Schach den Keimen

23. November 2005
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Immer mehr resistente Bakterien, immer weniger neue Antibiotika: Der Wettlauf der Medizin mit den infektiösen Winzlingen droht, verloren zu gehen. Doch jetzt wird eine neue Front eröffnet: Eine Stiftung will erreichen, dass Antibiotika verantwortungsbewusster verschrieben, ausgegeben und eingenommen werden.

Die Zahlen sind alarmierend: Jede vierte Pneumokokke, die in den USA einen Infekt der oberen, mittleren oder unteren Atemwege verursacht, ist mittlerweile resistent gegen Penicillin. Drei von zehn können auch über Makrolide nur noch lachen. Nebenan, in Frankreich, sieht es noch düsterer aus: Vierzig Prozent der Pneumokokken sind dort penicillinresistent, und sogar jede zweite reagiert nicht mehr auf Makrolide. Vollends finster ist es schließlich in Fernost: Siebzig Prozent für Penicillin und achtzig Prozent für Makrolide, lauten die Resistenzziffern für Hong Kong-Pneumokokken.

Ab zehn Prozent Resistenzen wird die Antibiotikatherapie zum Mittwochslotto

Die Zahlen stammen von Professor Hartmut Lode, einem anerkannten Infektionsmediziner aus Berlin, der sich den Erhalt der Antibiotika und den Kampf gegen Resistenzen schon vor Jahren auf die Fahnen geschrieben hat. Zwar sieht es in Deutschland derzeit noch wesentlich günstiger aus als in vielen anderen Ländern, was vor allem daran liegt, dass hier wesentlich weniger Antibiotika verschrieben werden als zum Beispiel in Frankreich. Dort sind es fünfmal mehr. Doch auch bei uns steigt der Anteil der resistenten Isolate von Bakterienstämmen an.

Nach nur zwei Prozent Mitte der neunziger Jahre liege man jetzt bei den Pneumokokkenstämmen bei etwa acht Prozent Penicillinresistenzen, so Lode. Bei den Makroliden seien es knapp 15 Prozent. Bei den methicillinresistenten Staphylokokken kommt auch Deutschland langsam an den EU-Standard von 25 Prozent aller Isolate heran. Auf Intensivstationen sind es zum Teil schon heute mehr. Für die medizinische Versorgung von Patienten mit bakteriellen Infekten sind diese Zahlen unmittelbar relevant: "Wenn die Resistenzrate bei einer Substanz oberhalb von etwa zehn Prozent liegt, können wir dieses Antibiotikum für den empirischen Anfangsgebrauch nicht mehr empfehlen", so Lode in Berlin.

Antibiotikum in die Hand drücken reicht nicht!

Was tun? Mit einer neuen Stiftung, der Argus-Stiftung, unternehmen Lode und einige Mitstreiter gerade einen Antwortversuch. Argus ist natürlich ein Akronym und steht für "Antibiotika: Richtiger und gewissenhafter Umgang schützt". Ziel ist es unter anderem, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den problematischen Substanzen zu erziehen. Gezielt wird dabei zunächst auf den Patienten, und um den zu erreichen, hofft man auf Apotheker und Ärzte. In ihren Zielen wird Argus von einer breiten Allianz von Fachorganisationen und Einrichtungen unterstützt, darunter der Bundesverband der Pneumologen, die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie, das Robert Koch-Institut und die Paul Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie.

Weil es zunächst um Aufklärung geht, ist die erste Amtshandlung der Stiftung eine Informationsoffensive, die mit Mitteln des Unternehmens Pfizer zustande gekommen ist. Angeboten werden Plakate, die häufige Missverständnisse im Umgang mit Antibiotika ausräumen sollen und auf häufige Fehler bei der Einnahme hinweisen. Dazu gibt es kleine Handzettel im Rezeptformat, die den Patienten zusammen mit dem Antibiotikum ausgehändigt werden können. Die Zettel enthalten erneut Einnahmehinweise sowie den dringenden Appell, bei der Einnahme des Präparats konsequent zu sein und die Behandlung nicht auf eigene Initiative vorzeitig abzubrechen. Alle Materialien können über die Internetseite der Stiftung bestellt werden.

Impfungen sind nicht zu toppen.

Bei Informationen allein soll es nicht bleiben. Lode plant bereits eine eigene Fortbildungszeitschrift für Heilberufler, die sich ausschließlich mit dem Thema Antiinfektiva beschäftigt. Außerdem soll ein Forschungspreis ausgelobt werden, der Wissenschaftler dazu bewegen soll, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Neuentwicklung von Antibiotika zu stellen. Das vielleicht wirksamste Mittel gegen Resistenzen aber ist ein ganz anderes, wie neue Untersuchungen aus den USA belegen. Hier konnte jetzt nämlich gezeigt werden, dass eine konsequente Pneumokokkenimpfung auch Auswirkungen auf die Resistenzrate der Keime haben kann, wie Professor Stefan Zielen aus Frankfurt anlässlich der Vorstellung von Argus in Berlin erläuterte. Namentlich die Häufigkeit der Makrolidresistenz bei Pneumokokken sei durch den Einsatz eines siebenvalenten Pneumokokkenimpfstoffs innerhalb weniger Jahre fast um die Hälfte zurückgegangen, so Zielen. Gegen Resistenzen sind also offenbar Kräuter gewachsen. Sie müssen nur gepflückt werden.

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