Mit 66 Jahren…

15. November 2005
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...fängt das Surfen an. Rund 18 Prozent der 60 plus-Generation waren Anfang 2005 laut einer @facts-Studie bereits online. Sie networken weltweit per e-Mail mit ihren Kindern, Enkeln und Freunden, machen Online-Banking und informieren sich in Medizin-Portalen über Krankheiten.

Der zunehmende Run der Senioren auf die WorldWideWeb-Piste geht nicht nur von gesunden Oldies aus. Auch Seh-, Hör- und Körperbehinderte beanspruchen für sich einen weitestgehend unproblematischen Zugang zu Computer, Internet und Handys. Für Parkinson-Kranke beispielsweise wird ein Mausklick zum Alptraum, weil mit der zittrigen Hand höchstens zufällig das gewünschte Symbol erwischt wird. Der Mathematiker und Biologe Helmut Zucker hat mit der "Parkinson-Maus" eine behinderungsgerechte Lösung gefunden. Er entwickelte eine Software, die die Häufigkeiten, mit der ein Cursor wiederholt über ein und das gleiche Symbol "zittert", zum Anlass nimmt, einen automatischen Mausklick zu erzeugen. Für Seh- und Hörgeschädigte, aber auch für Rollstuhlfahrer, wurde das Terminal Pinguin entwickelt. Die Form ähnelt den watschligen Antarktisbewohnern, daher der Name. Statt Maus gibt es einen Touch-Screen. Die Schriftgröße kann am Bildschirm eingestellt werden und die Texte über Lautsprecher oder Kopfhörer vorgelesen werden. Die Beispiele zeigen einen neuen Trend zu seniorengerechter Technik.

Treppenlift und Inkontinenzwindeln

Die speziellen Bedürfnisse der Oldie-Generation werden heute so gut wie nicht beachtet, so der Initiator und Leiter des "Generation Research Program" (GRP) an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Ernst Pöppel. In dem Zentrum mit Sitz in Bad Tölz arbeiten Wissenschaftler aus unterschiedlichsten Disziplinen daran, "humanzentrierte Techniken" zu entwickeln, die ältere Menschen einfach und intuitiv bedienen können. Ihre besondere Herausforderung sehen die Bad Tölzer in einer Mittlerfunktion zwischen Grundlagenwissenschaft und angewandter Produktforschung auf dem Gebiet der Gerontotechnik. Mit Nachdruck weisen sie auf ein großes Innovationspotenzial hin, das einem wachsenden Absatzmarkt aufgrund der demografischen Entwicklung gegenübersteht. Der neue Industriezweig, so die Wissenschaftler der GRP, wird den Wohlstand sichern und neue Arbeitsplätze schaffen. Von der Werbung wird dieser boomende Markt aus unverständlichen Gründen bisher ignoriert. Haftmittel für Zahn-Prothesen, Treppenlift oder Inkontinenzwindeln, ansonsten tut sich in deutschen TV-Spots wenig – insgesamt eine wenig schmeichelhafte Werbung für eine Generation, die sich eher mit grauen Panthern und Silversurfern identifiziert.

Teleskop-Schuhlöffel und Bodycreamer im Seniorenshop

Das GRP ist ein Projekt neben vielen anderen. So testet die Senior Research Group (SRG), eine Gruppe von Menschen im Ruhestand, an der TU Berlin Senioren-Handys hinsichtlich Ergonomie und Einfachheit in der Bedienung. Das Design Zentrum Nordrhein-Westfalen zählt zu den renommiertesten Design-Schmieden für Alltags-Produkte. Die Kreativen prophezeien, dass in zwanzig Jahren die gesamte Kommunikationstechnik "seniorenleicht" sein wird. Erste Prototypen eines neuen Handy-Designs gibt es bei der Firma Senio. Die Deutsche Gesellschaft für Gerontotechnik (DGG) sucht nach Alternativen, die der Silvergeneration ein möglichst langes Leben in ihren eigenen vier Wänden ermöglicht. Auch die Fraunhofer vom Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme sehen ihr technisch total vernetztes "inHaus" als Lösung für Alte und Behinderte. Bis jetzt schürt das Zukunftshaus allerdings lediglich Ängste – vor allem Big-Brother-Ängste. Die ersten marktreifen Produkte werden in Senioren-Shops, wie beispielsweise in der "Seniothek" in Grafingen bei München, angeboten. Das Sortiment besteht u.a. aus Schlüsseldrehhilfe, Teleskop-Schuhlöffel, sprechendem Wecker, Knopfschließer und einem Bodycreamer, mit dem man sich den ganzen Körper selbst einseifen kann.

Menschenwaschmaschine

In Japan, wo die Überalterung der Gesellschaft am schnellsten voranschreitet, hat man sich schon länger mit dem Problem beschäftigt. Bekannterweise haben Japaner ein ausgeprägtes Faible für Roboter, was bereits in viele kleine und große Robotics in der Kranken- und Altenheimpflege umgesetzt wurde. Neu ist die "Menschenwaschmaschine", die von einem an Muskeldystrophie leidenden Geschäftsmann entwickelt wurde. Für einen automatischen Waschgang setzt man sich in einen Stuhl, der rückwärts in die Maschine gerollt wird. Das ganze schließt sich dann automatisch – nur der Kopf bleibt draußen – und das "pflegeleichte" Waschprogramm beginnt.

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