Krise in der Klinik – Schwester vs. Arzt

7. Dezember 2005
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Das waren noch Zeiten, als Oberschwester Gisela dem Chefarzt Prof. Naseweiß während der Visite die Tür zum Patientenzimmer öffnete, bereitwillig die Krankenakten schleppte und auf Kommando Fieberkurve, Pulsstatus und Allgemeinzustand des Patienten aus dem Ärmel schütteln konnte. Und heute? Heute ist alles anders!

Damals, in vielen Häusern auch oft noch mit züchtigen Häubchen ausgestattet, waren die Krankenschwestern dem Onkel Doktor noch gnädigst untertan, führten bereitwillig seine Befehle aus und himmelten (fast) jeden weißen Kittel an, der ihnen auf dem Flur entgegenkam. Und heute? "Könnten Sie den Abwurfbehälter noch leeren, Schwester…?" "Ich? Bin ich hier die Putze oder was? Machen Sie ihn nicht so voll, dann quillt er auch nicht über…!"

Das Verhältnis zwischen dem Pflegepersonal und den Ärzten ist äußerst angespannt und gereizt. Nicht in allen Häusern, aber doch in den meisten. Berichte von Praktikanten, Famulanten und PJ-lern, aber auch von Assistenz- und Stationsärzten zeigen ein deutliches Abbild des zerrütteten Stationsalltags hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen den beiden Berufsgruppen. Was sind aber die Gründe für die Missverständnisse und Feindseligkeiten? Medizinstudent.de hat sich das mal näher angesehen.

Strikte Aufgabenverteilung

In den letzten Jahren hat sich das Arbeitsfeld innerhalb der Pflege deutlich verändert. Der immer weiter ansteigenden Administration innerhalb der Patientenverwaltung hat die Pflege einen Riegel vorgeschoben, zu Recht! Denn auch in ihrem Aufgabengebiet häufen sich nach wie vor die Dokumentationen und Berichterstattungen der Patienten. Da ist kein Platz mehr für das Ausstellen von Untersuchungs-Konsilen, Abheften der Befunde, Nachrichten an Kollegen etc. Aber auch Tätigkeiten am und um den Patienten bleiben liegen. Das Vorbereiten der Blutentnahmen, Aufziehen der Infusionslösungen, neues Krankenblatt anlegen u.v.m. Natürlich alles zum Leidwesen der Ärzte. Denn was das Pflegepersonal nicht macht bleibt jetzt ihnen überlassen. Dennoch: auch bei den Ärzten häufen sich die administrativen Tätigkeiten und die MÜSSEN nun mal ausgeführt werden. Eine zwingend notwendige Stationssekretärin wäre da ein Geschenk Gottes, wenn die Verwaltung denn eine solche Arbeitskraft auch einstellen würde! Tut sie aber in den allermeisten Fällen nicht, wegen der angeblich fehlenden Gelder. Also bleibt dem Arzt nichts anderes übrig als auch diese Arbeit gewissenhaft zu erledigen, will er dem Patienten eine verantwortungsvolle Betreuung und Behandlung angedeihen lassen.

Personalabbau in der Pflege

Ja ja, auch in diesem Berufszweig wird mittlerweile an Personal gespart! Die Änderungen in der Besetzung auf den Dienstplänen sprechen auch hier ein deutliches Wort. Es ist keine Seltenheit, dass beispielsweise in Spätdiensten auf einer 20 Betten-Station mit zwei Pflegekräften gehaushaltet wird, wovon oftmals nur eine examiniert ist. Stelle man sich dabei vor, dass einige Schwerstkranke und Pflegefälle unter den zu betreuenden Patienten weilen – wir sind immerhin in einem Krankenhaus – dann ist dies keine leicht zu bewältigende Arbeit und so einiges bleibt da auf der Strecke. Und wer hat, außer dem Pflegepersonal, das Nachsehen? Rischtisch…Onkel Doktor! Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn zwei gestresste Berufsgruppen aufeinander losgehen und sich gegenseitig die liegen gebliebene Arbeit und deren Folgen unter die Nase reiben. Und eines ist auch klar: wenn die Stechuhr klingelt kann Schwester/Pfleger nach Hause gehen. Der Arzt "könnte" es womöglich auch, aber bräuchte dann am nächsten Tag wohl auch nicht wiederkommen…

Organisierte Berufsgruppen

Bei diesem Thema brauchen sich die Ärzte nichts vormachen: kaum jemand steht öffentlich hinter ihren Forderungen, sie selbst am allerwenigsten. Die letzten Wochen und Monate beweisen es eindeutig. Mühseliges und langjähriges Einwirken einiger weniger Gewerkschaftsgruppen, Assistenzarztvertreter und…ach ja, mehr Führsprecher gibt’s ja gar nicht bei den Ärzten…jedenfalls hat es (zu) lange gedauert, bis sich die Ärzte endlich mal gegen ihre miesen Arbeitsbedingungen zu Wehr setzten. Vergütung und Arbeitszeiten sind natürlich ein wichtiges Thema, aber es geht ja hier um etwas anderes. Während das Pflegepersonal gut organisiert auf sein Arbeitsfeld und die Tarifbestimmungen einwirken kann, stehen die Ärzte allein auf weiter Flur. Kleines Beispiel: während Schwester Gisela und Pfleger Paul einen EDV-Kurs besuchen dürfen um die stationäre Essensbestellungen der Patienten über den PC ordnungsgemäß ausführen zu können, muss Dr. Knitter zusehen wie er klar kommt. So, als ob ihm der Umgang mit den PC´s angeboren wäre. Beispiele solcher Art gibt es genügend.

Ansehen des Berufsbildes

So, und jetzt mal Butter bei die Fische: sind Ärzte was Besonderes? Nein, sind sie nicht. Sie machen ihren Job und das Pflegepersonal auch. Allerdings muss man zugestehen, dass sich einige Kollegen/Innen dem Pflegepersonal gegenüber manchmal schon etwas seltsam benehmen. Die eine oder andere – vielleicht nicht abfällig gemeinte aber dennoch so verpackte Äußerung ist da schon mal gefallen, oder?! Ein kotverschmiertes Bettlaken und verstreute Medikamente auf dem verklebten Boden im Patientenzimmer eines 90-jährigen lässt die Blicke der Ärzte während der Visite nun wirklich zumeist auf Schwester Gisela fallen…unabsichtlich natürlich…und wenn dann dabei noch die Nase gerümpft wird, weiß eigentlich jeder, wie die Aufgaben verteilt sind. Aber das muss alles nicht sein. Ohne Pflegepersonal kommen die Ärzte nun mal nicht aus. Klar, das Medizinstudium dauert sehr lange, die Arbeitszeiten auch, die Bezahlung ist schlecht, ebenso wie die Zukunftsaussichten. Dennoch haben die Ärzte und Studenten sich ihren Job selber ausgesucht, genauso wie das Pflegepersonal auch. Und beide Berufsgruppen dachten sich womöglich etwas dabei, was eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist. Beide sollten sich auch wieder darauf besinnen und wissen, dass nur in guter Zusammenarbeit das alltägliche Miteinander auf der Station Spaß machen und Erfolg für sie selbst und nicht zuletzt für den Patienten bringen kann und muss. Ein gemeinsames Glühweintrinken auf dem nahe liegenden Weihnachtsmarkt zu Feierabend könnte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein…

(Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind vielleicht nicht beabsichtig)

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