison Cawein eine Behandlung mit Methylenblau, und siehe da: Die Menschen wurden wieder rosa, und zwar innerhalb weniger Minuten. Nicht auf Dauer, natürlich. Hintergrund ist, dass ein Stoffwechselprodukt des Methylenblaus zum Spieler in einer Redoxreaktion wird, in der das Methämoglobin zu Hämoglobin reduziert wird. Die ganze Geschichte wurde im Jahr 1982 in der Zeitschrift Science in einem Beitrag von Cathy Trost erzählt, der hier zu finden ist.

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