Das deutsche Gesundheitssystem: Fluch oder Segen?

15. Dezember 2005
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Pressemeldungen November 2005: "Patienten bescheinigen dem deutschen Gesundheitswesen eine hohe Qualität". "Deutsche Patienten mit Gesundheitssystem unzufrieden". Deutsches Paradox von 2 plus oder 5 minus? Oder ist die Diskrepanz hausgemacht? Oder sind Studien ein Instrument der Beliebigkeit?

The Winner is Germany

Anlass für die ambivalente Beurteilung des deutschen Gesundheitssystems ist die aktuelle Studie des Commonwealth Funds (CWF) zur Qualität der Gesundheitsversorgung im internationalen Vergleich. Zielsetzung des Health Policy Survey ist, konkrete Versorgungsdefizite aus Patientensicht quasi als Benchmarking aufzudecken. Erstmals in diesem Jahr wurden auch in Deutschland Erwachsene mit schweren Gesundheitsproblemen nach ihren Erfahrungen befragt. Neben der Bundesrepublik waren zeitgleich Kanada, Australien, Neuseeland, Großbritannien und USA mit von der Partie. Das Ergebnis im Teasertext des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): “Deutschland schneidet in der Gesamtbilanz sehr gut ab, an einigen Stellen gibt es aber auch hierzulande Raum für Verbesserungen.” Kein Anlass zur Beunruhigung?

Mercedes-Fahrer in einem reparaturbedürftigen Golf

Im Gegenteil. Selbst die internationalen Teilnehmer rätseln über eine Diskrepanz, die so nur in der Bundesrepublik zu beobachten sei. Trotz bescheinigter “hoher Qualität” reklamiert ein Drittel der Deutschen eine “komplette Reform” des hiesigen Gesundheitssystems. “Wir fahren einen Mercedes, glauben aber einen reparaturbedürftigen Golf zu steuern”, kommentiert der IQWiG-Chef Peter Sawicki das Paradox. Fazit der internationalen Diskussion: Deutsche Patienten sind kritischer als der Rest der Welt. Genauer hingeschaut, wer die Unzufriedenen sind, ergibt sich folgendes Bild: Signifikant häufiger sind es Patienten mit unterdurchschnittlichem Einkommen, mit gesetzlicher Krankenversicherung, mit niedriger Schulbildung, bei denen Behandlungsfehler aufgetreten sind bzw. die mehr als 1.000 $ jährlich aus eigener Tasche zuzahlen. Übrigens: Ein fast gleich hoher Anteil der amerikanischen Kranken beurteilt das U.S.-System ebenfalls als komplett reformbedürftig.

No Winner, no Looser

In der Gesamtbilanz des CWF, die schwerpunktmäßig die amerikanischen Verhältnisse beleuchtet, heißt es: Keines der beteiligten Länder geht als klarer Gewinner oder Verlierer hervor. Die Schwachpunkte, wie Sicherheits-Risiken, mangelhafte Koordination in der Versorgungskette und ungenügende Patienten-Arzt-Kommunikation, seien von allen Teilnehmern gleich hoch bewertet. Immerhin: Ein Drittel der U.S.-Patienten beklagt häufiger als die anderen sechs Nationen Behandlungsfehler, falsche Medikation und verspätete bzw. unkorrekte Laborbefunde. Von Unzufriedenheit trotz mittelmäßiger Ergebnisse keine Rede.

Zahlen sind geduldig

Dass alles relativ ist, je nachdem welche Parameter in Beziehung gesetzt werden, zeigt eine eigene Auswertung auf der Basis des CWF-Reports. Als Steilvorlage dient ein Auszug aus der Pressemitteilung des IQWiG: “Deutschland hat im internationalen Vergleich die kürzesten Wartezeiten, Laborbefunde sind verlässlicher und liegen schneller vor und wer chronisch krank ist, wird häufiger und regelmäßiger präventiv untersucht.” Im Prinzip ist das alles richtig. Aber Zahlen sind geduldig und deswegen stimmt auch unsere Betrachtung:

Beispiel Zugang zur medizinischen Versorgung

Die Wartezeiten sind in Deutschland, Australien, Neuseeland, Großbritannien vergleichbar niedrig. Neuseeland hat in dieser Stichprobe die kürzesten Zugangszeiten beim Hausarzt. Dafür funktioniert der Notfalldienst und der Zugang zu Fachärzten in Germany besser.

Beispiel medizinische Fehler

Der Anteil der medizinischen Fehler in den letzten zwei Jahren bewegt sich bei allen sechs Teilnehmern bei 20 Prozent mit minimalen Abweichungen. Falsche Befunde werden von den Deutschen und Briten am wenigsten bemängelt.

Beispiel chronisch Kranke

In der Gruppe der chronisch Kranken beklagen Deutsche signifikant häufiger eine mangelhafte Beratung. Deutsche, Briten und Amerikaner werden am seltensten über Nebeneffekte aufgeklärt. Chronisch Kranke in der Bundesrepublik erhalten deutlich weniger ärztliche Anleitungen zur Selbsthilfe.

Relativiertes Paradox

Kommen wir noch einmal auf den Reformbedarf zurück. In der Studie des CWF wird die subjektive Zufriedenheit mit dem jeweiligen Gesundheitssystems anhand dreier Verbesserungsvorschläge abgefragt: 1. geringfügige Änderungen, 2. fundamentale Änderungen, 3. kompletter Umbau. Die zweite Variante wird von allen sechs Teilnehmerländern am häufigsten als erforderlich eingeschätzt. Erstaunlich, aber Deutschland liegt in dieser Gruppe im mittleren Feld. Richtig ist allerdings auch, dass mehr deutsche und amerikanische Patienten einen kompletten Umbau fordern im Vergleich zu den anderen, aber die Prozentsätze liegen weit unter der zweiten Alternative. Nun kann man sich fragen, wo der Unterschied zwischen “fundamental” und “komplett” liegt. Oder warum deutsche Kranke paradoxer sind als die Patienten der anderen Teilnehmer. Der Verdacht auf hausgemachte Problematik verschärft sich.

Gesundheitspropaganda: Deutschland ist Spitze

Wer noch nicht genug hat von Gesundheitsstudien, dem wird folgende kritische Betrachtung empfohlen. Wie gesagt: Alles ist relativ.

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