Paradies mit Retrovirus

10. Januar 2006
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Mit AIDS ist es wie mit Miniröcken - eine kurze Zeit sind sie in Mode und erregen erhebliches Aufsehen. Dann aber hört man lange nichts mehr von ihnen. Während wir in Deutschland das Problem als "Randgruppenerkrankung" verdrängt haben, ist der HI-Virus keineswegs untätig gewesen. Ein Blick in den Südosten Afrikas - nach Moçambique.

Moçambique gehört mit rund 18 Millionen Einwohnern zu den kleineren afrikanischen Staaten. Die ehemalige portugiesische Kolonie, die man 1975 unsanft in die Unabhängigkeit entließ, wurde jahrelang von Rebellenkriegen zerrüttet. Heute ist Moçambique unter der herrschenden Regierungspartei FRELIMO politisch relativ stabil und verfügt über viele Assets, die es zu einem attraktiven Reiseland machen: Freundliche Menschen, traumhafte Strände und azurblaue Lagunen, an denen man sich frische Mangos und Kokosnüsse schmecken lassen kann.

Das Land hat aber auch seine Schattenseiten. Neben einer nicht näher bekannten Anzahl ungeräumter Landminen (ca. 3 Millionen) und der allgegenwärtigen Malaria gibt es einen Killer, der sich in den letzten 10 Jahren nahezu ungestört ausgebreitet hat: Das HI-Virus.

Mehr als 20% der Bevölkerung seropositiv

Die epidemiologischen Daten sind erschreckend. So weisen die offiziellen Statistiken des Gesundheitsministeriums (Ministério da Saúde) für 2002 in der Gruppe der 15-49jährigen eine HIV-Prävalenz von 13,6% aus. UNAIDS geht von 15,7 Prozent der Erwachsenen aus. Die tatsächlichen Zahlen dürften in vielen Gebieten des Landes aber doppelt so hoch liegen, d.h. sie sind irgendwo zwischen 20 und 40% anzusiedeln.

Mit einem Blick in die von den freiwilligen Testzentren geführten Untersuchungslisten (siehe Photo) kann man sich davon überzeugen, dass an manchen Tagen 8 von 10 getesteten Personen seropositiv sind – ein Ergebnis, das jedem europäischen Mediziner die Haare zu Berge stehen lässt.

Landesweit kostenlose HIV-Testung

Das finanziell nicht gerade großzügig ausgestattete Gesundheitssystem Moçambiques versucht mit seinen beschränkten Mitteln, der Epidemie Herr zu werden. AIDS-Patienten, die Glück und Geduld haben, können in den DREAM-Zentren der Gemeinschaft Sant’Egidio eine antiretrovirale Therapie erhalten – wenn sie in der Nähe der Hauptstadt Maputo oder in Beira, der zweitgrößten Stadt des Landes, wohnen.

In Sachen Prävention ist die wichtigste Säule das GATV (Gabinete de Aconselhamento e Testagem Voluntária), eine staatlich geförderte Initiative, die wiederum von der US-amerikanischen PSI (Population Services International) (http://www.psi.org), einer so genannten NGO (Non-Government Organisation) unterstützt wird. Zu den Geldgebern der PSI zählen u.a. die USA, England, Deutschland, Holland, UNICEF, sowie private Stiftungen (z.B. die Bill and Melinda Gates Foundation).

Die GATV-Center bieten in den größeren Städten kostenlose Beratung und HIV-Testung an und sind räumlich häufig an Krankenhäuser angegliedert. Zu den "Activistas" der GATV gehören hauptamtliche und ehrenamtliche Helfer. Die HIV-Testung selbst nehmen meist ausgebildete Pflegekräfte wahr. Die Untersuchung erfolgt anonym und wird schnell und unkompliziert mit Kapillarblut aus der Fingerbeere mit einem handelsüblichen Schnelltest vorgenommen. In Deutschland ist dieser Test übrigens aus unerklärlichen Gründen nicht zugelassen – hier können wir von den Afrikanern in Sachen Prävention möglicherweise etwas lernen.

Mühsame Aufklärungsarbeit

Die HIV-Testung selbst ist jedoch nur eine Bestandsaufnahme. Der wichtigste Bestandteil der GATV-Arbeit ist die Aufklärung. In abgelegenen Gebieten ist hier viel Basisarbeit zu leisten. So wird von manchem Landbewohner das Kondom als eine Art Unterwäsche betrachtet, die zwar liebevoll angelegt, aber ausgerechnet zum Geschlechtsverkehr "ausgezogen" wird. Man sollte diese – aus europäischer Sicht naive – Unwissenheit aber nicht arrogant belächeln. Für uns selbstverständliche Informationen sind in einem Land, dessen Bewohner nur sporadisch Zugriff auf eine Strom- und Wasserversorgung, geschweige denn auf einen Fernseher oder das Internet haben, nur schwer an den Mann bzw. die Frau zu bringen.

Bei der Aufklärungsarbeit gibt es auch sprachliche und kulturelle Hürden. Längst nicht jeder Moçambiquaner beherrscht die offizielle Amtssprache Portugiesisch, sondern kann nur in einem der lokalen Bantu-Dialekte erreicht werden. In einigen Regionen ist auch Monogamie noch keine Selbstverständlichkeit, denn es ist dort für Patriarchen üblich, mehrere Ehefrauen zu unterhalten.

Täglicher Kampf mit dem Mangel

Der alltägliche Kampf gegen AIDS ist daher für Aktivisten wie Ilda Susana João Cuamba, die als Krankenschwester am GATV-Zentrum des Hospital Geral da Machava in Maputo tätig ist, häufig von ganz trivialen Dingen gekennzeichnet. "Uns fehlen Handschuhe, Alkoholtupfer und Lanzetten", so der Projektinitiator André Mulungo, der mehrere Jahre als Austauschstudent in der ehemaligen DDR verbracht hat. "Darüber hinaus haben wir zu wenig finanzielle Mittel, um eine flächendeckende Aufklärung zu gewährleisten."

So sind viele GATV-Mitarbeiter tagelang mit den "Chapas" – in der Regel ausgemusterten japanischen Kleinbussen – unterwegs, um in abgelegenen Teilen des Landes Broschüren und Faltblätter an den Mann zu bringen.
Anbetrachts von mehr als 3,6 Millionen HIV-Infizierten könnte einem da zunächst Don Quichote in den Sinn kommen. Aber nur einen Moment lang. Danach nötigt es einem – als sattem Europäer – Respekt ab, wenn man sieht, mit welcher positiven Einstellung und welchem Engagement hier um ein bisschen mehr Gesundheit gekämpft wird.

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