Dribbling um die eCard.

7. November 2005
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Der Hausärzteverband zeigt dem Berliner Gerangel um die eCard jetzt die kalte Schulter. Schon ab Januar will er das "Deutsche Hausärztenetz" anbieten, über das extrabudgetäre Verträge elektronisch abgewickelt werden sollen. Die Entscheidung der Hausärzte ist vor allem für die Kassenärztlichen Vereinigungen politisch brisant.

In der Berliner Polit-Posse um die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte ist derzeit das Bundesgesundheitsministerium am Zug: Alle warten auf die Rechtsverordnung, in der unter anderem stehen soll, wie die Testphase finanziert wird, welche grundsätzliche Architektur überhaupt getestet wird und wo. Dem Deutschen Hausärzteverband ist das jetzt zu bunt geworden. Die Kölner preschen ab Januar mit einem eigenen Netz nach vorne, dem Deutschen Hausärztenetz.

Wer online gehen will, muss nicht auf die Karten warten

Wie der Hauptgeschäftsführer des Hausärzteverbands, Eberhard Mehl, mitteilte, werde derzeit zusammen mit dem im eHealth-Sektor recht aktiven Unternehmen T-Systems eine Serverinfrastruktur aufgebaut, die Anfang des Jahres, möglicherweise sogar noch im Dezember, in Betrieb gehen soll. Die Ärzte, die sich beteiligen, wählen sich per DSL bei einem noch nicht benannten Provider ein und stellen so eine Verbindung zum Netzwerk her. Technische Grundlage ist ein Virtual Private Network (VPN), wie das auch für die “offizielle” Telematikinfrastruktur vorgesehen ist. Über das Netzwerk sollen die Ärzte zunächst die Kommunikation und Abrechnung für extrabudgetäre Verträge wie den Barmer-Vertrag, die regionalen AOK-Verträge oder die BKK-Verträge des Hausärzteverbands abwickeln. Dazu wird bei der hausärztlichen Vertragsgemeinschaft (HÄVG) ein Server aufgebaut, der von einem ebenfalls noch nicht öffentlich benannten Dienstleister betrieben wird.
Technisch soll das Netz dem aktuellen Diskussionsstand in der Betriebsgesellschaft der Selbstverwaltung für die elektronische Gesundheitskarte (Gematik) entsprechen. Mit einem wesentlichen Unterschied allerdings: Gesundheitskarten oder Heilberufsausweise werden noch nicht eingesetzt. Mit diesen Komponenten soll das Netz nachträglich aufgerüstet werden, wenn die nötigen Entscheidungen getroffen sind und die Karten die anstehenden Tests erfolgreich bestanden haben.

Wettlauf der Verbände: Wer kriegt seine Leute schneller ans Netz?

Die Entscheidung des Hausärzteverbands, gerade jetzt und relativ schnell mit einem eigenen Netz vorzupreschen, ist politisch brisant. Sie bringt vor allem die Kassenärztlichen Vereinigungen unter Zugzwang. Denn wenn es mit dem Deutschen Hausärztenetz tatsächlich gelingen sollte, eine nennenswerte Zahl von Ärzten dazu zu bewegen, ihre extrabudgetären Verträge und auch ihre Disease Management-Programme elektronisch abzuwickeln, dann werden in Sachen IT-Anbindung der Arztpraxen zumindest im Hausarztbereich Fakten geschaffen, an denen auch die Kassenärztlichen Vereinigungen nur schwer vorbeikommen werden. Diese wollen die Ärzte nämlich gerne über ihr eigenes System Safenet/SaveD ans Netz anbinden. Das KV-Safenet ist derzeit unter anderem in Bayern, Nordrhein und Westfalen-Lippe verfügbar, aber noch nicht besonders weit verbreitet. Da nicht anzunehmen ist, dass irgendein Arzt bereit sein könnte, die Monatsgebühren für den Netzanschluss, wohl um die dreißig Euro, doppelt zu bezahlen, sind Ärzte, die das Hausärztenetz nutzen, aller Voraussicht nach für das Safenet verloren und umgekehrt. Das freilich wäre nur dann so, wenn die Hausärzte über das Hausärztenetz auch KV-Abrechnungen tätigen können. Hier genau setzt der Hausärzteverband an: Wenn erst einmal ein gewisser Prozentsatz der Hausärzte das Angebot Hausärztenetz nutzt, wird den KVen, so das Kalkül, nichts anderes übrig bleiben, als mitzuspielen und eine KV-Abrechnung auch über das Deutsche Hausärztenetz zu ermöglichen.

Bald e-Rezept für Barmer-Kunden?

Interessant ist das Deutsche Hausärztenetz auch deswegen, weil es eine Möglichkeit schafft, die Telematikinfrastruktur weiter zu entwickeln, ohne sich ständig um das Verbandskleinklein in Berlin kümmern zu müssen. Durch die Beteiligung des Unternehmens T-Systems dürfte weitgehend sichergestellt sein, dass die in der Gematik getroffenen Architekturentscheidungen zügig vom Hausärztenetz übernommen werden können. Damit können sich die Hausärzte ganz auf die Anwendungen konzentrieren und diese schneller umsetzen. So hat Mehl bereits angedeutet, dass im Rahmen des Barmer-Vertrags relativ schnell elektronische Rezepte möglich werden sollen, die dann, Berliner Diskussionen hin oder her, über einen Server laufen werden, denn die Gesundheitskarte ist ja noch nicht da. Auch vor aufwändigen Anwendungen wie einer elektronischen Patientenakte soll nicht Halt gemacht werden. “Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt”, so Mehl, der hofft, im ersten Jahr 3000 bis 4000 Nutzer von dem neuen Angebot überzeugen zu können.

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