Vorsicht scharf – die Straton-Röhre!

13. Dezember 2005
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Wer gedacht hat, die Innovationskraft der Hersteller von CT-Geräten beschränke sich im Wesentlichen darauf, alle anderthalb Jahre die Zahl der einlesbaren Schichten zu verdoppeln, hat sich getäuscht. Nicht nur die Zahl der Schichten, auch die Zahl der Röntgenröhren ist steigerbar. Das Ziel sind immer schärfere Bilder.

Zu genau darf man gar nicht darüber nachdenken. Stellen Sie sich vor, Sie liegen auf Ihrem Rücken, und um Sie herum rasen zwei mehrere Kilogramm schwere Metallklötze, die für jede Umrundung Ihres Körpers genau ein Drittel einer Sekunde brauchen. Schwindlig? Willkommen in einem Computertomographiegerät der allerneuesten Generation.

Die CT-Koronarangiographie ist auf dem Siegeszug

Das Herz eines CT-Geräts ist bekanntlich eine Röntgenröhre. Bei Spiral-CT-Geräten rotiert diese Röhre um den Patienten, während der Patient entlang seiner Längsachse vorwärts oder rückwärts bewegt wird. Moderne CT-Geräte können eine unterschiedliche Anzahl von Schichten gleichzeitig einlesen. Ob vier oder 64 Schichten gewählt werden, hängt außer von den geplanten Einsatzszenarien wesentlich vom Geldbeutel der Klinik oder des niedergelassenen Radiologen ab. Die Dynamik bei der Verbesserung der CT-Geräte hat dazu geführt, dass das CT heute selbst bei traditionell schwierigen Indikationen zunehmend zu einer nicht-invasiven Alternative für die invasive Bildgebung wird. Klassisches Beispiel ist die Gefäßdarstellung am Herzen, die aufgrund der herzschlagbedingten Bewegungen eine große Herausforderung darstellt. Die bisher besten Geräte können Herzkranzgefäße mit ihren Engstellen bei einem großen Teil der Patienten darstellen. Allerdings werden die Ergebnisse schlechter, je weiter peripher das Problem liegt. Auch gibt es Schwierigkeiten bei Menschen mit hoher Herzfrequenz oder ausgeprägten Herzrhythmusstörungen. Nicht selten werden deswegen Betablocker eingesetzt, um für die nötige Ruhe im Herzbeutel zu sorgen. Manchmal reicht auch das nicht.

Doppelröhre stößt bei zeitlicher Auflösung in neue Dimensionen vor

In Zukunft dürften Betablocker deutlich seltener erforderlich sein, wenn das neue CT-Gerät "Somatom Definition" das hält, was der Hersteller Siemens verspricht. Mit dem "Somatom Definition" verabschiedet sich das Unternehmen von dem vor allem mit Philips und GE ausgetragenen Kampf um immer mehr Schichten und führt eine neue Variable in die CT-Welt ein, nämlich die Zahl der eingesetzten Röntgenröhren. Bei dem neuen Gerät sind das zwei statt einer. Der Apparat arbeitet also nicht nur mit multiplen Detektoren, sondern auch mit mehr als einer Strahlenquelle. Bei der offiziellen Präsentation kürzlich in New York hat der neue Siemens-Chef Klaus Kleinfeld die Technologie als eine Revolution in der radiologischen Bildgebung feiern lassen und einen kurzen Einblick in die Initialzündung dahinter gegeben: "Wenn wir morgens aufstehen, denken wir darüber nach, wie wir die Welt verbessern können", so Kleinfeld. Wie dem auch sei, es ist offenbar gelungen, die zeitliche Auflösung gegenüber herkömmlichen 64-Schicht-Geräten auf 83 Millisekunden fast zu halbieren. Damit, so die Siemens-Leute selbstbewusst, ließen sich in Zukunft auch bei Menschen mit Tachykardien und tachykarden Herzrhythmusstörungen gestochen scharfe Bilder der Herzkranzgefäße erzeugen – ohne Betablocker.

Ein Formel 1-Wagen in der Kurve ist nichts dagegen

Möglich wurde das, weil es den Ingenieuren gelungen ist eine neue Röntgenröhre zu zimmern, die Straton-Röhre. Sie ist seit 2003 bereits in dem 64-Schichtgerät "Somatom Sensation 64" im Einsatz. Im Jahr 2005 war sie eines der vier nominierten Projekte für den Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten Horst Köhler. Die Straton-Röhre ist nur halb so groß wie herkömmliche Röntgenröhren, kann entsprechend schneller bewegt werden, nimmt dabei weniger Platz weg und schafft so die Möglichkeit, eine zweite Strahlenquelle mit an Bord des CT-Geräts zu nehmen. Das wurde jetzt beim "Somatom Definition" erstmals vorgemacht. Das weltweit erste derartige Gerät wurde in Erlangen aufgestellt. Installationen in München, Tübingen und den USA sollen folgen.
Für die Patienten bleibt die ganze Hochtechnologie natürlich hinter pastellfarbenen Plastikverblendungen verborgen. Gut so: Sie würden sonst sehen, wie zwei immer noch mächtige Klötze schneller um sie herum schießen als sie mit ihren Augen erfassen können. Und sie würden möglicherweise erstarren, wenn sie daran denken, welchen Kräften das verbaute Material ausgesetzt ist, um eine solche Rotationsgeschwindigkeit zu erlauben. Hersteller Siemens gibt Zentrifugalkräfte an, die dem dreißigfachen der Erdbeschleunigung entsprechen. Ein Formel 1-Pilot in der Kurve ist höchstens der fünffachen Erdbeschleunigung ausgesetzt. Und auch der Pilot eines Kampfjets muss nur ein Drittel dessen aushalten, was das CT-Gerät stoisch erträgt.

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